Medizin

Studie: Singen und Musikhören hilft Demenz-Patienten

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Helsinki – Musik ist nicht nur ein Balsam für die Seele, es kann möglicherweise auch die kognitiven Fähigkeiten von Demenzpatienten verbessern, wie eine randomisierte klinische Studie im Journal of Alzheimer Research (2015; doi: 10.3233/JAD-150453) zeigt.

Das Hören, aber mehr noch das aktive Praktizieren von Musik aktiviert im Gehirn ein breites Netzwerk von Regionen, schreibt Teppo Särkämö vom Institut für Verhaltens­wissenschaften an der Universität Helsinki. Musik sei bei gesunden Menschen in der Lage, verschiedene kognitive Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis zu verbessern, und sie habe nachweislich eine günstige Wirkung auf das Gemüt.

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Ob diese Wirkungen auch bei Patienten mit beginnender Demenz auftreten, hat der Hirnforscher zusammen mit einer Musikschule in einer randomisierten klinischen Studie untersucht. Die „KeytoSong“-Schule wendet sich dabei bewusst an Menschen ohne musikalische Vorbildung.

In der Studie wurden 89 Patienten mit milder bis mittelschwerer Demenz auf drei Gruppen aufgeteilt. Die erste Gruppe wurde in der Musikschule in zehn Stunden langsam an das Singen herangeführt, in der zweiten Gruppe lag der Schwerpunkt auf dem passiven Musikgenuss und dem Austausch unter den Hörern. Die dritte Gruppe erhielt keine musikalische Ausbildung. Gegenstand der Musikstunden waren die Lieder der Kindheit und die Songs, die die Patienten als Jugendliche gerne und häufig angehört hatten. Vor und nach dem Musikkurs führten die Forscher ausführliche neuropsychia­trische Tests durch.

Ergebnis: In beiden Gruppen verbesserte sich der Gemütszustand der Patienten, wobei die Patienten mit einer passiven Musikausbildung sogar ein wenig mehr profitierten als die Patienten, mit denen die Musiklehrer gesungen hatten. Ähnlich waren die Auswir­kungen auf die Lebensqualität. Das Singen hatte dagegen eine größere Auswirkung auf den psychologischen Stress der Patienten und es trainierte das Kurzzeit- und das Arbeitsgedächtnis der Patienten besser als der rein passive Musikgenuss. Bei den jüngeren Patienten half die aktive Musik auch, die Orientierungsfähigkeit  und die Verstandesfunktion zu erhalten, berichtet Särkämö. Wesentliche Teile der Ergebnisse hatte er bereits im letzten Jahr in The Gerontologist (2014; 54: 634-650) veröffentlicht.

In den meisten kognitiven Tests waren die Ergebnisse in den beiden Musikgruppen gleich. Die Patienten konnten während der sechsmonatigen Phase häufig eine Verschlechterung vermeiden, zu der es in der dritten Gruppe gekommen war.

Die Möglichkeiten der Musik werden nach Ansicht des Hirnforschers derzeit in der Betreuung von Demenzpatienten zu wenig genutzt. Särkämö schlägt eine musikalische Weiterbildung der Pflegekräfte vor als eine vermutlich kosteneffektive Möglichkeit, die Betreuung von Demenz-Patienten zu verbessern. Die günstigen Wirkungen von Musik auf Demenzpatienten waren übrigens kürzlich auch Gegenstand des Dokumentarfilms „Alive Inside“. © rme/aerzteblatt.de

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