Ärzteschaft

Pädiater kritisieren „Medikalisierung pädagogischer Probleme“

Mittwoch, 3. Februar 2016

Köln/Tönisvorst – Eine „Medikalisierung pädagogischer Probleme“ und in Folge dessen eine massive Zunahme von Therapie-Verordnungen für Heranwachsende kritisiert der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Zwischen 2010 und 2014 seien die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für Heilmittel wie Logopädie, Ergotherapie oder Physiotherapie um fast ein Viertel (23,4 Prozent) gestiegen. „Viele Kinder, vor allem Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen, werden heute von ihren Eltern nur unzureichend gefördert und angeregt“, erläuterte der BVKJ-Präsident Thomas Fischbach.

Die Folgen fielen dann in Kita und Grundschule auf. Da jedoch Erzieher und Lehrkräfte durch große Gruppen und Klassen stark unter Druck stünden, würden den Eltern Therapien für ihr Kind empfohlen. „Kinder- und Jugendärzte werden dann – teilweise massiv – unter Druck gesetzt, Therapien zu verordnen“, sagte Fischbach. „Eine Stunde Therapie in der Woche kann aber nicht ausgleichen, was über Jahre zu Hause versäumt wurde“, so seine Kritik.

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Der Ärzteverband forderte den Ausbau der frühen Hilfen für Eltern, besser ausgebildete Erzieher und Grundschullehrkräfte sowie Supervision und kleinere Klassen. Statt Einzeltherapien für ein Kind brauche es Therapeuten, die Erzieher und Lehrer beraten und anleiten, wie sie Defizite bei Kindern gezielt ausgleichen könnten.

„Ein positiver Ansatz ist auch die Förderung der Kinder in interdisziplinären Frühförderstellen“, erläuterte der Sprecher des BVKJ-Nordrhein, Edwin Ackermann, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Diese Frühförderstellen seien aber nicht flächendeckend verfügbar. Nötig seien außerdem mehr Beratungsstellen, die Eltern darin schulten, ihre Kinder zu fördern, so der BVKJ-Sprecher.

© hil/aerzteblatt.de

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Practicus
am Freitag, 5. Februar 2016, 23:06

Die Erzieherinnen

in Deutschland-West durchlaufen ebenfalls eine pädagogische Ausbildung, Herr Kollege! Zwar "nur" eine Fachoberschule, aber mit einem OECD-Bachelor durchaus vergleichbar.
Das Problem liegt tatsächlich in den Familien.
Die Niederlande machen es vor: Schulpflicht ab dem 4. Geburtstag für alle - selbst für Königs...
Damit sind dann auch die Probleme mit dem Migrationsprekariat erledigt. Sprachförderung und kulturelle Integration im richtigen Alter - die einzige vernünftige Lösung
Staphylococcus rex
am Donnerstag, 4. Februar 2016, 23:56

Auch in der DDR gab es bildungsferne Schichten,

aber es gab auch ein System von Kinderkrippen, Kindergärten und der Hortbetreuung in der Grundschule. Und all dies diente nicht nur der politischen Indoktrination oder der Verwahrung der Kinder, weil die Mütter berufstätig waren, sondern es diente auch ausdrücklich der Chancengleichheit für die Kinder, deren Eltern bei der Erziehung Schwächen zeigten.

Im Gegensatz zu den alten Bundesländern mußten Erzieher im Osten eine pädagogische Ausbildung haben, bevor sie auf die Kinder losgelassen wurden. Und der Beruf des Erziehers hatte damals nicht nur eine höhere Wertschätzung, er hatte vor Allem auch eine sicherere Finanzierung. Die Betreuung von Kleinkindern ist eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft, das Geld, was hier und jetzt scheinbar gespart wird, kommt in der Zukunft in Form von arbeitslosen Jugendlichen als Mehrfachkosten zurück.

Vor Allem muß die frühkindliche Förderung in den KITA's von den kommunalen Haushalten getrennt werden. Die Kommunen mit den größten sozialen Brennpunkten haben die marodesten Haushalte und die größten Defizite in dieser Hinsicht.
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