Medizin

Neurochirurgen erproben Hirnoperation unter Hypnose

Dienstag, 29. Dezember 2015

Tours – Mit einer „Hypnosedation“ gelingt es französischen Neurochirurgen, bei Wachoperationen auf eine einleitende Narkose während der Öffnung des Schädeldachs zu verzichten. Laut ihrer Studie in Neurosurgery (2016; 78: 53-61) bewältigten die meisten, aber nicht alle, Patienten den Operationsstress.

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Wachoperationen gehören in der Neurochirugie seit langem zur Routine. Bei Tumoroperationen sind sie die beste Möglichkeit, die Ausdehnung der Operation auf Regionen zu begrenzen, deren Verlust für den Patienten noch tolerierbar sind. Die Operation ist für den Patienten schmerzfrei, da das Gehirn keine nociceptiven Rezeptoren besitzt.

Die Öffnung des Schädeldachs belastet den Patienten jedoch durch unangenehme Geräusche und andere Wahrnehmungen. Die meisten Neurochirurgen beginnen die Operation deshalb unter einer Allgemeinanästhesie und wecken den Patienten vor der eigentlichen Resektion des Tumors. Häufig wird der Patient am Ende der Operation, wenn seine Kooperation nicht mehr benötigt wird, wieder in Narkose versetzt. Dieses übliche Verfahren wird auch als „asleep-awake-asleep“ oder AAA-Prozedur bezeichnet.

Ein Team um Ilyess Zemmoura vom Centre Hospitalier Universitaire de Tours, Frank­reich, verzichtet auf die Narkose zu Beginn und am Ende der Operation. Stattdessen versucht ein Anästhesist, den Patienten bereits vor Beginn der Operation durch ein hypnotisches Gespräch in Trance zu versetzen. Schon während der Anlage der venösen oder arteriellen Verweilkatheter soll der Patient an ein Insekt denken, dass sich auf seinen Arm gesetzt hat, um Nektar zu sammeln.

Erst danach erfolgt die Infusion des Opiats Remifentanil. Wenn die Patienten sich nicht entspannen können, ist jederzeit eine kurzfristige Gabe des Hypnotikums Propofol möglich. Eigentlich besteht das Ziel jedoch darin, den Patienten permanent bei Bewusst­sein, besser in einem Trance-Zustand zu halten. Deshalb redet der Anästhesist ständig mit dem Patienten, um dessen Wahrnehmung zu ändern. Die Anlage des Blasen­katheters wird mit der Metapher einer farbigen Energie verbunden, die den unteren Teil des Körpers erwärmt. Unter dem ständigen Zureden des Hypnotiseurs soll der Patient im Geiste eine Distanz von vier Zentimetern zu seinem Körper einnehmen.

Die anschließende Lagerung in der seitlichen Dekubitusposition wird ebenfalls von einer Metapher einer farbigen und warmen Energie begleitet. Die Befestigung der Mayfield Schädelklemmen, die für die Patienten unangenehm ist, wird durch die Vorstellung von Sphären vorbereitet, die sich entlang der Wirbelsäule ausbreiten und schließlich an den Punkten sammeln, wo die Klemmen angesetzt werden.

Die Fixation der Klemmen an Orten, die vorher mit Lidocain lokal betäubt werden, wird den Patienten als ein Druckgefühl angekündigt, das sie an drei mystischen Punkten wahrnehmen werden. Die Hautinzision wird als die Wanderung der Energie zwischen den drei mystischen Orten beschrieben. Es folgen Momente der Entspannung, während der Chirurg das Schädeldach freilegt.

Das Setzen der Bohrlöcher und die Sägegeräusche beim Durchtrennten des Knochens soll sich der Patient als vibrierendes Gerät vorstellen. Ein mögliches Bild ist ein Fahrrad mit dreieckigen oder quadratischen Rädern. Beim Anheben des isolierten Knochenteils werden die Patienten aufgefordert zu husten. Es folgen erneute Momente der Ent­spannung, während der Neurochirurg die Dura mater öffnet. Danach soll der Patient seinen Geist wieder zurück in den Körper bewegen, um bei vollem Bewusstsein den Anweisungen des Operateurs zu folgen.

Die französischen Anästhesisten haben die Hypnosedation bisher bei 37 Patienten versucht, die sich eingesamt 43 Tumoroperationen unterzogen. Alle litten unter Gliomen, die während der Operation entfernt werden sollten. Bei sechs Patienten gelang es dem Anästhesisten nicht, die Patienten in die notwendige Trance zu versetzen. Zwei weitere Patienten entschieden sich gegen eine Hypnose. Bei diesen acht Patienten wurde die Operation nach der AAA-Prozedur durchgeführt. 

Die meisten Patienten gaben nach der Operation in Fragebögen an, dass die Hypnose ihnen geholfen habe, die unangenehmen Phasen der Operation zu ertragen. Dies traf auch auf einige Patienten zu, die die Operation insgesamt als sehr stressbeladen empfanden. Bei einem Patienten wurde später eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Auch dieser Patient beschrieb die Hypnose insgesamt als eine positive Erfahrung.

Für alle Patienten waren der Lärm und die Vibrationen der unangenehmste Teil der Operation. Die Schmerzempfindung ließ dagegen nach, je tiefer die Hypnose war. Am Ende meinten bis auf zwei alle Patienten, sie würden sich nicht erneut für eine Hypnosedation entscheiden, sollten sie sich ein weiteres Mal einer Kraniotomie unterziehen müssen.

Für die Ärzte besteht der Vorteil darin, dass sie nach Beginn der Operation nicht darauf warten müssen, bis der Patient aufgewacht ist. Ein Nachteil der Hypnosedation ist die lange Vorbereitungszeit. Der Patient wird beispielsweise einen Monat vor der Operation zu einer Probe-Hypnose einbestellt. Auch das Training der Anästhesisten, die die Hypnosetechnik erst erlernen müssen, könnte einer breiten Anwendung im Weg stehen. © rme/aerzteblatt.de

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