Politik

Die Deutschen fühlen sich immer gesünder

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Berlin – Die Sterblichkeitsraten für die meisten Krebsarten sowie für die Indikationen Herzinfarkt, Schlaganfall und koronare Herzkrankheit sind in Deutschland gesunken. Das geht aus dem dritten Bericht „Gesundheit in Deutschland“ hervor, den das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und das Robert Koch-Institut (RKI) heute in Berlin vorgestellt haben.

„Drei Viertel der Deutschen schätzen ihre Gesundheit als gut oder sehr gut ein. In der Tendenz fühlen sie sich seit dem ersten Bericht aus dem Jahr 1998 immer gesünder. Das gilt insbesondere auch für höhere Altersgruppen“, erklärte Bundesgesund­heitsminister Hermann Gröhe (CDU).

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Auch gebe es kaum noch Unterschiede zwischen den alten und den neuen Bundesländern. Im Vergleich zu den Gesundheitsberichten aus den Jahren 1998 und 2006 sei die Lebenserwartung in Ost und West heute nahezu gleich hoch.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen bleiben die häufigste Todesursache
Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall sind dem Bericht zufolge weiterhin die häufigste Todesursache: 39,7 Prozent aller Todesfälle gehen darauf zurück. Sowohl bei Herzinfarkten als auch bei Schlaganfällen gebe es allerdings weniger Neuerkrankungen. Grund dafür seien eine erfolgreiche Prävention, Fortschritte in der Therapie und eine verbesserte Versorgung.

Auch bei vielen Krebsarten seien Erfolge zu verzeichnen, heißt es weiter. Zwar sei die Anzahl der Neuerkrankungen zwischen 2001 und 2011 um etwa 16 Prozent angestiegen. Doch dieser Anstieg sei maßgeblich auf den demografischen Wandel zurückzuführen. Für die meisten Krebsarten sind die Sterblichkeitsraten in den letzten Jahren zurückgegangen. Allerdings sterben heute mehr Frauen an Lungenkrebs. Mit einer Rate von 25 Prozent sind Krebserkrankungen die zweithäufigste Todesursache in Deutschland.

BMG will Nationales Diabetes-Überwachungszentrum gründen
„Besorgniserregend ist die zunehmende Verbreitung von Diabetes mellitus“, betonte Gröhe. „Etwa 6,7 Millionen Menschen leiden in Deutschland über alle Altersgruppen hinweg an dieser Krankheit – 95 Prozent an Typ 2.“ Um der Bedeutung dieser Volkskrankheit gerecht zu werden, will das BMG ein Diabetesüberwachungszentrum beim RKI aufbauen. „Wir werden die Bekämpfung dieser Krankheit weiter verbessern und eine nationale Berichterstattung dazu begründen“, kündigte der Minister an. „Dafür haben wir im aktuellen Gesundheitshaushalt drei Millionen Euro vorgesehen.“

„Diabetes ist ein wichtiges Thema“, betonte auch der Präsident des RKI, Lothar H. Wieler. „In den letzten Jahren ist die Zahl der Diabetespatienten leider deutlich angestiegen. Warum das so ist, ist noch nicht vollständig geklärt.“ Deshalb sei es gut, dass nun ein Nationales Diabetes-Überwachungszentrum eingerichtet werden solle. „Gewiss liegt es daran, dass die Menschen immer älter werden und damit das Risiko steigt, eine chronische Krankheit zu bekommen“, erklärte Wieler. Weitere Gründe seien die Zunahme von übergewichtigen Menschen, aber auch die verbesserte Diagnostik.

Arme Männer sterben mehr als zehn Jahre früher als reiche
Derzeit gebe es zwei große Entwicklungen im Gesundheitsbereich: „Die Menschen werden immer älter. Dadurch nehmen auch die chronischen Erkrankungen zu. Und die Gesundheit ist ganz erheblich vom sozialen Status abhängig.“ Die Daten zeigten sehr klar: Menschen mit einem niedrigen sozialen Status schätzen ihre Gesundheit schlechter ein als Menschen mit einem hohen sozialen Status. Dabei sind sie auch tatsächlich häufiger krank. „Frauen mit niedrigem sozialem Status leiden dreimal so häufig an Diabetes als Frauen mit hohem sozialen Status. Bei Männern liegt dieser Wert doppelt so hoch“, sagte Wieler. Kinder aus sozial schwachen Familien seien häufiger psychisch auffällig. Und Menschen mit niedrigerem sozialem Status stürben früher: Frauen acht Jahre früher und Männer mehr als zehn Jahre früher.

Zahl der HIV-Neuinfektionen steigt seit Jahren wieder an
Weiterhin zu den häufigsten und kostenträchtigsten Erkrankungen in Deutschland zählen Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystems. Während Arthrose, Osteoporose und rheumatoide Arthritis mit zunehmendem Alter häufiger aufträten, beträfen Rückenschmerzen oft schon jüngere Menschen, heißt es in dem Bericht. Muskuloskelettale Erkrankungen verursachen die meisten Arbeitsunfähigkeitstage und sind, nach psychischen Störungen, der zweithäufigste Grund für gesundheitlich bedingte Frühberentungen.

Infektionen verursachen auch heute noch eine hohe Krankheitslast, auch wenn 2013 nur noch eine Infektionskrankheit unter den zehn häufigsten Todesursachen in Deutschland rangierte: die Lungenentzündung, so der Bericht. Die Zahl der HIV-Neuinfektionen steige bereits seit der Jahrtausendwende wieder: 2013 habe es in Deutschland rund 3.300 gegeben. Problematisch seien darüber hinaus nosokomiale Infektionen. Pro Jahr infizieren sich dem Bericht zufolge etwa 400.000 bis 600.000 Patienten im Krankenhaus.  

Jugendliche rauchen seltener
„Besondere Aufmerksamkeit erfordern psychische Störungen“, schreiben die Autoren des Gesundheitsberichts. „Auf Bevölkerungsebene lässt sich bei häufigen Diagnosen wie Angststörungen und Depression kein Anstieg beobachten. Allerdings hat die Zahl der Fehltage und Frühberentungen aufgrund psychischer Störungen in den letzten 20 Jahren deutlich zugenommen.“ Gründe dafür seien Veränderungen in der Arbeitswelt, vor allem aber auch die Enttabuisierung psychischer Krankheitsbilder und die damit verbundene verbesserte Diagnostik.

Rauchen ist in den Industrienationen nach wie vor die führende Ursache vorzeitiger Sterblichkeit. In Deutschland rauchten im Jahr 2013 etwa 29 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen ab 15 Jahren. Seit Anfang der 2000er-Jahre sinken die Quoten, bei Frauen stagniert der Rückgang jedoch seit dem Jahr 2009. Bei Jugendlichen sinken die Raucherquoten seit dem Jahr 2004 kontinuierlich.

Verschiebung von hausärztlicher zu fachärztlicher Versorgung setzt sich fort
„In der ambulanten Versorgung setzt sich die Verschiebung vom hausärztlichen zum fachärztlichen Versorgungsangebot weiter fort“, heißt es in dem Bericht. „Neun von zehn Erwachsene nehmen innerhalb eines Jahres die Leistungen niedergelassener Ärzte in Anspruch. Aktuell sind rund 2,2 Millionen Menschen in der ambulanten Versorgung beschäftigt.“ In ländlichen Gebieten zeichne sich eine geringere Versorgungsdichte als in städtischen Regionen ab.  

Angebote und Inanspruchnahme neuer Versorgungsformen wie hausarztzentrierte Versorgung, Medizinische Versorgungszentren und Disease Management Programme seien deutlich gewachsen. Rund drei Million Versicherte beteiligten sich derzeit an der hausarztzentrierten Versorgung, rund 18.000 Medizinische Versorgungszentren ständen zur Verfügung. An Disease Management Programmen, die derzeit für sechs chronische Erkrankungen angeboten werden, nähmen mehr als 6,5 Millionen Patienten teil. © fos/aerzteblatt.de

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Dr.Bayerl
am Freitag, 22. April 2016, 13:51

Sie haben völlig recht, Herr Kollege, den medizinischen Fortschritten steht eine Entsolidarisierung entgegen.

Ich nenne das gerne "Amerikanisierung" der Gesellschaft.
Von Ärzten wird dann das gefordert, was man für sich selbst längst "abgelegt" hat.
Das neue Spezialstrafrecht für Ärzte ist dabei wirklich typisch Deutsch. Ebenso, wie eine doch etwas zu große Kinderfeindlichkeit, bitte aber hier für den "Normalverdiener" verstanden.
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 5. Dezember 2015, 23:54

Was für unterschiedlich Einschätzungen!

In der ÄrzteZeitung (ÄZ) vom 3.12.2015 auf Springer Medizin liest sich der Titel folgendermaßen: "Zum Gesundheitsbericht des Bundes - So krank sind die Deutschen" [sic!].
Und weiter: "Wie gesund Menschen hierzulande sind, hängt vor allem von ihrem sozialen Status ab. Der Bericht "Gesundheit in Deutschland" zeigt außerdem, welche Krankheiten auf dem Vormarsch sind, was die häufigsten Todesursachen sind und wie hoch die Lebenserwartung der Bundesbürger ist."
http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/versorgungsforschung/default.aspx?sid=900434

Hier im Deutschen Ärzteblatt (DÄ) dagegen wirkt der Titel deutlich schön gefärbter: "Die Deutschen fühlen sich immer gesünder", heißt es dort. Im Sinne einer 'Hofberichterstattung' fährt die DÄ-Redaktion fort - "Donnerstag, 3. Dezember 2015, Hermann Gröhe/dpa - Berlin – Die Sterblichkeitsraten für die meisten Krebsarten sowie für die Indikationen Herzinfarkt, Schlaganfall und koronare Herzkrankheit sind in Deutschland gesunken. Das geht aus dem dritten Bericht „Gesundheit in Deutschland“ hervor, den das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und das Robert Koch-Institut (RKI) heute in Berlin vorgestellt haben. „Drei Viertel der Deutschen schätzen ihre Gesundheit als gut oder sehr gut ein. In der Tendenz fühlen sie sich seit dem ersten Bericht aus dem Jahr 1998 immer gesünder. Das gilt insbesondere auch für höhere Altersgruppen“, erklärte Bundesgesund­heitsminister Hermann Gröhe (CDU). Auch gebe es kaum noch Unterschiede zwischen den alten und den neuen Bundesländern. Im Vergleich zu den Gesundheitsberichten aus den Jahren 1998 und 2006 sei die Lebenserwartung in Ost und West heute nahezu gleich hoch ". (Zitat Ende)

Was ich bei dieser ganzen "Gesundheits"-Begrifflichkeit und dem vollkommenen Fehlen einer „Krankheits“-Achtsamkeit immer wieder als völlig unangemessen empfinde: Dass Millionen von akut und chronisch Kranken, körperlich und/oder geistig Behinderten, schwerst-Pflegebedürftigen, in ihrer interaktiv-kommunikativen und sinn-stiftenden Teilhabe an unserer Gesellschaft bio-psycho-sozial erheblich eigeschränkten Patientinnen und Patienten einfach ausgegrenzt und diskriminiert werden.

Sie haben durch exogene/endogene Krankheiten, Erbleiden, Unfall oder Naturkatastrophen ihre Gesundheit unwiederbringlich verloren, bekommen oft nur wenig zielführendes Mitleid, Distanz oder Ablehnung zu spüren. Sie müssen sehen, wie sie mit ihren umfassenden Krankheits-Folgen klar kommen. Ein geschönter und das Wort Krankheit meidender "Gesundheitsbericht des Bundes" bedeutet, dass sie eigentlich keine Lobby haben bzw. als Wählerinnen und Wähler politisch auch nicht angemessen wahrgenommen werden.

Lediglich uns Ärztinnen und Ärzten bzw. a l l e n im Gesundheits- und Sozialwesen Tätigen wird die primär gesamtgesellschaftliche Aufgabe zugewiesen, uns umfassend um die Belange von Kranken, Schwachen, Alten, Dementen und Hilfebedürftigen zu kümmern. Während Bundes- und Landesregierungen sich alljährlich mit einer eigentlich krankheitsverleugnenden "Gesundheits"-Berichterstattung schmücken?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. St. Moritz/CH)
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