Medizin

Protonentherapie: Erste Langzeiterfahrungen beim Medulloblastom

Dienstag, 2. Februar 2016

Boston - Die Protonentherapie, die weltweit erst an wenigen Zentren möglich ist, erzielt bei Kindern mit Medulloblastom vermutlich gleich häufig eine Heilung wie die Radiotherapie mit Photonen. Den Patienten bleiben laut einer Behandlungsserie in Lancet Oncology (2015; doi: 10.1016/S1470-2045(15)00167-9) jedoch die lokalen Nebenwirkungen nicht erspart. Ein Vorteil könnten die (bisher) fehlenden Spätfolgen an Herz, Lungen und Magen-Darm-Trakt sein.

Das Medulloblastom gehört zur den Krebserkrankungen der ersten Lebensjahre, die eine gute Heilungschance haben. Die Behandlung  besteht in einer operativen Entfernung des Tumors und einer Strahlentherapie, die wegen der Ausbreitung über den Liquorraum auch das Rückenmark einbezieht. Je nach Risikokonstellation erhalten die Patienten anschließend eine Chemotherapie. 

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Die Strahlentherapie ist oft mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden, zu denen neben einem Hörverlust (mit negativen Auswirkungen auf Lernen und Sprachentwicklung) und kognitiven Störungen auch Fehlfunktionen der Hypophyse sowie toxische Wirkungen auf Herz, Lunge, Schilddrüse, Wirbelsäule und Fortpflanzungsorgane gehören.

Eine Tendenz besteht deshalb darin, das Ausmaß der Strahlentherapie zu begrenzen. Ein anderer Ansatz ist eine Erhöhung der Zielgenauigkeit der Radiotherapie. Unüber­troffen ist hier eine Protonentherapie. Sie hat gegenüber der konventionellen Strahlentherapie mit Photonen (sprich elektromagnetischen Wellen) den Vorteil, dass die Tiefenwirkung begrenzt ist: Die Protonen haben eine begrenzte Eindringtiefe, während die elektromagnetischen Wellen das Gewebe in der Regel durchdringen. 

Zu den Pionieren der Protonentherapie gehört das Massachusetts General Hospital in Boston, wo seit Mai 2003 Patienten mit Medulloblastom bestrahlt werden. Torunn Yock und Mitarbeiter haben die Daten der ersten 59 Patienten zusammengestellt, die bis zum 10. Dezember 2009 behandelt wurden. Bei den meisten Patienten konnte der Tumor teilweise oder vollständig durch eine Operation entfernt werden. Alle Patienten erhielten eine Chemotherapie sowie eine kraniospinale Protonen-Bestrahlung (Dosis 23,4 biologisches Gray-Äquivalent, GyRBE, plus eine mediane Boost-Bestrahlung von 54,0 GyRBE). 

Im Durchschnitt sind 7 Jahre seit der Behandlung vergangen. Die progressionsfreie Überlebensrate nach 5 Jahren betrug laut Yock 85 Prozent (95-Prozent-Konfidenz­intervall 69-93 Prozent) für Patienten mit Standardrisiko und 70 Prozent (45-85 Prozent) bei Patienten mit mittlerem bis hohem Risiko. Dies entspricht in etwa den Ergebnissen, die mit der derzeitigen Standardbehandlung unter Einbeziehung der „Photonen“-The­rapie erreicht wird.

Da das Gehirn nach wie vor bestrahlt wird, kommt es zu einem Hörverlust vom Grad 3-4, an dem nach fünf Jahren 16 Prozent der Patienten litten. Bei den meisten Kindern wurden in zahlreichen Tests kognitive Einschränkungen festgestellt. Mehr als die Hälfte der Patienten zeigte auch hormonelle Störungen, am häufigsten war es ein Mangel an Wachstumshormon.

Ein Vergleich zur konventionellen Strahlentherapie ist schwierig, da die Studie keine Vergleichsgruppe hatte. Sie wäre laut Yock nur schwer zu organisieren gewesen. Viele Strahlentherapeuten betrachten eine Randomisierung aufgrund der angenommenen Überlegenheit als unethisch.

Der wichtigste Vorteil der Protonentherapie könnte aufgrund der verminderten Eindringtiefe die Schonung von Herz, Lungen und Magen-Darm-Trakt in der Nähe des Rückenmarks sein. In diesen Bereichen ist es laut den Autoren bislang bei keinem Patienten zu Spätfolgen gekommen. Die Protonentherapie ist wegen des hohen technischen Aufwands – es müssen haushohe Teilchenbeschleuniger installiert werden – sehr kostspielig. In Deutschland ist sie bislang nur an wenigen Zentren möglich. In anderen Ländern, wie bis vor kurzem in Großbritannien, gibt es gar keine Einrichtungen. © rme/aerzteblatt.de

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