Medizin

Gesundes Altern: Höhere Vitamin D-Dosis kann Sturzrisiko erhöhen

Dienstag, 5. Januar 2016

Zürich – Der Versuch, die körperliche Fitness älterer Menschen durch eine hochdosierte Behandlung mit Vitamin D zu verbessern, ist in einer randomisierten klinischen Studie im JAMA Internal Medicine (2016; doi: 10.1001/jamainternmed.2015.7148) gescheitert. Die körperliche Leistungsfähigkeit wurde durch hohe Dosierungen tendenziell verschlechtert und es kam sogar vermehrt zu Stürzen.

Weil Vitamine lebensnotwendig sind, wird ihnen häufig eine lebensverlängernde Wirkung zugeschrieben. Da die Aufnahme aus unterschiedlichen Gründen im Alter nachlässt, gelten Senioren als Zielgruppe für eine Substitution. Das Beispiel der antioxidativen Vitamine zeigt, dass die Erwartungen, die sich auf Plausibilitätsüberlegungen und epidemiologischen Studien gründen, nicht der klinischen Realität entsprechen müssen.

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Randomisierte klinische Studien haben gezeigt, dass Beta-Carotin, Vitamin E und auch das Spurenelement Selen nicht vor Krebs schützen, sondern unter Umständen das Erkrankungsrisiko sogar erhöhen. Jetzt könnten sich die Erfahrungen mit Vitamin D wiederholen. Beobachtungsstudien zeigen, dass viele ältere Menschen eine niedrige Vitamin D-Konzentration haben und dass dieser Mangel mit einer verminderten körperlichen Leistungsfähigkeit einher geht. Eine Folge ist ein erhöhtes Knochenbruchrisiko.

Der „Zurich Disability Prevention Trial“ (ZDPT) hat untersucht, ob eine aggressive Vitamin D-Substitution eine beschleunigte Fragilität im Alter verhindern kann. Insgesamt 200 Senioren im Alter von über 70 Jahren, die in den zwölf Monaten vor Studienbeginn mindestens einmal gestürzt waren, aber noch selbstständig zu Hause lebten, wurden nach dem Zufallsprinzip drei Behandlungsgruppen zugeordnet: Eine Gruppe erhielt einmal pro Monat die Standarddosis von 24.000 IE Vitamin D, die zweite Gruppe erhielt einmal pro Monat 60.000 IE Vitamin D, und die dritte Gruppe erhielt einmal pro Monat 24.000 IE Vitamin D plus 300 µg Calcifediol, eine Vorstufe von Vitamin D. 

Bei Beginn der Studie lag das Durchschnittsalter der Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei 78 Jahren, und 58 Prozent hatten einen Vitamin-D-Mangel mit 25-Hydroxyvitamin D Blutwerten unter 20 ng/ml. Die primären Endpunkte der Studie waren zum einen das Erreichen eines Vitamin D-Spiegels von 30 ng/ml, der als optimal angesehen wird. Ein Mangel liegt bei einem Abfall auf unter 20 ng/ml vor. Der zweite primäre Endpunkt war eine Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit in den Beinen, die mit der „Short Physical Performance Battery“ (SPPB), einem Standardtest der Physiotherapie, bestimmt wurde. Ein sekundärer Endpunkt war die Zahl der Stürze. 

Wie das Team um Heike Bischoff-Ferrari vom Universitätsspital Zürich berichtet, erreichten unter der niedrigen Dosierung 54 Prozent der Teilnehmer die angestrebten Vitamin D-Spiegel von 30 ng/ml oder mehr, unter der höheren Dosierung waren es 81 Prozent und unter der Kombination sogar 84 Prozent. 

Doch der biochemische Erfolg wurde nicht durch eine verbesserte körperliche Fitness der Senioren belohnt. Die Unterschiede im SPPB waren gering und eine erhöhtes Vitamin D-Konzentration war keineswegs mit einem verbesserten Ergebnis in dem Test verbunden, der Balance, Gehvermögen und das Aufrichten auf einem Stuhl misst. Tatsächlich erzielte die Gruppe mit der Standardtherapie aus 24.000 IE pro Monat die tendenziell besten Ergebnisse (die Unterschiede waren jedoch statistisch nicht signifikant). Auch der Anteil der Senioren, die mindestens einen Sturz erlitten hatten, war in dieser Gruppe mit 47,9 Prozent niedriger als nach einer Substitution mit monatlich 60,000 IE Vitamin D, wo 66,9 Prozent der Senioren im Verlauf der 12-monatigen Studie stürzten, oder in der Kombinationstherapie aus 24,000 IE Vitamin D plus Calcifediol), wo es 66,1 Prozent waren.

Dies ist ein Ergebnis, das die Autoren nicht erwartet hatten. Ihr Fazit lautet, dass eine Vitamin D-Substitution über die Grenze zum Mangel hinaus vermutlich keinen Vorteil hat. Den Ärzten rät Bischoff-Ferrari, sich an die gängigen Empfehlungen zu halten, die eine tägliche Einnahme von 800 IE Vitamin D oder von 24.000 IE im Monat vorsehen.

Allerdings hatte die Studie keinen Placebo-Arm, so dass offen bleibt, ob eine Substi­tution überhaupt Vorteile bringt. Steven Cummings vom California Pacific Medical Center Research Institute in San Francisco weist im Editorial auf zwei Negativstudien zu dieser Frage hin: In der ersten hatten Kirsti Uusi-Rasi von der Universität Tampere in Finnland durch die Gabe von 800 IE Vitamin D pro Tag weder die körperliche Funktion noch das Sturzrisiko senken können, während ein Balance-Training der Senioren sich als effektiv erwies (JAMA Internal Medicine 2015; 175: 703-11).

In der zweiten Studie hatten Karen Hansen von der University of Wisconsin in Madison und Mitarbeiter vergeblich versucht, mit einer täglichen Substitution von 800 IE Vitamin D die körperliche Funktion von postmenopausalen Frauen unter 75 Jahren zu ver­bessern und ihr Sturzrisiko zu vermindern (JAMA Internal Medicine 2015; 175: 1612-1621).

Mit Spannung werden jetzt die Ergebnisse der amerikanischen VITAL-Studie und der europäischen DO-HEALTH-Studie erwartet. Beide untersuchen die in der ZDPT-Studie eingesetzte Hoch-Dosis-Substitution, wenn auch in einer täglichen statt monatlichen Dosierung. © rme/aerzteblatt.de

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Dr.Bayerl
am Sonntag, 24. April 2016, 11:23

DGE natürlich, Deutsche Ges. für Ernährung

und gleichlautende D-A-CH-Referenzwerte von Deutschland A Österreich und der Schweiz.
Dr.Bayerl
am Sonntag, 24. April 2016, 11:17

Dank an die Kommentatoren, "Zürich" ist weiterhin irreführend.

Mit Erstaunen kann man die Weigerung der DEG und DACH nun schon 20 Jahre verfolgen, bei Vit D die zu niedrige "Substitutionsdosis" endlich anzuheben. Ohne die EU (EFSA2012) wären wir noch bei 400 IE.
Die efsa hat auf Grund bekannter empirischer Daten 2012 die sichere Obergrenze der Substitution von 50µg (2000IE) auf das Doppelte 100µg bei Erwachsenen angehoben,
so dass man zwischen 1000 und 2000IE ganz sicher nicht zu hoch liegt. Unter 1000 IE aber sicher zu niedrig, von der möglichen Laborkontrolle ganz abgesehen, nicht jeder Mensch wiegt 75 kg.
Die USA (NHI) gibt im "Fact Sheet for Health Professionals" an:
".. at least 1,500-2,000 IU/day of supplemental vitamin D might be required in adults, and at least 1,000 IU/day in children and adolescents."
Also auch hier eine Untergrenze "at least", die deutlich höher liegt.
Hundert
am Samstag, 23. April 2016, 22:17

Mehr Stürze durch mehr Vitamin D ?! - Tab.2 zeigt innerhalb der Gruppen das Gegenteil

Die Zahl der (lediglich „adjustiert“ publizierten) Stürze sinkt im 2. Halbjahr gegenüber dem 1. Halbjahr, sowohl unter
24.000 IE mtl. (um 0,06 von 0,52 auf 0,46)
als auch unter
60.000 IE mtl. (um 0,17 von 0,86 auf 0,69)
Der höhere Rückgang in der 60.000 IE-Gruppe ist umso erstaunlicher als diese basal
- relevant mehr Sarkopeniker (20,9% [14/67] vs. 16,4% [11/67]) beinhaltete
- einen höheren Charlson Comorbidity Index
- höheren ‚physical activitiy-score (METs per month)‘, also höheres Sturzrisiko hatte
Clement
am Mittwoch, 6. Januar 2016, 12:52

Studie lässt notwendige Metabolite von Vitamin D außer Acht

Die Substitution von Vitaminen gründet sich bei weitem nicht nur auf "Plausibilitätsüberlegungen und epidemiologische Studien". Hier ein Link zur einer randomisierten, doppel-blinden und sogar Placebo-kontrollierten Studie (letzteres fehlte bei der Studie mit den Senioren) mit dem Ergebnis, dass die isolierte Gabe von 1.000 i.E. Vitamin D täglich das Sturzrisiko bei postmenopausalen Frauen vermindern und die körperliche Balance verbessern konnte:

Effect of isolated vitamin D supplementation on the rate of falls and postural balance in postmenopausal women fallers: a randomized, double-blind, placebo-controlled trial. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26554884

Was die höher dosierte Isolierte Gabe von Vitamin D betrifft, so wäre eine Vergleichsgruppe sinnvoll gewesen, die parallel zur höheren Gabe auch die notwendigen Metabolite bekommen hätte. Um die Knochendichte nachhaltig zu stärken, wäre eine Vergleichsgruppe mit zusätzlicher Vitamin K2 Einnahme interessant gewesen. Es ist bekannt, dass Vitamin D zwar die Calcium-Resorption im Darm fördert, dessen Einbau in den Knochen jedoch von Calcitonin abhängig ist. Vitamin K2 unterstützt die Einlagerung in den Knochen:

Vitamin K supplement along with vitamin D and calcium reduced serum concentration of undercarboxylated osteocalcin while increasing bone mineral density in Korean postmenopausal women over sixty-years-old.http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21860562

Eine andere Studie zeigt, das Magnesium die Wirkung von Vitamin D auf die Kalzifikation von Gefäßen verändert: Magnesium Modifies the Impact of Calcitriol Treatment on Vascular Calcification in Experimental Chronic Kidney Disease. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26487689

Werden höhere Dosierungen von Vitamin D verabreicht, steigt auch der Bedarf an Vitamin K2 und Magnesium. Wird dies außer Acht gelassen, können unerwünschte Wirkungen einer isolierten Gabe von höher dosiertem Vitamin D auftreten. Eine wichtiger Umstand, den die hier diskutierte Studie "Monthly High-Dose Vitamin D Treatment for the Prevention of Functional Decline" völlig außer Acht lässt.

In dem Fazit müsste es also heißen, dass die "isolierte" Gabe von höher dosiertem Vitamin D mit einem höheren Sturzrisiko korrelierte als die "isolierte" niedrig dosierte Gabe. Mehr sagt die vorliegende Studie nicht aus. Gerade bei älteren Menschen spielen Mangelernährung und Malabsorption zudem eine wichtige Rolle. Eine ausreichende Versorgung mit den notwendigen Metaboliten von Vitamin D kann somit angezweifelt werden.
Haiko
am Mittwoch, 6. Januar 2016, 00:18

Vitamin D auch bei Stimmungsstörungen, rez Infekte etc

Bei einem eigenen und familiären Behandlungstest konnte durch die hochdosierte Einnahme von Dekristol 20000 10x1 1.Tag anschl 1-0-0 ab 2. Tag bis Verbrauch nach 40 Tagen eine deutliche Besserung aller drei körperlichen und mentalen Einschränkungen festgestellt werden.
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