Medizin

Hirnforschung: Ohne Eltern entwickelt sich das Gehirn anders

Montag, 30. November 2015

Wenzhou –  Kinder, die längere Zeit von ihren Eltern getrennt sind, zeigen Verän­derungen in einigen Hirnregionen, wie chinesische Forscher auf der Jahrestagung der Radiological Society of North America in Chicago berichten.

In China gibt es derzeit eine ausgeprägte Binnenmigration. Viele Menschen aus den abgelegenen ländlichen Gegenden wandern auf der Suche nach besseren Arbeitsplätzen in die boomenden Städte der Küstenregion. Viele lassen dabei ihre Kinder zurück, die von Großeltern oder Verwandten aufgezogen werden.

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Su Lui von der Medizinischen Universität in Wenzhou und Mitarbeiter befürchten, dass die Kinder dabei nicht die notwendige emotionale Wärme und intellektuelle Stimulation erfahren, die ihr Gehirn für eine normale Entwicklung benötigt. Die Forscher haben deshalb kernspintomographische Aufnahmen des Gehirns von 38 „zurückgelassenen“ Jungen und Mädchen im Alter von 7 bis 13 Jahren gemacht und mit den Aufnahmen von 30 chinesischen Mädchen und Jungen im gleichen Alter verglichen, die bei ihren Eltern leben.

Tatsächlich fanden die Forscher einige Veränderungen, die sie mit einer emotionalen Unreife und möglicherweise auch einer verminderten Intelligenz in Verbindung bringen. Die zurückgelassenen Kinder zeigten im Vergleich zu den Kontrollen eine deutliche beidseitige Volumenzunahme im Gyrus fusiformis und im Gyrus parahippocampalis. In der rechten Hemisphäre waren der Lobulus parietalis superior, der Thalamus, der Gyrus occipitalis superior, der Gyrus temporalis superior und der Gyrus frontalis medius vergrößert. Auf der linken Seite fanden die Forscher einen Anstieg der grauen Substanz im Cuneus, Gyrus postcentralis, Gyrus occipitalis medius und im Putamen.

Lui deutet die Ausweitung der grauen Hirnsubstanz nicht als Vorteil, sondern als Folge eines Wildwuchses von Neuronen, denen der „Zuschnitt“ (Pruning) durch die Nähe zu den Eltern fehle. Viele der betroffenen Regionen befinden sich im limbischen System, das neben dem Gefühlsleben auch die Speicherung von Gedächtnisinhalten steuert. Die Vergrößerungen der beiden Gyri parahippocampalis waren in der Tat mit einem geringeren Intelligenzquotienten der untersuchten Kinder assoziiert.

Für die Gesamtgruppe der zurückgelassenen Kinder konnte Liu keine verminderte Intelligenzquotienten nachweisen. Dennoch zeigen die Ergebnisse für den Forscher die Bedeutung, die ein Zusammenleben mit den Eltern für heranwachsende Kinder hat. Für zurückgelassene Kinder der innenchinesischen Migranten wünscht sich Lui eine Betreuung, die die Entwicklung der Kinder fördert. © rme/aerzteblatt.de

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