Medizin

HIV: Prä-Exposi­tions-Prophylaxe kann auch „On demand“ schützen

Mittwoch, 2. Dezember 2015

Paris – Die Einnahme von Tenofovir und Emtricitabin, die als Truvada in den USA bereits seit 2012 als Fixkombination zur kontinuierlichen Prä-Expositions-Prophylaxe angeboten wird, hat in einer französisch-kanadischen Studie auch nach einer anlass­bezogenen Einnahme eine hohe Schutzwirkung erzielt, wie die jetzt im New England Journal of Medicine (2015; doi: 10.1056/NEJMoa1506273) publizierten Ergebnisse zeigen.

Die Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP), die in den USA zur nationalen Präventions­strategie gehört und seit dem letzten Jahr auch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen wird, hat sich in drei Studien als effektiv erwiesen. In der iPrEx-Studie (NEJM 2010; 363: 2587-99) wurde die Häufigkeit von Neuinfektionen um 42 Prozent gesenkt. In der Partners PrEP-Studie (NEJM 2012; 367: 399-410) betrug die Schutz­wirkung 75 Prozent und in der kürzlich publizierten PROUD-Studie waren es sogar 86 Prozent weniger Neuinfektionen (Lancet 2015; doi: 10.1016/S0140-6736(15)00056-2).

Anzeige

Zuvor hatte eine vierte Studie, die FEM-PrEP Studie (NEJM 2012; 367: 411-422) keine signifikante Schutzwirkung erzielt. Experten führten dies damals auf eine niedrige Adhärenz mit der täglichen Tabletteneinnahme zurück. Sie war auch in den anderen drei Studien ein Problem. Teilnehmer der iPrEx-Studie, die bei den Kontrollen nach­weisbar Tenofovir im Blut hatten, waren zu 92 Prozent geschützt.

Die schnelle Bioverfügbarkeit von Tenofovir und Emtricitabin nach oraler Einahme hat das französische Forschungsinstitut ANRS bewogen, die Wirksamkeit einer anlass­bezogenen Präexpositionsprophylaxe zu untersuchen (auch weil sie für die Zielgruppen attraktiver wäre und damit die Adhärenz erhöhen könnte).

An der IPERGAY-Studie („Intervention Préventive de l’Exposition aux Risques avec et pour les Gays“) nahmen an sechs Zentren in Frankreich und einem in Kanada seit 2012 insgesamt 400 HIV-negative Männer oder Transgender teil, die Sex mit Männern hatten und aufgrund ihrer bisherigen Praktiken (ungeschützter Analverkehr) als in hohem Maße infektionsgefährdet eingestuft wurden. Die Teilnehmer wurden auf zwei Gruppen rando­misiert und mit einem Vorrat an Tabletten versehen. Sie enthielten in einer Gruppe 300 mg Tenofovir plus 200 mg Emtricitabin. In der anderen Gruppe waren die Tabletten wirkstofffrei.

Die Teilnehmer wurden instruiert, zwei bis 24 Stunden vor einem absehbaren Sexual­kontakt zwei Tabletten einzunehmen. Eine dritte Tablette sollten sie 24 Stunden nach den ersten beiden und eine vierte Tablette nach weiteren 24 Stunden einnehmen. Bei den Kontrollen wurden die Pillen gezählt und die Vorräte aufgestockt. Bei einer Zwischenauswertung im Oktober letzten Jahres stellte sich heraus, dass – nach einer medianen Beobachtungszeit von 9,3 Monaten – im Placebo-Arm 14 Neuinfektionen aufgetreten waren. Im PrEP-Arm war es dagegen nur zu zwei Neuinfektionen gekommen. Der Unterschied war signifikant. Die Studie wurde daraufhin vorzeitig beendet und allen Teilnehmern wurde eine PrEP angeboten.

Jean-Michel Molina vom Hôpital Saint-Louis und Mitarbeiter geben die relative Schutz­wirkung jetzt mit 86 Prozent (95-Prozent-Konfidenzintervall 40 bis 98 Prozent) an. Sie hätte noch höher ausfallen können, denn die beiden Teilnehmer, die sich im PrEP-Arm mit HIV infizierten, hatten bei den Kontrollen 60 und 58 von 60 ausgegebenen Tabletten zurückgebracht. Sie waren demnach nicht adhärent und bei ihren Kontakten nicht geschützt. Zum Zeitpunkt der HIV-Diagnose war in ihrem Blut kein Wirkstoff nach­weisbar.

Die PrEP könnte demnach effektiver sein, als die Zahlen der „Intention-to-Treat“-Ana­lysen, die alle Teilnehmer unabhängig von der Adhärenz einschließen – vermuten lassen. Das US-National Institute of Allergy and Infectious Diseases bezeichnet die PrEP in einer Pressemitteilung neben der frühzeitigen Einleitung einer Therapie nach Bekanntwerden der Infektion als „vielversprechende Blaupause“, um ein Ende der HIV/AIDS-Pandemie herbeizuführen.

Die Therapie hat sich erneut als sicher erwiesen. Die häufigsten Nebenwirkungen waren Übelkeit/Erbrechen und Bauchschmerzen, die ein Grund für das Adhärenz-Problem vieler Anwender sein könnten. Eine weitere Komplikation war ein Anstieg der Kreatinin-Werte, der allerdings gering ausfiel. Eine gewisse Einschränkung ergibt sich daraus, dass die Teilnehmer im Durchschnitt 15 Tabletten einnahmen und damit kaum weniger als die Teilnehmer der früheren Studie mit kontinuierlicher PrEP. Es ist deshalb nicht ganz sicher, ob die Strategie für Menschen mit seltenen sexuellen Risikokontakten wirksam wäre. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Nachrichten zum Thema

23.06.16
Addis Abeba – Wegen Qualitätsmängeln wird die äthiopische Regierung 69 Millionen Kondome entsorgen, die im Kampf gegen Aids zum Einsatz hätten kommen sollen. Bei Labortests seien die Präservative aus......
21.06.16
HIV: Studie erlaubt Kindern und Teenagern Pillenpause am Wochenende
London – Kinder, die sich vor oder nach der Geburt bei ihrer Mutter mit HIV infiziert haben, müssen lebenslang antiretrovirale Medikamente einnehmen, was vor allem Jugendlichen schwer fällt. Eine......
08.06.16
Bangkok – Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Thailand im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit Aids einen großen Erfolg bescheinigt. Die Übertragung des Aids-erregenden HI-Virus von Mutter auf......
02.06.16
Würzburg – Experten haben eine Ausweitung der Tests auf Hepatitis und HIV gefordert. Es gebe immer wieder Patienten, bei denen Infektionen zu spät erkannt würden, erklärte der Infektiologe Hartwig......
18.05.16
Vatikanstadt – Der Vatikan hat eine bessere medizinische Versorgung für HIV-infizierte Kinder in Entwicklungsländern gefordert. Dies bleibe bisher für „zu viele ein Traum“, sagte Kurienkardinal Peter......
04.05.16
„Gib AIDS keine Chance“ entwickelt sich weiter zu „LIEBESLEBEN“
Berlin/Köln – Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) bündelt die Präventionsmaßnahmen und Informationen zu HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen („sexually transmitted......
28.04.16
Bethesda – Eine einzige Infusion mit sogenannten breitneutralisierenden Antikörpern hat Affen über bis zu 23 Wochen vor einer Infektion mit einem HIV-ähnlichen Virus geschützt. Die in Nature (2016;......

Fachgebiet

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige