Medizin

Studie: Paracetamol bei Grippe unwirksam

Montag, 14. Dezember 2015

Wellington – Paracetamol, das in der Bevölkerung als Grippemittel populär ist und von medizinischen Leitlinien, wenn auch halbherzig zur Antipyrese bei fiebrigen grippalen Infekten empfohlen wird, hat in einer randomisierten Doppelblindstudie in Respirology (2015; doi: 10.1111/resp.12685) bei Patienten mit Schnelltest-positiver Influenza weder die Symptome gelindert noch die Viruskonzentration vermindert.

Paracetamol hat eine nachgewiesenermaßen fiebersenkende Wirkung. Doch ob die Antipyrese den Heilungsverlauf bei Infektionen fördert, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Die Temperaturerhöhung kann nämlich als physiologische Reaktion des Immunsystems aufgefasst werden, um die Krankheitserreger abzuwehren. Eine Hemmung wäre dann kontraproduktiv.

Anzeige

Tatsächlich haben fiebersenkende Mittel in Tiermodellen die Mortalität der Influenza gesteigert. Dies war für Irene Braithwaite vom Medical Research Institute in Wellington/Neuseeland und Mitarbeitern Anlass genug, die Auswirkungen einer Paracetamol-Therapie bei Patienten mit grippalen Infekten zu untersuchen.

An der randomisierten, doppelblinden placebokontrollierten Studie nahmen insgesamt 80 Patienten teil, die sich in den Wintermonaten einen grippalen Infekt zugezogen hatten und bei denen ein Grippeschnelltest positiv ausgefallen war. Sie wurden auf eine Behandlung mit Paracetamol (4 mal 1 Gramm pro Tag) oder Placebo randomisiert und für die ersten 48 Stunden stationär aufgenommen.

Während dieser Zeit wurde dreimal in einem Nasenabstrich die Konzentration der Virus-Gene (quantitative Polymerase-Kettenreaktion, PCR) bestimmt. Eine vierte Unter­suchung fand 120 Stunden nach Studienbeginn statt. Primärer Endpunkt war das Integral (Area under the curve, AUC) der Viruskonzentration über die ersten fünf Tage der Erkrankung.

Zunächst einmal stellte sich heraus, dass nur 46 der 80 Patienten tatsächlich PCR-positiv waren. Bei 20 weiteren Patienten wurden andere respiratorische Viren und bei den übrigen 14 Patienten gar keine Viren mit der PCR nachgewiesen. Wie Braithwaite berichtet, hatte Paracetamol keinen Einfluss auf die Viruskonzentration. Die AUC der Viruslast war bei den mit Paracetamol behandelten Patienten sogar etwas höher als im Placebo-Arm der Studie, der Unterschied war aber minimal und statistisch nicht signifikant.

Dies ist zum einen eine gute Nachricht, da sich die in den Tierversuchen gemachten ungünstigen Erfahrungen nicht bestätigten. Zum anderen ist es aber eine schlechte Nachricht, da Paracetamol das Abklingen der grippalen Infekte offenbar nicht beschleu­nigt. Die Symptome waren in beiden Gruppen gleich stark ausgeprägt, selbst ein Einfluss auf die Körpertemperatur war laut Braithwaite nicht nachweisbar. Dies mag daran gelegen haben, dass das Fieber bei den meisten Patienten milde war. Alle Patienten wurden zudem mit Oseltamivir behandelt, was den Verlauf der Erkrankung abgeschwächt haben könnte.

Unter dem Strich sprechen die Ergebnisse für Braithwaite nicht unbedingt für den Einsatz von Paracetamol bei grippalen Infekten. Ihr persönlicher Ratschlag ist, die Möglichkeit einer Grippeimpfung in Anspruch zu nehmen und sich nicht auf die Wirkung des Hausmittels Paracetamol zu verlassen. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Hermione
am Dienstag, 15. Dezember 2015, 12:16

Influenza und grippaler Infekt sind nicht dasselbe

Leider werden auch im Ärzteblatt die Begrifflichkeiten durcheinander geworfen: Es geht in der Studie um die "echte Grippe"/ Influenza, mehrfach ist im Artikel aber auch von "grippalen Infekten" die Rede...
Bei letzteren kann Paracetamol durchaus hilfreich sein - zumindest um das subjektive Krankheitsgefühl/ Abgeschlagenheit etc. zu verbessern und bei Fieber einen einigermaßen erholsamen Schlaf zu gewährleisten. Das allerdings ganz ohne Studiendaten und nur durch ERfahrungswerte belegt...
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 15. Dezember 2015, 10:11

Von wegen Oseltamivir-Schleichwerbung - eher Paracetamol-"Bashing"!

Die aktuelle Metaanalyse, am 19. 1. 2015 online in THE LANCET von Joanna Dobson et al. unter dem Titel "Oseltamivir treatment for influenza in adults: a meta-analysis of randomised controlled trials" publiziert, gefördert von der Pharmaindustrie-unabhängigen MUAGS ["Funding - Multiparty Group for Advice on Science (MUGAS) foundation"], bringt Licht in die verworren-widersprüchliche Datenlage um Oseltamivir als Neuraminidasehemmer.

Frühere Cochrane-Publikationen vs. Neuraminidasehemmer waren voreingenommen und tendenziös in ihren pseudowissenschaftlichen Argumentationen: Eine BMJ-Publikation "Oseltamivir for influenza in adults and children: systematic review of clinical study reports and summary of regulatory comments" (BMJ 2014; 348 doi:http://dx.doi.org/10.1136/bmj.g2545) vom 10.4.2014 stammt von Tom Jefferson et al.:
Von 23 Literaturangaben beziehen sich 13 auf konkrete Autoren, 10 stammen von Institutionen. In keinem Fall wird eine Placebo-kontrolliert, doppelblinde, randomisierte, kontrollierte (RCT)-Studie zu Oseltamivir zitiert oder diskutiert. Die gesamte BMJ-Publikation bleibt auf der Meta-Ebene von zitierten Metaanalysen. Die Literaturstelle Nr. 13 von Jefferson et al. "Neuraminidase inhibitors for preventing and treating influenza in healthy adults: systematic review and meta-analysis." BMJ2009;339:b5106 kam zu für Oseltamivir u n d Zanamivir überraschend p o s i t i v e n Ergebnissen ["The efficacy of oral oseltamivir against symptomatic laboratory confirmed influenza was 61% (risk ratio 0.39, 95% confidence interval 0.18 to 0.85) at 75 mg daily and 73% (0.27, 0.11 to 0.67) at 150 mg daily. Inhaled zanamivir 10 mg daily was 62% efficacious (0.38, 0.17 to 0.85). Oseltamivir for postexposure prophylaxis had an efficacy of 58% (95% confidence interval 15% to 79%) and 84% (49% to 95%) in two trials of households."]. Dieser Widerspruch wurde von den Autoren selbst n i c h t mehr angesprochen und ausdiskutiert.

Eine 2. BMJ-Publikation "Zanamivir for influenza in adults and children: systematic review of clinical study reports and summary of regulatory comments" (BMJ 2014; 348 doi: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.g2547) vom 10.4.2014 stammt mit Tom Jefferson als Co-Autor vom fast gleichen Autorenteam: Hier stammt die Literaturstelle Nr. 1 ebenfalls von Jefferson et al. mit den für Oseltamivir u n d Zanamivir p o s i t i v e n Ergebnissen.

Die bisherigen meta-analytischen Metaebenen-Analyse von Metaanalysen sind kein wissenschaftlich legitimiertes Vorgehen. Konkrete, Placebo-kontrollierte, randomisierte RCT-Studien zur Wirksamkeit und/oder Nichtwirksamkeit von Neuraminidasehemmern müssen vorgelegt, kritisch analysiert und gewichtet werden.

Aber auch die hier vorgelegte Studie zu Oseltamivir/Paracetamol verfehlt ihr eigentliches Ziel: Es gibt weltweit keinen einzigen Hinweis, dass Paracetamol kausal gegen Influenza A+B helfen könnte. Die in der Publikation von S. Jefferies et al. "Randomized controlled trial of the effect of regular paracetamol on influenza infection" genannten Schlussfolgerungen ["Conclusion - Regular paracetamol had no effect on viral shedding, temperature or clinical symptoms in patients with PCR-confirmed influenza. There remains an insufficient evidence base for paracetamol use in influenza infection"] verfehlen damit das eigentliche Thema.

Auch wenn Methodik und Durchführung der Studie wiisenschaftlich exakt und korrekt sind ["Methods - This is a randomized, double-blind, placebo-controlled trial of adults aged 18–65 years with influenza-like illness and positive influenza rapid antigen test. Treatments were 1 g paracetamol four times a day, or matching placebo, for 5 days. Pernasal swabs were taken for influenza quantitative RT-PCR at Baseline and Days 1, 2 and 5. Temperature and symptom scores were recorded for 5–14 days or time of resolution respectively. The primary outcome variable was area under the curve (AUC) for quantitative PCR log10 viral load from Baseline to Day 5"].

Paracetamol und andere Analgetika/Antipyretika wie Metamizol/Novaminsulfon (Pyrazolon-Derivate) mit dem Wirkstoff 4-Methylaminophenazon (4-Methylamino-1,5-dimethyl-2-phenyl-1,2-dihydro-3H-pyrazol-3-on) bzw. eher antirheumatisch wirksame NSAR dienen ausschließlich der Symptomlinderung und können weder Krankheits-Dauer noch -Intensität entscheidend ändern.

Antiviral und damit kausal wirksam sind gegenüber Influenza A+B nur und ausschließlich zwei Neuraminidase-Hemmer: Oseltamivir (Handelsname Tamiflu®) als Suspension oder Kapsel oral angewendet und zur Therapie und Prophylaxe ab dem ersten Lebensjahr zugelassen. Zanamivir (Handelsname Relenza®) als weiterer Neuraminidase-Hemmer ist ein Pulver zur Inhalation. Es kann ab dem fünften Lebensjahr zur Therapie verwendet werden. Zwei M2-Membranproteinhemmer sind als Amantadin (in Deutschland nur noch als Generika) und Rimantadin (Handelsname Flumandine®) ohne Bedeutung bzw. nur eingeschränkt zugelassen.

Das größte und entscheidende Handicap der Studie von S. Jefferies et al. in "Respirology - Official Journal of the Asian Pacific Society of Respirology" ["Article first published online: 6 DEC 2015 | DOI: 10.1111/resp.12685"] ist, dass der p a r a l l e l e Einsatz eines gegen Influenza A+B-Viren spezifisch und kausal wirksamen Neuraminidase-Hemmers Olsetamivir gleichermaßen in der Placebo-Gruppe o h n e Paracetamol, e b e n s o wie in der Verum-Gruppe m i t Paracetamol, gar keine wesentlichen Unterschiede ergeben konnte: Die Behandlungs-Effektivität wurde in beiden Gruppen durch Olsetamivir etwa gleich stark wirksam beeinflusst und dominiert.

Man hätte Paracetamol oder Placebo gleichermaßen weglassen können. So wurden nur falsche Erwartungen in eine für die spezifische Influenza-Therapie gar nicht produzierte und nicht zugelassene Substanz Paracetamol geweckt. Der Bock wurde zum Gärtner gemacht.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Health Scientist
am Montag, 14. Dezember 2015, 20:28

Dieser Artikel betreibt Schleichwerbung!





,,Alle Patienten wurden zudem mit Oseltamivir behandelt, was den Verlauf der Erkrankung abgeschwächt haben könnte."

Es wird darauf hingewiesen, dass dieser Wirkstoff mit Risiken verbunden ist:


Die Wirksamkeit von Oseltamivir ist umstritten. Eine Meta-Analyse der Cochrane Collaboration kam Anfang 2012 unter anderem zu dem Ergebnis, dass die Substanz die Fortdauer der Grippesymptome nur um 21 Stunden verkürze und keinen Einfluss habe auf die Häufigkeit, mit der Erkrankte in ein Krankenhaus aufgenommen werden.[8][9][10] Eine Metaanalyse der Cochrane Collaboration von 2014 fand bei einer Behandlung mit Oseltamivir bei Erwachsenen eine Verkürzung der Erkrankungsdauer von 7 auf 6,3 Tage.[5] Jedoch hatte Oseltamivir keinen Einfluss auf die Häufigkeit schwerer Verlaufsformen wie Pneumonie oder Bronchitis und wies unerwünschte Arzneimittelwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen sowie bei prophylaktischer Einnahme Kopfschmerzen, psychiatrische und nierenschädigende Effekte auf. Insbesondere konnte die Einnahme von Oseltamivir nicht den Anteil der Patienten reduzieren, die stationär ins Krankenhaus aufgenommen werden mussten.[5] Weiterhin verwiesen sie auf psychische und neurologische Störungen, die in Studien auftraten aber nicht veröffentlicht worden waren. Daraus zogen die Forscher den Schluss, dass Oseltamivir weniger wirksam ist und schwerere Nebenwirkungen hat als vom Hersteller behauptet.[11]

Ein im Januar 2006 in The Lancet publizierter systematischer Bericht, der auf zwei bereits 1999 und 2004 erschienenen Cochrane Reviews (systematischen Übersichtsarbeiten)[12] zur Prävention und Therapie der Influenza basiert, fasste die Evidenz der antiviralen Therapie zusammen. Im Wesentlichen bestätigten T. Jefferson u. a., dass Neuraminidasehemmer eine Infektion mit Influenza nicht verhindern, jedoch den Verlauf lindern können. Dies gilt nicht für die influenzaähnliche Erkrankung, das heißt die Situation, in der eine Virustestung nicht vorliegt und weitere Viren als Verursacher in Frage kommen. Das Präparat Oseltamivir vermindere zudem die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Ausbreitung der Influenza im häuslichen Umfeld. Dies wurde durch eine Verminderung der Virusausscheidung über die Nase erklärt, die vor allem für die Weitergabe der Infektion verantwortlich sei. Allerdings komme es nicht zu einer völligen Eliminierung der Virusbesiedlung in der Nase.

Die Autoren gingen daher davon aus, dass der alleinige Einsatz von Neuraminidasehemmern in einer Pandemie aufgrund der in einer solchen Situation sehr viel höheren Viruslast nicht ausreichend sein würde, um eine Ausbreitung zu kontrollieren. Vielmehr könnte eine zu optimistische Einschätzung der Wirksamkeit von Neuraminidasehemmern zu einem erhöhten Risikoverhalten und somit sogar zu einer Förderung der Virusausbreitung führen. Der Einsatz von Neuraminidasehemmern während einer Influenza-Epidemie sei daher nur bei zusätzlichen Schutzmaßnahmen wie Isolation oder Schutzkleidung erfolgversprechend. Der routinemäßige Einsatz von Neuraminidasehemmern in üblichen „Grippewellen“ wurde wegen der fehlenden Wirkung bei den grippeähnlichen Erkrankungen nicht empfohlen. Von Amantadin und Rimantadin wurde wegen des ungünstigen Nebenwirkungsprofils und der Resistenzentwicklung abgeraten. Auch für Schwangere und stillende Mütter scheint Oseltamivir ein vertretbares Mittel zu sein.[13] Nach einer neuen Studie hat die FDA entschieden, dass Tamiflu auch Säuglingen verabreicht werden darf.[14]
5.000 News Medizin

Fachgebiet

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige