Politik

Hepatitis C: „Wir können heilen und sparen dadurch langfristig Geld ein“

Freitag, 22. Januar 2016

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Hannover – Noch nie wurde öffentlich so kontrovers um den Preis eines neuen Wirkstoffs diskutiert wie im Fall von Sofosbuvir. „Unanständig hoch“ nannte ihn zum Beispiel der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery. Doch Sofosbuvir ist zugleich hochwirksam, es kann Hepatitis C heilen. Heiner Wedemeyer, Leitender Oberarzt an der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und Medizinischer Geschäftsführer der Leberstiftungs-GmbH Deutschland über die Auswirkungen der Preisdiskussion auf Ärzte und Patienten und den Wert neuer Behandlungsmöglichkeiten für die Gesellschaft.

Fünf Fragen an… Heiner Wedemeyer, Medizinische Hochschule Hannover

DÄ: Die Preisdiskussion um die neuen Hepatitis-C-Therapien wird in Deutschland sehr emotional geführt. Welche Auswirkungen hat sie auf die verordnenden Ärzte und die Patienten?

Wedemeyer: Wenn wir unseren Patienten sagen, wie teuer ihre Behandlung ist, müssen viele schon schlucken. Auch als Arzt überlegt man genau, ob es sinnvoll ist, ein Arzneimittel zu verschreiben, wenn es so teuer ist. Dass wir genau überlegen, ist aber auch gut. Wenn wir das Gefühl haben, ein Patient ist nicht in der Lage, die Therapie durchzuhalten, erhält er sie nicht. Denn wenn man eine Therapie mit den neuen Hepatitis C-Medikamenten vorzeitig abbricht, können sich Resistenzen bilden. Eine zweite Therapie ist dann oft nicht mehr so einfach möglich. Es gibt also auch medizinische Gründe, manche Patienten nicht zu behandeln. Aber natürlich wiegt das Gebot der Wirtschaftlichkeit bei so teuren Therapien besonders schwer.

DÄ: Der Preis für die neue Hepatitis-C-Therapie ist sehr hoch. In Anbetracht von Therapiekosten in Höhe von 40.000 bis 60.000 Euro, in einzelnen Fällen bis 120.000 Euro, wird dem Hersteller Gilead Geschäftemacherei vorgeworfen. Ist der Preis angesichts der hohen Wirksamkeit des Präparats gerechtfertigt?

Wedemeyer: Das ist eine schwierige Frage, die im Rahmen einer gesamtgesellschaftlichen Diskussion beantwortet werden sollte. Ich kann nur sagen: Mit der neuen Therapie können wir Leben retten. Zudem haben wir erstmals in der Geschichte die Möglichkeit, eine chronische Erkrankung mithilfe einer Therapie auszurotten. Und dabei können wir mögliche spätere Behandlungskosten einsparen, zum Beispiel Kosten für eine Behandlung von Leberkrebs oder für eine Lebertransplantation. Wenn man diese Folgekosten mit einrechnet, sparen Sofosbuvir und die anderen neuen Hepatitis-C-Medikamente der Solidargemeinschaft langfristig sogar Geld ein – trotz der hohen Preise.

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Problematisch ist natürlich, dass jetzt in kurzer Zeit sehr viele Patienten behandelt werden. Deshalb erleben wir gerade einen kleinen Kostentsunami. Wir Ärzte können aber dazu beitragen, dass daraus eine ruhigere Welle wird, wenn wir zunächst vornehmlich die Patienten behandeln, bei denen sich bereits Lebererumbauten wie eine fortgeschrittene Fibrose gebildet haben, und die anderen Patienten später. Auch aus medizinischer Sicht spricht nichts dagegen, wenn man Patienten ohne Lebererkrankung zwei oder drei Jahre später therapiert.

DÄ: In manchen Ländern wie Österreich werden diese Patienten überhaupt nicht behandelt. Die neuen Hepatitis-C-Medikamente erhalten dort nur Patienten mit einer fortgeschrittenen Lebererkrankung. Finden Sie das richtig?

Wedemeyer: Nein, das finde ich nicht. Denn dadurch schließt man Patienten aus, die zu behandeln vielleicht auch sehr sinnvoll wäre. Zum Beispiel einen Medizinstudierenden, der Chirurg werden möchte und das mit einer Hepatitis-C-Erkrankung nicht kann. Oder eine junge Frau, die gerne ein Kind bekommen möchte, aber große Angst davor hat, ihr Baby bei der Geburt anzustecken. Es ist absolut sinnvoll, diese Patienten sofort zu behandeln. Und denken Sie daran: Wir können Sie heilen und sparen dadurch langfristig Geld ein.

Arzneimittelpreise: Innovationen werden immer teurer

2014 kamen 46 Arzneimittelwirkstoffe neu auf den deutschen Markt – ein Rekord. Rekordverdächtig ist auch, dass bei acht Wirkstoffen eine Packung mehr als 10 000 Euro kostet. Der Trend zu immer höheren Preisen für neue Medikamente hält an. Hepatitis C – die Diagnose erhielt Petra Katschinski (46) Anfang der 1990er-Jahre. 

Natürlich muss man dabei im Blick behalten, dass das System auch bezahlbar bleibt. Deshalb müssen wir die Diskussion führen, welche Therapien wir bezahlen wollen: ein neues Krebsmedikament, das das Überleben im Durchschnitt um drei Monate verlängert, ein Rheumatikum, das Symptome lindert, oder ein Medikament, das eine Viruserkrankung heilen kann? Das ist eine schwierige Frage, die die Gesellschaft beantworten muss. Dass wir heute in Deutschland ein System haben, bei der der Nutzen von Medikamenten durch den Gemeinsamen Bundesausschuss bewertet wird und man versucht, auf dieser Basis einen fairen Preis zu finden, ist ein Fortschritt. Dennoch muss man sich fragen, warum eine zwölfwöchige Hepatitis-C-Therapie in Deutschland heute circa 60.000 Euro kostet und in anderen westeuropäischen Ländern weniger als 30.000 Euro. Wir sind mit dieser Diskussion also noch nicht am Ende.

DÄ: Welche Probleme gab es für die verordnenden Ärzte durch den hohen Preis der neuen Hepatitis-C-Medikamente?

Wedemeyer: Viele niedergelassene Ärzte sind sehr verunsichert, wenn sie eine Therapie verschreiben wollen, die so teuer ist. Sie haben Angst vor Regressen. Manche Niedergelassenen haben eine Behandlung deshalb abgelehnt und ihre Patienten in Zentren geschickt. An der MHH haben wir aber Wartezeiten für Leberpatienten von zum Teil über einem Jahr. Die Verunsicherung steigt zudem, weil die Therapie nicht bei allen Genotypen gleich gut wirkt. Genau zu durchdringen, bei welchen Patienten eine Therapie überhaupt sinnvoll ist, welche Behandlung im Einzelfall die beste ist und welches Medikamentenregime am wirtschaftlichsten ist, ist auch für niedergelassene Ärzte oft schwierig, im hektischen Alltag herauszufinden.

DÄ: Wie haben Sie diese Probleme gelöst?

Wedemeyer: Zunächst einmal haben wir jeweils sehr schnell die Leitlinien nach Zulassung eines neuen Medikamentes angepasst. Das bedeutete, vier neue Versionen innerhalb von nur zwölf Monaten zu verfassen! An den Leitlinien können sich alle Fachärzte orientieren. In vielen Regionen sind zudem Strukturverträge zwischen Krankenkassen und den Kassenärztlichen Vereinigungen abgeschlossen worden.

Bei uns in Niedersachsen bekommen niedergelassene Kollegen, die bestimmte Qualitätskriterien erfüllen, ein zusätzliches Honorar, wenn sie bei bestimmten Experten mithilfe eines einfachen Fragebogens eine Zweitmeinung einholen. Wenn sie dies tun, sind sie bei dieser Therapie zudem aus der Wirtschaftlichkeitsprüfung heraus. Das ist eine gute Regelung.

Denn hier gibt es nur Gewinner: Die Niedergelassenen brauchen keine Angst mehr vor Regressen zu haben, wir haben Kontakt zu den niedergelassenen Kollegen und können besondere Fälle direkt besprechen, und die Patienten erhalten ihre jeweils beste Therapie, was somit der Krankenkasse langfristig Geld spart. / fos © fos/aerzteblatt.de

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