Ausland

Großbritannien gibt grünes Licht für Genmanipulation an Embryos

Montag, 1. Februar 2016

London – Großbritannien hat die Genmanipulation an menschlichen Embryos im Rahmen eines Forschungsprojekts erlaubt. Wissenschaftler des Francis Crick Instituts in London hätten die Genehmigung erhalten, die Gensequenz menschlicher Embryos zu verändern, teilte die zuständige Behörde für Befruchtung und Embryologie (HFEA)  am Montag mit.

Die Forschungsgruppe um die Wissenschaftlerin Kathy Niakan darf somit im Rahmen ihres Projektes zum Thema Frühgeburten untersuchen, welche Gene zur erfolgreichen Entwicklung eines Embryos beitragen. Die Genehmigung des Forschungsprojektes durch eine Ethikkommission steht den Angaben zufolge noch aus. Deutsche Experten bewerteten den Vorstoß skeptisch.

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Veränderte Embryonen dürfen Frauen nicht eingesetzt werden
Der Direktor des Francis Crick Instituts, Paul Nurse, zeigte sich erfreut über die Entscheidung. Er hoffe, dass im Zuge des Projekts die Ursachen für Unfruchtbarkeit weiter erforscht und „die Erfolgsraten der künstlichen Befruchtung verbessert“ werden könnten. Den Angaben zufolge wollen sich die Wissenschaftler auf die ersten sieben Tage nach der Befruchtung der Eizelle konzentrieren und im Zuge des Projekts bestimmte Gene der Embryos gezielt verändern. Die veränderten Embryos dürfen keiner Frau eingepflanzt werden. Bevor das Team starten kann, muss noch eine britische Ethikkommission zustimmen. Deren Sprecherin sagte, die Entscheidung falle normalerweise nach 30 Tagen, höchstens aber nach 60 Tagen.

Anglikanische Kirche steht der Entwicklung offen gegenüber
Die anglikanische Kirche in Großbritannien hatte bereits im Dezember betont, dass sie Veränderungen der Gensequenz aufgeschlossen gegenüberstehe, solange „Fragen der Sicherheit, Effektivität und Fairness“ berücksichtigt würden. In einem Beitrag für die Zeitung The Guardian betonte der medizinethische Berater der anglikanischen Kirche, Brendan McCarthy, grundsätzlich wolle die Kirche niemanden davon abhalten, „von einem großen Fortschritt in der Genetik und künstlicher Befruchtung zu profitieren“. Es müsse jedoch sichergestellt werden, dass verantwortungsvoll mit einer „so bedeutenden Behandlung und deren Regulierung“ umgegangen werde.

Konkret zielt die Genehmigung auf das Gen-Editing-Verfahren CRISPR/Cas9 ab. Damit können Forscher wesentlich präziser als bisher Teile der DNA ausschneiden oder einsetzen. Dass diese Methode nun genehmigt sei, sei das Neue, sagte ein Sprecher des Francis Crick Institute. Die Embryonalentwicklung erforschten Mitarbeiter des Instituts bereits seit längerem, betonte er.

In Deutschland verboten
Aktives Verändern der menschlichen DNA ist äußerst umstritten und in vielen Ländern – auch in Deutschland – verboten. Kritiker befürchten, dass sogenannte Designerbabys geschaffen werden könnten.

Erst im Frühjahr hatten internationale Wissenschaftler ein Moratorium für diese Forschung gefordert. Auch die Miterfinderin der Gen-Schere CRISPR/Cas9, Emmanuelle Charpentier, forderte 2015 ein Verbot von Keimbahn-Experimenten – also Versuchen an Zellen, die sich später zu Spermien oder Eizellen entwickeln. „Ich finde das nicht gut. Welchen Zweck hat es, menschliche Keimbahnzellen zu manipulieren?“, sagte die Forscherin, die jetzt in Berlin arbeitet. Es sei besser, Keimbahn-Experimente zu untersagen als umständlich einzuschränken.

Mehrere britische Wissenschaftler begrüßten dagegen die Entscheidung der Behörde. Damit würden neue Einblicke in grundlegende Gen-Mechanismen gewonnen, sagte der Gynäkologe Peter Braude vom Londoner King's College. Der Biotechnologe Bruce Whitelaw vom Roslin Institute der Universität Edinburgh sagte, mit Hilfe des Projekts könnten Wege ausgelotet werden, unfruchtbaren Paaren zu helfen.

Riskante Wege sorgsam abwägen
Der deutsche Stammzellforscher  Hans Schöler bewertet die Entwicklung mit Skepsis: „Diese Forschung hat eine neue Qualität. Sie öffnet eine Tür, gezielt in die Keimbahn eines menschlichen Embryos einzugreifen“, sagte der Leiter des Max-Planck-Instituts für molekulare Biomedizin in Münster. „Dass solche Eingriffe nicht durchgeführt werden, war bislang internationaler Konsens. Die Briten wollen offenbar eine Vorreiterrolle einnehmen.“ Letztlich werde die Forschung darauf abzielen, Krankheiten zu vermeiden.

Nach Ansicht des Direktors des Instituts für Wissenschaft und Ethik (Bonn),  Dieter Sturma muss man sorgsam abwägen. „Wenn ich schon riskante Wege gehe, dann muss das Risiko in einem Verhältnis zum erwartbaren Nutzen stehen. Bessere künstliche Befruchtung ist zwar wünschenswert, aber es ist fraglich, ob dies zu den wichtigsten Zielen zählt.“ © kna/dpa/aerzteblatt.de

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Dr.Bayerl
am Sonntag, 21. Februar 2016, 17:36

"Letztlich werde die Forschung darauf abzielen, Krankheiten zu vermeiden."

... scheint mir der Kern des "Problems".
Auch die Entfernung des erkrankten Wurmfortsatz ist ein Eingriff in die Natur, der heute selbstverständlich scheint. Aber es ist so lange nicht her, dass so etwas nicht nur nach christlicher Religion verboten war.
Allemal sinnvoller als die menschenfeindliche "Klimarettung"
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