Medizin

Dick oder dünn: Epigenetischer Schalter erklärt Übergewicht

Montag, 1. Februar 2016

Freiburg – Gene beeinflussen das Körpergewicht, doch selbst bei eineiigen Zwillingen ist häufig einer dick, der andere aber nicht. Den Grund vermuten Forscher in Cell (2016; 164: 353-364) in einem epigenetischen Schalter, der möglicherweise bereits in Kindes- und Jugendalter ein späteres Übergewicht beeinflusst.

Mehr als eine halbe Milliarde Menschen auf der Erde sind zu dick. Der Grund ist eine über längere Zeit positive Energiebilanz. Doch welche Menschen mehr Kalorien zu sich nehmen als sie benötigen, kann genetische Gründe haben. Bei den Europäern sind beispielsweise Menschen mit einer Mutation im FTO-Gen gefährdet, eine Adipositas zu entwickeln. Bei Mäusen kann das Gen Trim28 eine Adipositas auslösen. Ein Modell sind Mäuse mit einer einzigen Genkopie von Trim28. Sie macht einige, aber nicht alle Tiere bereits im Jugendalter dick. Auffällig an diesem Gen ist, dass die Tiere in zwei Gewichtsklassen fallen, sie sind entweder dick oder schlank. Zwischenstufen sind selten.

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Ein Team um Andrew Pospisilik vom Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg vermutete deshalb einen Schalter. Da die Mäuse genetisch identisch waren, konnte er nicht an den Genen selbst zu suchen, sondern in äußeren Faktoren. Bei den Mäusen könnte dies an der Temperatur im Labor oder an der Anzahl der Tiere liegen. Pospisilik konnte dies nicht klären. Die Experimente ergaben jedoch, dass die Entwicklung der Adipositas mit der verminderten Aktivität bestimmter Gene einherging. Sie gehören laut Pospisilik zu einem epigenetischen Netzwerk, das es offenbar auch beim Menschen gibt.

Dies zeigt ein Vergleich von 18 Kindern, die an der Universität Leipzig wegen einer Adipositas in Behandlung sind, mit schlanken Kindern. Die adipösen Kinder exprimierten im Fettgewebe weniger Trim28. Außerdem war das gleiche epigenetische Netzwerk wie bei den Mäusen vermindert. Ob die Ergebnisse repräsentativ sind, lässt sich aufgrund der geringen Fallzahl nicht klären. Pospisilik hat jedoch die Gewichtsverteilung der Bevölkerung in den USA und in China analysiert. In beiden Ländern meint er in den Verteilungskurven einen zweigipfeligen Verlauf erkennen zu können. Ob er auf die Verteilung von Trim28 in der Bevölkerung zurückzuführen ist, bleibt vorerst reine Spekulation.  

Ein epigenetischer Einfluss auf das Körpergewicht wird von Epidemiologen seit einiger Zeit vermutet. Das bekannteste Beispiel ist der Hungerwinter 1944/1945 in den Niederlanden zur Zeit der deutschen Besatzung. Frauen, die während ihrer Schwangerschaft zu wenig zu essen hatten, bekamen Kinder, die im späteren Leben übergewichtig wurden. Heute könnten andere Faktoren in der Schwangerschaft und vielleicht auch während der Kindheit das Gewicht der Erwachsenen vorbestimmen. Der Nachweis eines Trim28-Mangels im Fettgewebe könnte ein Indikator dafür sein.

Pospisilik zieht in der Pressemitteilung einen interessanten Vergleich mit Honigbienen. Eine Biene ist von der Geburt an zur Königin bestimmt, während die anderen sich zu Arbeitsbienen entwickeln, obwohl alle den gleichen Genpool haben. Biologen sprechen von einem Polyphänismus. Beim Menschen könnte er bestimmen, ob jemand von Natur aus schlank bleibt oder zum Übergewicht neigt, wobei sich der Mensch anders als die Bienen durch eine Ernährung gegen sein Schicksal wehren könnte. © rme/aerzteblatt.de

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EEBO
am Sonntag, 14. Februar 2016, 23:55

Schon verstanden, keine Sorge,

ich sehe das mit dem Essen genauso, steht übrigens auch im letzten Satz der Meldung, und natürlich wird hier keine Tablette vom Himmel fallen, die die Methylierung der DNA ändern wird. Womöglich war die Biene zur Erläuterung des Begriffes der Epigenetik ungünstig, das Thema aber als "blöde" zu bezeichnen (Ihre Rede, nicht meine), ist vollkommen unangemessen, hat mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung nichts zu tun, und daran ändert auch der erläuternde Kommentar nichts.
Dr.Bayerl
am Sonntag, 14. Februar 2016, 01:00

Liebe(r)EEBO, Sie haben meinen Beitrag nicht verstanden, deshalb etwas ausführlicher:

Ich betreibe nun mal seriös (auch) Ernährungsberatung. Und mich stört ganz gewaltig, weil kontraproduktiv, der "mediale Trend" das Übergewicht von der Überernährung zu trennen. Dazu gehört auch der sehr unwissenschaftliche Wunsch "den Stoffwechsel anzukurbeln", nur um weiter FALSCH essen zu können, was man halt gerne möchte, das hat als falsches Konzept bereits Medizingeschichte (Hyperthyreose etc.). Vielleicht gehören Sie ja auch dazu, weil Sie so säuerlich auf die kausale Überernährung für Übergewicht reagieren ("blödsinnig"!!!).
Viele der hier zitierten "Laborwerte", die Sie nicht verstehen, sind FOLGEN und nicht Ursachen der Überernährung.
Der "epigenetische Schalter" erinnert daher psychologisch an die berühmte Drüse, die aus Luft Fett machen kann, weil es nun mal sehr häufig an der eigenen Einsicht fehlt, dass man schlicht zu viel isst. Therapie ohne diese "Selbsterkenntnis" bleibt erfolglos.
Menschen sind nicht gleich. Natürlich kenne ich den Unterschied von Übergewichtigen (Mehrheit) und Schlanken (Minderheit), das ist keineswegs nur Selbstdisziplin, sondern ein durchaus gravierender Unterschied im Sättigungsgefühl. Ob das unbedingt "gesünder" ist, wage ich zu bezweifeln, besonders im Alter ist niedriges Gewicht, noch mehr eine Gewichtsabnahme eindeutig nachteilig.
Damit kommen wir bereits zur qualitativen Zusammensetzung, nicht nur zum zu viel oder zu wenig.
Und hier wird es auch in Zukunft keine Tablette geben, die unsere (genetisch) nicht besonders gesunde Industrieernährung einschließlich dem Überangebot an Leckereien gewachsen wäre.
Ich hoffe, Sie wissen nun, was mich am Vergleich mit der Honigbiene stört.
EEBO
am Samstag, 13. Februar 2016, 20:37

Meine zwei Cent dazu...

Blödsinnig (abgesehen, daß der Artikel nicht nur Bienen, sondern auch Mäuse erwähnte)? Ich bin absolut kein Experte für Epigenetik oder Endokrinologie und Stoffwechsel, aber solch plumpes Abwatschen einer Hypothese ist tatsächlich eines - blödsinnig!
Übrigens - es hat nichts mit Libido zu tun, sondern heißt "ad libitum"!
Dr.Bayerl
am Freitag, 12. Februar 2016, 23:05

Die Biene ist kein Säugetier :-)

besser ist da schon der Vergleich mit Laborratten:
Bietet man denen Nahrung "ad libidum" (im Überfluss) an, werden sie alle übergewichtig, nicht nur die Chefin.
Ähnlich nachteilig wirkt sich ein Zusatz von Zucker aus.

Auch der Mensch ist genetisch offensichtlich nich auf ein Nahrungsüberangebot eingestellt.
Also bitte nicht so blöde Theorien mit irgendwelchen Schaltern,
sondern weniger essen.
(Und nicht so viel Zucker und Kohlenhydrate)
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