Medizin

Demenzmedikament verbessert Gangsicherheit von Parkinson-Patienten

Donnerstag, 14. Januar 2016

Bristol – Der Cholinesteraseinhibitor Rivastigmin, der zur Behandlung von Demenzer­krankungen zugelassen ist, hat in einer Phase 2-Studie in Lancet Neurology (2016; doi: 10.1016/S1474-4422(15)00389-0) die Gangsicherheit von Patienten mit Morbus Parkinson verbessert und die Zahl der Stürze vermindert.

Obwohl es im Endstadium des Morbus Parkinson zu Demenzen kommt, ist die Erkrankung primär eine motorische Störung. Sie hat ihren Ursprung in der Substantia nigra, die nicht in kognitive Leistungen eingreift. Gleichwohl ist der Morbus Parkinson eine Multisystem-Erkrankung: Der Zelluntergang bleibt nicht auf die  Substantia nigra beschränkt, und zu den Hirnregionen, die im Verlauf der Erkrankung geschädigt werden, gehört beispielsweise der Nucleus basalis (Meynert), einer der wichtigsten Acetylcholin produzierenden Kerne des Zentralnervensystems.

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Betroffen ist auch der Nucleus pedunculopontinus in der Nähe der Substantia nigra, der dem Cortex Rückmeldungen über die Bewegungen liefert. Schließlich unterstehen Bewegungen mit zunehmendem Alter der Kontrolle des Bewusstseins. Was in jungen Jahren automatisch geschieht, fällt den Menschen im Alter zunehmend schwerer. Sie müssen sich beim Gehen stärker konzentrieren. Subdementielle Störungen könnten deshalb das Sturzrisiko erhöhen.

Das Gangbild kann durch Messung der Schrittzeiten untersucht werden. Bei zuneh­mender Gangunsicherheit kommt es hier zu Variabilitäten, die deutlich ansteigen, wenn die Senioren durch kognitive Tests beim Gehen abgelenkt werden. Emily Henderson von der Universität Bristol und Mitarbeiter haben jetzt in einer randomisierten Studie die Auswirkungen einer Behandlung mit Rivastigmin, das die Konzentration von Acetylcholin im Gehirn erhöht, auf das Gangbild von Patienten mit Morbus Parkinson untersucht.

An der Studie nahmen 130 Patienten mit Morbus Parkinson teil, die im vorangegangenen Jahr wenigstens einen Sturz erlebt hatten, bei denen jedoch keine kognitive Schwäche nachweisbar war. Die eine Hälfte der Patienten wurde mit Rivastigmin behandelt, das auf eine relativ hohe Dosis von bis zu 12 mg/die hochtitriert wurde. In der anderen Gruppe erhielten die Patienten Placebos. Endpunkt war die Schrittzeiten-Variabilität nach einer Behandlungszeit von 32 Wochen.

Wie Henderson berichtet, hatte Rivastigmin zu diesem Zeitpunkt die Schrittzeit-Variabilität gegenüber Placebo um 28 Prozent gesenkt. Bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 11 bis 42 Prozent war der Unterschied signifikant. Wenn die Teilnehmer durch eine leichte kognitive Aufgabe („Nennen sie möglichst viele Worte mit dem gleichen Anfangsbuchstaben“) abgelenkt waren, betrug der Unterschied in der Schrittzeit-Variabilität noch 21 Prozent (1-38). Wenn die Ablenkung groß war („Nennen sie möglichst viele Worte mit zwei wechselnden Anfangsbuchstaben“) schmolz der Unterschied auf nicht-signifikante 19 Prozent (-9 bis 40).

Die verbesserte Gangsicherheit unter der Rivastigmin-Behandlung hatte Auswirkungen auf die Zahl der Stürze, die signifikant von 2,4 auf 1,4 pro Monat abnahm. Ein Einfluss auf das „Freezing of gait“, ein für den Morbus Parkinson typisches „Einfrieren“ von Bewegungen (Erstarren, Blockade) konnte jedoch nicht nachgewiesen werden. Auch neuropsychologische Endpunkte, wie die Angst zu fallen, die Angst im Allgemeinen und Depressionen, wurden nicht beeinflusst.

Ob eine Therapie mit Rivastigmin gerechtfertigt ist, bleibt fraglich, zumal die hochdosierte Gabe des Cholinesteraseinhibitors nicht ohne Nebenwirkungen ist: 31 Prozent der Patienten (gegenüber 5 Prozent im Placebo-Arm) klagten über Übelkeit und bei 17 Prozent versus 5 Prozent kam es auch zum Erbrechen. Die Editorialistin Caroline Moreau von der Universität Lille rät, die Ergebnisse weiterer Studien abzuwarten, für die sich auch Henderson ausspricht. © rme/aerzteblatt.de

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