Medizin

Zikavirus: ECDC rät zu weitreichenden Maßnahmen

Freitag, 22. Januar 2016

Stockholm – Angesichts einer ungebremsten Ausbreitung des Zikavirus in Lateinamerika rät das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) zu weitreichenden Vorsichtsmaßnahmen. Nicht nur Schwangere sind gefährdet, auch Blutbanken und Samenbanken sollten Überlegungen zum Schutz ihrer Produkte anstellen.

Noch immer ist nicht bewiesen, dass das Zikavirus, das sich derzeit in 22 Ländern Südamerikas und in Thailand ausbreitet, für den Anstieg von Mikrozephalien in den betroffenen Ländern verantwortlich ist oder ein Guillain-Barré-Syndrom auslösen kann, das ebenfalls mit der Ausbreitung assoziiert ist. Zwei Zikavirus-Infektionen in Deutsch­land bei Reiserückkehrern aus Haiti und die erste dokumentierte Mikrozephalie in Hawaii bei einer Reiserückkehrerin aus Brasilien, die die amerikanischen Centers for Disease Control and Prävention Ende letzter Woche bekannt gaben, zeigen jedoch, dass jederzeit mit weiteren importierten Erkrankungen zu rechnen ist.

Anzeige

Das ECDC fordert deshalb nicht nur Frauenärzte, Neurologen und Kinderärzte zu erhöhter Aufmerksamkeit auf. Auch die Labore sollten sich mit Nachweistests bevorraten. Besonders wichtig ist jedoch die Sicherheit von Blutprodukten. Dies gebieten die Erfahrungen aus Französisch-Polynesien. Dort waren bei der letzten Zikavirus-Epidemie in 42 von 1.503 untersuchten Blutspenden (3 Prozent) Virusgene nachgewiesen worden, die Zeichen einer Virämie sind. Es kam damals in keinem Fall zu einer Übertragung des Virus durch Blutprodukte.

In Brasilien berichteten die Medien im März von einer möglichen Übertragung. Die Blutbanken in Europa sollten nach Ansicht der ECDC erwägen, Reiserückkehrer aus den Endemie-Gebieten von der Blutspende auszuschließen. Die Viren wurden auch im Ejakulat eines Mannes gefunden, der zwei Wochen zuvor von einer aktiven Zikavirus-Infektion genesen war. Das ECDC rät, keine Samenspenden von Personen anzunehmen, deren Aufenthalt in den Endemieländern weniger als 28 Tage zurück liegt.

Die Zahl der Mikrozephalie-Fälle ist in den letzten Wochen weiter gestiegen. Bis zum 9. Januar wurden in Brasilien insgesamt 3.530 Verdachtsfälle gemeldet. Hinzu kommen möglicherweise noch Aborte und Totgeburten. Klar scheint, dass die Mikrozephalien nur die leicht erkennbare Variante einer mutmaßlichen Schädigung des Zentralnervensystems ist. In Französisch-Polynesien hatten die Ärzte auch Störungen zerebraler Strukturen, eine Hypoplasie des Kleinhirns, eine Agenesie des Corpus callosum und Dilatationen des Hirnventrikels beobachtet.

Eine Häufung von Guillain-Barré-Syndromen wurde bisher aus Brasilien (121 Fälle), Venezuela (15 Fälle), El Salvador (46 Fälle) und Martinique (1 Fall) gemeldet. Wie bei den zerebralen Fehlbildungen ist die Kausalität nicht bewiesen. Doch auch hier gibt es Parallelen zur Situation in Französisch Polynesien.

Derweil suchen Genetiker nach möglichen Erklärungen für eine verstärkte Pathogenität des Erregers. Ein Vergleich der Genome deutet auf eine Veränderung im NS1-Codon hin, die die Vermehrung des Virus in menschlichen Zellen erleichtert haben könnte. Dies ist derzeit aber noch eine Spekulation, wie auch die Vermutung, das Virus könnte im letzten Jahr während der Fußballweltmeisterschaft nach Brasilien eingeschleppt worden sein, nicht belegt ist. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Nachrichten zum Thema

30.05.16
WHO: Zu wenig Geld für effektive Zika-Bekämpfung
Genf – Die Weltgesundheitsorganisation WHO klagt über zu wenig Geld für die effektive Bekämpfung der Zika-Epidemie. Um den internationalen Aktionsplan zum Stopp der rasanten Ausbreitung des Virus......
27.05.16
Zikavirus: ECDC sieht geringes bis mäßiges Ausbreitungsrisiko in Europa
Stockholm – Die europäischen Behörden bereiten sich auf eine mögliche Ausbreitung des Zikavirus in Europa vor. Die Krankheitserreger könnten über Schiffe, Flugzeuge oder im Körper von Touristen oder......
23.05.16
Zika-Impfstoff soll ab November getestet werden
Rio de Janeiro – Brasilien und die USA kommen bei der Entwicklung eines Impfstoffes gegen das Zika-Virus schneller als gedacht voran. Im November sollen die ersten Tests an Affen und Mäusen starten.......
20.05.16
Südamerikanischer Zika-Virusstamm erstmals in Afrika entdeckt
Brazzaville – Der in Südamerika grassierende Zika-Virusstamm hat nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO erstmals Afrika erreicht. Das Institut Pasteur habe bestätigt, dass es sich bei den......
18.05.16
Kopenhagen - Das Zika-Virus könnte sich ab dem Frühsommer auch in einigen Ländern Europas ausbreiten. In Deutschland besteht jedoch laut einem Bericht des europäischen Regionalbüros der......
18.05.16
Gelbfieber: WHO beruft Dringlichkeit­streffen ein
Genf – Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat für Donnerstag ein Dringlichkeitstreffen zum Ausbruch von Gelbfieber angesetzt, das derzeit vor allem das südwestafrikanische Angola betrifft. Bei den......
13.05.16
Berlin - In Deutschland ist erstmals eine Übertragung vom Zikavirus auf sexuellem Weg diagnostiziert worden. Wie das Robert Koch-Institut im Epidemiologischen Bulletin (2016; doi:......

Fachgebiet

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige