Medizin

SGLT2-Inhibitoren: Euglykämische Ketoazidose und schwere Harnwegsinfektionen

Montag, 7. Dezember 2015

Silver Spring – Die US-Arzneibehörde FDA warnt in einer Drug Safety Communication erneut vor der Gefahr einer Ketoazidose, zu der es bei der Einnahme von SGLT2-Inhibitoren kommen kann. Die US-Fachinformationen müssen außerdem künftig auf die Gefahr von schweren Harnwegsinfektionen hinweisen.

Die FDA hatte zuerst im März 2015 auf die Gefahr einer Ketoazidose hingewiesen. Im Juni hatte dann auch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) eine Sicherheits­prüfung angekündigt. Die Ketoazidose ist normalerweise eine Komplikation des Typ 1-Diabetes. Sie ist Folge eines absoluten Insulinmangels, den es beim Typ 2-Diabetes nicht gibt. Typ 2-Diabetiker haben wegen der Insulinresistenz in der Regel erhöhte Insulinspiegel.

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Die erste Vermutung war deshalb, dass es sich bei den Patienten um Menschen mit Typ 1-Diabetes handelt, die „off label“ mit SGLT2-Inhibitoren behandelt werden (was offenbar in den USA nicht unüblich ist). Die FDA hatte jedoch darauf insistiert, dass die meisten Fälle bei Menschen mit Typ 2-Diabetes aufgetreten waren. Eine weitere Besonderheit war, dass die meisten Ketoazidosen mit einem normalen oder leicht erhöhten Blutzucker einhergingen. Auch dies ist für eine Ketoazidose ungewöhnlich, da die Ketonkörper, die das Blut übersäuern, entstehen, weil die Körperzellen infolge des Insulinmangels den hohen Blutzucker nicht verwerten können.

Inzwischen gilt es als erwiesen, dass es eine „euglykämische“ Ketoazidose gibt und dass SGLT2-Inhibitoren ein möglicher Auslöser sind. Julio Rosenstock vom Dallas Diabetes and Endocrine Center in Dallas sieht in Diabetes Care (2915; 38: 1638-1639) den starken Verlust von Glukose über die Nieren – der Wirkungsmechanismus der SGLT2-Inhibitoren – als Auslöser.

Dadurch sinkt der verfügbare Glukose-Pool im Körper. Der Stoffwechsel steigert, um den Energiebedarf zu decken, die Lipolyse und die Lipidoxidation, angefeuert auch durch eine erhöhte Glukagon-Freisetzung. Es kommt zur Mobilisierung von freien Fettsäuren und Triglyzeriden, aus denen die Ketonkörper entstehen. Die weitere Pathogenese ist wie bei der diabetischen Ketoazidose. Die Ketonkörper induzieren Übelkeit, die Patienten nehmen noch weniger Kalorien zu sich und gleichen ihren Flüssigkeitshaushalt nicht mehr aus.

Die FDA rät deshalb den Patienten, auf Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Müdigkeit und Atembeschwerden als frühe Zeichen einer Ketoazidose zu achten und sich rechtzeitig in medizinische Behandlung zu begeben. Zu den potenziellen Triggern gehören Infektionen, Diäten mit einer zu geringen Zufuhr von Kohlenhydraten oder Kalorien sowie ein Alkoholkonsum. Abgeraten wird erneut vor der Behandlung des Typ 1-Diabetes mit SGLT2-Inhibitoren. Ein mögliches Motiv der „off label“-Behandlung scheint der Wunsch einer Gewichtsabnahme zu sein. Die SGLT2-Inhibitoren sollen hier die Diät verstärken, da mit der Glukose auch Kalorien über die Nieren verloren gehen. 

Eine weitere Warnung der FDA betrifft schwere Harnwegsinfektionen. Dieses Risiko ist vermutet worden, da die Glukose ein potenzieller Energielieferant für Bakterien in den Harnwegen ist. Der FDA sind 19 Fälle einer Urosepsis berichtet worden, zu der es unter der Therapie mit Canagliflozin (10 Fälle) und Dapagliflozin (9 Fälle kam). Alle Patienten mussten im Krankenhaus behandelt werden, davon vier auf Intensivstation. Bei zwei Patienten wurde aufgrund eines Nierenversagens eine Dialyse erforderlich. Die schwere Urosepis trat 2 bis 270 Tage nach Beginn der Therapie auf. © rme/aerzteblatt.de

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