Politik

Fortbildung: Ringen um Unabhängigkeit

Donnerstag, 28. Januar 2016

Köln – Die Fortbildung darf nicht durch kommerzielle Interessen verzerrt werden. Das ist leichter gefordert als realisiert – nicht nur in Deutschland.  Die Anerkennung einer Fortbildungsmaßnahme setzt voraus, dass . . . die Inhalte frei von wirtschaftlichen Interessen sind und Interessenkonflikte des Veranstalters und der Referenten offen-gelegt werden.“ So steht es in der Muster-Fortbildungsordnung der Bundesärztekammer (BÄK) und entsprechend in den Fortbildungsordnungen der Ärztekammern. Ähnliche Anforderungen bestehen in anderen Ländern.

Angesichts eines international kaum vergleichbaren rechtlichen und institutionellen Rahmens werden allerdings unterschiedliche Wege eingeschlagen, um eine allein am aktuellen Wissensstand orientierte, nicht durch ökonomische oder sonstige Interessen verzerrte ärztliche Fortbildung zu erreichen. Sie waren Thema der vierten Cologne Consensus Conference, veranstaltet von der European Cardiology Section Foundation (ECSF). 

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USA und Kanada: Dort werden die Anbieter zertifiziert
Anders als in Deutschland werden in den Vereinigten Staaten und in Kanada nicht die CME-Veranstaltungen zertifiziert, sondern die Anbieter (Provider). Das Accreditation Council for Continuing Medical Education (ACCME) in Chicago, eine gemeinnützige, aus Gebühren finanzierte Einrichtung, zu deren Gründungsmitgliedern die American Medical Association gehört, hat insgesamt 1.900 Fortbildungsanbieter akkreditiert. Darunter sind mehrheitlich Kliniken mit ihren Fortbildungsabteilungen, aber auch medizinische Fachgesellschaften aller Größen, Regierungsagenturen wie die Arzneimittelzu­lassungsbehörde FDA, Verlage und 42 State Medical Societies der Bundesstaaten, die selbst wieder regionale Anbieter zulassen.

Die Akkreditierung erfolgt befristet zunächst auf zwei, bei Folgeanträgen dann auf vier oder sechs Jahre, in einem aufwendigen formalisierten Verfahren einschließlich eines Peer Reviews durch zwei unabhängige Experten. Der Anspruch: eine Akkreditierung nach einheitlichen Qualitätsstandards. Ausgeschlossen sind Bewerber, die ein Produkt oder eine Dienstleistung für Patienten produzieren, bewerben oder vertreiben. Die Herkunft der Mittel und Interessenkonflikte sind offenzulegen. „Die ganze medizinische Community muss Verantwortung übernehmen, um kommerzielle Verzerrungen der Fortbildung zu verhindern, aufzuspüren, zu berichten und abzustellen“, forderte ACCME-Präsident Graham McMahon.

In Deutschland sollen bei der CME-Zertifizierung die „Empfehlungen zur ärztlichen Fortbildung“ der BÄK Berücksichtigung finden, die im Blick auf das Sponsoring seit seit 2015 stärker ins Detail gehen. Ein Sponsor darf demnach ‧weder direkt noch indirekt die fachliche Programmgestaltung, die Referentenauswahl oder die Fort‧bildungsinhalte beeinflussen. Vom Sponsor gestellte Referenten und Autoren sind ebenso ausge­schlossen wie produktbezogene Informationsveranstaltungen von Unternehmen. Der Sponsor sowie Art und Höhe seiner Leistung sind auf der letzten Seite des Programms zu nennen. Ein Stand des Sponsors muss von der Fortbildung räumlich getrennt sein. 

Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) wirbt dafür, über diese Anforderungen noch hinauszugehen. Klaus Lieb, Vorsitzender des AkdÄ-Fachaus­schusses für Transparenz und Unabhängigkeit in der Medizin und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz, sprach sich in Köln dafür aus, in der Fortbildung auf Geld der Pharmaindustrie und Medizinproduktehersteller ganz zu verzichten.

Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft: Mehr Informationen

Die AkdÄ lobt die frühe Nutzenbewertung und kritisiert, wie Pharmafirmen versuchen, sie zu unterlaufen. Fünf Jahre nach Inkrafttreten des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes (AMNOG) zeigt sich zunehmend der Mehrwert, den das Gesetz erbringt.

Als unabhängig und objektiv könne eine Fortbildung nur dann gelten, wenn Referenten in den zurückliegenden zwei Jahren keine Zuwendungen von der Industrie erhielten und keine anderen Bindungen wie Aktienbesitz beständen. Eine Kooperation in der Forschung schließe das nicht aus. Nur müssten solche Projektgelder dann auf Drittmittelkonten fließen. Mit der Tatsache, dass 60 Prozent der Ärzte in Deutschland gesponserte Fortbildungsveranstaltungen besuchten, dürfe man sich nicht abfinden, meinte Lieb. Ärzte, die direkt den Informationen der Industrie ausgesetzt seien, verschrieben mehr und verursachten höhere Kosten. Lieb: „Gute Fortbildung kann nicht umsonst sein.“ 

Rahmenbedingungen müssen verlässlich sein
Gute Fortbildung lasse sich nicht nur an wissenschaftlichem Ruf und ärztlicher Kompetenz der Referenten erkennen, stellte ECSF-Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. med. Reinhard Griebenow heraus. Ärzte müssten auch das Drumherum im Blick behalten. „Fortbildung muss von den äußeren Rahmenbedingungen bis zu den Prinzipien der inhaltlichen Darstellung für die Teilnehmer verlässlicher werden.“ Besorgt ist Griebenow darüber, dass neben traditionellen Veranstaltern hierzulande neue CME-Anbieter, wie Veranstaltungsagenturen und Unternehmen, aufträten, die durch kommerzielle Interessen geprägt seien. Griebenow warf die Frage auf, ob und wie hier die ärztliche Entscheidungsautonomie über Fortbildungsinhalte zu sichern ist. © Stü/aerzteblatt.de

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