Medizin

Künstliche Befruchtung: Erfolgschancen auch nach dem neunten Versuch

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Bristol – Die meisten IVF-Zentren stufen die Chancen auf eine Schwangerschaft nach drei oder vier erfolglosen Zyklen als so gering ein, dass sie von weiteren Versuchen abraten. Die Erfahrungen britischer Zentren, die jetzt im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2015; 314: 2654-2662) vorgestellt wurden, zeigen jedoch, dass auch nach einem neunten Versuch noch eine Schwangerschaft erzielt werden kann. Das Alter der Frau war der wichtigste begrenzende Faktor.

Die Human Fertilisation and Embryology Authority ist in Großbritannien gesetzlich verpflichtet, die Ergebnisse aller künstlichen Befruchtungen zu registrieren. Dabei wird auch erfasst, welche Form der assistierten Reproduktion gewählt wurde und um den wievielten Versuch es sich handelt. Es war deshalb für Debbie Lawlor von der Universität Bristol ein leichtes, die Erfolgsrate der 257.398 in-vitro-Fertilisationen (IVF) zu ermitteln, die zwischen 2003 und 2010 bei 156.947 Frauen durchgeführt worden waren.

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Die kumulative Erfolgsrate zu berechnen, war schon schwieriger. Es ist nämlich nicht bekannt, ob Frauen, die nach einem oder mehreren IVF-Zyklen die Behandlung abbrechen, die gleiche Erfolgschance gehabt hätten wie Frauen, die weitere Versuche unternehmen. Lawlor stellte deshalb gleich mehrere Berechnungen an. Neben einer konservativen Schätzung (die die Chancen der Abbrecher mit Null annimmt) und einer optimalen Schätzung (die Abbrecher haben die gleichen Chancen wie die Weiter­macher) hat sie noch eine altersadjustierte Rate (die das Alter der Frau einfließen lässt) und eine prognose-adjustierte Schätzung angestellt. Sie geht davon aus, dass 30 Prozent der Abbrecher keine Chance mehr auf eine Schwangerschaft gehabt hätten. 

Mit Ausnahme der konservativen Schätzungen kommen alle Berechnungen zu dem Schluss, dass ein Abbruch der IVF-Behandlung nach drei oder vier Zyklen aus medizinischer Sicht nicht gerechtfertigt ist. Unter der optimalen Annahme könnte die kumulative Chance auf eine Lebendgeburt von 59 Prozent nach drei Zyklen auf 78 Prozent nach sechs Zyklen gesteigert werden. Nach neun Zyklen waren es sogar 88 Prozent der Frauen. Bei der konservativen Schätzung verharrte die kumulative Schwangerschaftsrate auch bei weiteren Versuchen im Bereich von 43 bis 46 Prozent. In der von Lawlor präferierten Prognose-adjustierten Schätzung steigt die Chance auf ein lebendes Kind von 54 Prozent nach drei Zyklen auf 65 Prozent nach sechs Zyklen und auf 68 Prozent nach neun Zyklen. Sechs Zyklen sind ihrer Ansicht nach eine aus medizinsicher Sicht vernünftige Grenze.

Aus biologischen Gründen bildet das Alter der Frauen (außer bei einer Eizellspende) eine wichtig Grenze. Konnten sich vor dem 40. Lebensjahr nach bis zu sechs Zyklen noch 68 Prozent der Frauen ihren Kinderwunsch erfüllen, waren es im Alter von 40 bis 42 Jahren nur 31 Prozent und im Alter jenseits von 42 Jahren nur noch 10 Prozent (jeweils in der prognose-adjustierten Schätzung).

Weitere in der Studie nicht erfasste Grenzen sind emotionaler und finanzieller Natur. Bei den Frauen steigt mit jedem Fehlversuch die Enttäuschung an und viele dürften sich der jahrelangen Belastung nicht gewachsen fühlen. Auch die finanziellen Kosten dürften irgendwann nicht mehr zu tragen sein. Lawlor beziffert sie mit 66.000 US-Dollar nach drei und 132.000 US-Dollar nach sechs IVF-Versuchen. © rme/aerzteblatt.de

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