Medizin

Neurologen und Psychiater stellen überarbeitete S3-Leitlinie Demenzen vor

Mittwoch, 27. Januar 2016

Berlin – Die wissenschaftlichen belegten Therapieoptionen bei Demenzen stärker zu nutzen und gleichzeitig weniger sinnvolle Maßnahmen zu unterbinden – dafür setzen sich die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) ein. Die Fachgesellschaften stellten heute in Berlin  gemeinsam die vollständig neu überarbeitete „S3-Leitlinie Demenzen“ vor. Nach mehr als fünf Jahren Arbeit von 23 Fach­gesell­schaften, Berufsverbänden, und Organisationen von Ärzten Therapeuten, Pflege­personal und Patienten liegen nun revidierte Regeln für die Diagnostik und die Behandlung von Demenzerkrankungen vor.

„Demenzerkrankungen sind in der Medizin ein relatives Stiefkind und werden in der Hälfte der Fälle in der Versorgung nicht erkannt“, stellte Wolfgang Maier, DGPPN und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn voran. „Viele Ärzte haben auch Vorurteile in dem Sinne, dass die Erkrankung nicht behandelt werden kann.“ Mit der Veröffentlichung der Leitlinie wollen die Fachge­sellschaften die Botschaft senden, dass Alzheimer-Demenz, die zwei Drittel der Fälle ausmacht, und andere Demenzformen zwar nicht zu heilbar, aber gut zu diagnostizieren und zu verbessern seien.

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Früherkennung von Alzheimer-Demenz ist möglich
„Die Zeit des therapeutischen und diagnostischen Nihilismus ist vorbei“, sagte Jörg Schulz, Direktor des Neurologischen Universitätsklinikums in Aachen. „Wenn die fachlich richtigen Methoden gewählt werden, können Alzheimer-Erkrankungen mit einer Vorhersagestärke von 85 bis 90 Prozent prognostiziert werden.“ Es gebe Marker, die mit etwa zweistündigen neuropsychologischen Untersuchungen gefunden werden könnten.

Jeder Patient mit sicher diagnostizierten klinischen Vorzeichen, einer so genannten MCI (Mild Cognitive Impairment), sollte über die Möglichkeiten einer Frühdiagnostik aufgeklärt werden. „Wir gehen davon aus, dass frühe präventive Maßnahmen die Chance erhöhen, den Fortschritt der Erkrankung zu bremsen – jeder sollte ein Recht haben, diese Option zu nutzen“, forderte Schulz.

Umgekehrt raten die Experten der Leitlinie von einem Screening (kognitive Tests, Kurztests, apparative Verfahren) bei Personen ohne Beschwerden und Symptome – einzig mit dem Ziel, eine mögliche Demenzerkrankung auszuschließen – deutlich ab. Anbieter solcher Privatleistungen für Selbstzahler werden von der Leitliniengruppe als nicht seriös angesehen.

Risiken für Demenzen mindern
„Es gibt wahrscheinlich Möglichkeiten, das Risiko einer Demenzerkrankung zu mindern“, sagte Frank Jessen, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Köln und Leitlinienkoordinator der DGPPN. „Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Hypertonie und Übergewicht sind Risikofaktoren für Demenz, denen man frühzeitig medizinisch entgegenzuwirken kann.“ Regelmäßige körperliche Aktivität und eine mediterrane Ernährung  seien zudem präventive Faktoren. Für den Nutzen zusätzlicher Vitaminpräparate gebe es hingegen keine Evidenz. Rauchen gilt auch als Risikofaktor für Demenz. „Wir raten auch von mäßigem Alkoholkonsum ab, weil diese immer mal wieder ausgesprochene Empfehlung leicht zu Missbrauch führen kann“, betonte Jessen.

Hinweise auf positive Wirkung von Gingko biloba
Hinsichtlich der medikamentösen Therapie von Alzheimer-Demenz gibt es wenig Neues. „Wir haben zwar nur ein kleines Arsenal an nachweislich wirksamen Substanzen, diese können wir aber gezielt und individuell einsetzen, sagte Richard Dodel, Kommissarischer Leiter der Neurologischen Universitätsklinik in Marburg.

Acetylcholinesterase-Hemmer förderten die Fähigkeit der Patienten, ihre Alltags­aktivitäten zu verrichten und stabilisierten die kognitive Funktion bei einer leichten bis mittelschweren Alzheimer-Demenz. Memantin verbessere die Alltagsfunktion und den klinischen Gesamteindruck bei Patienten mit moderater bis schwerer Alzheimer-Demenz. „Neu ist, dass Ginkgo biloba bei Patienten mit leichter bis mittelgradiger Alzheimer-Demenz oder vaskulärer Demenz, die zusätzlich unter Verhaltensänderungen wie Depression oder Antriebsstörungen leiden, Hinweise auf eine positive Wirkung zeigt“, betonte Dodel.

Neuroleptika, die Demenz-Patienten gegeben werden, die zusätzlich an Psychosen oder aggressiven Verhaltensänderungen leiden, bewertete der Experte hingeben als „Hoch-Risiko-Medikamente“. „Der Einsatz führt zu erhöhter Mortalität, Schlaganfallrisiko und sollte nur sehr eng gestellt und nicht länger als drei Monate verordnet werden“, so Dodel.

Psychosoziale Interventionen wirkten so gut wie Medikamente
Neben der pharmakologischen Therapie spielen die psychosozialen Interventionen eine wesentliche Rolle: „Das Gehirn ist auch bei fortscheitender Demenz noch lernfähig; krankheitsbedingte Einschränkungen können mit kognitiver Stimulation, individuell angepasster Ergotherapie oder gezielten körperlicher Aktivitäten kompensiert werden“, betonte Maier, eine der beiden Sprecher der Leitlinie. Psychosoziale Interventionen wirkten so gut wie Medikamente und seien gleichrangige Bausteine im Gesamt­behandlungsplan von Demenzerkrankungen.

„Die Anwendung solcher Verfahren sollte möglichst zu Hause erfolgen. Damit werden nicht nur Lebensqualität, Fähigkeiten und positive Gefühle der demenziell Erkrankten gefördert, sondern vor allem auch die Pflegenden entlastet“, sagte Maier.

Intensive Angehörigentrainings sollten zudem eingesetzt werden, um Belastungsfolgen wie Depressionen oder Burnout bei Pflegenden zu vermeiden, betonte Maier. Auch Remineszenzverfahren und gezielte körperliche Aktivitäten werden in der S3-Leitlinie empfohlen. Für multisensorische Verfahren, wie Snoezelen oder Musiktherapie, gebe es hingegen kaum Evidenz. „Verbesserung sind jedoch häufig nur vorübergehend und die Reichweite ist begrenzt“, schränkte Maier ein. © pb/aerzteblatt.de

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