Medizin

Depression: US-Gremium fordert Screening für Schwangere

Donnerstag, 28. Januar 2016

Washington – Frauen sollten während der Schwangerschaft und nach der Geburt auf Depressionen untersucht werden. Dies fordert die US Preventive Services Task Force, ein einflussreiches Gremium des US-Gesundheitsministeriums. Die Begründung findet sich in einem Evidenz-Report im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2016; 315: 388-406).

Während in Deutschland ein Screening auf Depressionen nur für Hochrisikogruppen gefordert wird – beispielsweise für Patienten, die aufgrund früherer depressiver Störungen oder komorbider somatischer Erkrankungen gefährdet sind – sind die Ärzte in den USA angehalten, alle erwachsenen Patienten nach Symptomen einer Depression zu befragen. Als Instrument wird meist der Fragebogen PHQ-9 verwendet, der neun Fragen zur Depression stellt und innerhalb von fünf Minuten mit 80-prozentiger Genauigkeit eine Verdachtsdiagnose liefert. Die Empfehlung wird mit der Häufigkeit und der hohen Morbidität von Major-Depressionen begründet, die nach einer Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation bis zum Jahr 2020 die zweithäufigste Erkrankung direkt nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein wird.

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Schwangerschaft und postpartale Phase waren bisher von den Empfehlungen ausge­nommen. Zu Unrecht, wie ein Team um Elizabeth O’Connor vom Forschungszentrum des Versicherers Kaiser Permanente Northwest jetzt in seinem Evidenz-Report feststellt. Danach erkranken 9,1 Prozent aller Frauen während der Schwangerschaft und 10,2 Prozent in der Postpartum-Phase an einer depressiven Episode. Die Depression gefährde dann nicht nur die Gesundheit der Mutter, sondern auch das Kind, dessen Entwicklung auf die Interaktion mit der Mutter angewiesen sei.

Die Autoren empfehlen zum Screening die Edinburgh Postnatal Depression Scale (EPDS), die in Studien die Depression mit einer Sensitivität von 67 bis 100 Prozent und einer Spezifität von über 87 Prozent erkannt habe. Die anschließende Behandlung konnte in den von den Autoren bewerteten Studien die Häufigkeit der Depressionen relativ um 18 bis 59 Prozent und absolut um 2,1 bis 9,1 Prozentpunkte senken.

Zur Behandlung wird die kognitive Verhaltenstherapie empfohlen, die in Studien die Chancen auf eine Remission um 34 Prozent (95-Prozent-Konfidenzintervall 19 bis 50 Prozent) erhöht hat. Die Behandlung mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahme­hemmern (SSRI) der zweiten Generation wird ebenfalls empfohlen, obwohl diese Medikamente in Beobachtungsstudien mit einer Reihe von Komplikationen assoziiert waren.

Dazu gehören neben Präeklampsie, Fehlgeburten, Frühgeburten und neonatalen Krampfanfällen auch das Serotonin-Entzugssyndrom und eine pulmonale Hypertonie, die in den letzten Jahren Anlass für Sicherheitswarnungen der FDA waren. Nach Einschätzungen der Autoren ist das absolute Risiko jedoch so gering, dass es den Nutzen der Behandlung nicht infrage stelle. © rme/aerzteblatt.de

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