Medizin

Meeresfrüchte: Kein Demenzrisiko trotz Quecksilbernachweis im Gehirn

Donnerstag, 4. Februar 2016

Chicago – Menschen, die häufiger Seefisch essen, entwickeln möglicherweise seltener degenerative Hirnveränderungen eines Morbus Alzheimer, obwohl die Quecksilber­belastung im Gehirn erhöht ist, wie postmortale Untersuchungen einer US-Kohorte im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2016; 315: 489-497) zeigen.

Meeresfrüchte gelten als gesund. Denn Shrimps, Hummer und Krebse, aber auch Thunfisch sind reich an langkettigen Omega-3-Fettsäuren, denen eine protektive Wirkung auf das Nervensystem nachgesagt wird. In mehreren epidemiologischen Studien war ein häufiger Verzehr von Meeresfrüchten mit einem verminderten Risiko auf Demenzerkrankungen im Alter assoziiert.

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Viele Meeresfrüchte sind jedoch mit Quecksilber belastet, das bekanntermaßen ein Neurotoxin ist, das zu schweren neurokognitiven Störungen führen kann. Quecksilber reichert sich unter anderem im Nervengewebe an. Es könnte deshalb sein, dass reichlicher Fischkonsum dem Gehirn eher schadet als nutzt.

Martha Clare Morris vom Rush University Medical Center in Chicago und Mitarbeiter haben hierzu die Gehirne von 286 Personen nach dem Tod untersucht. Es handelte sich um Teilnehmer des Memory and Aging Project, das seit 1979 eine Reihe von Senioren bis zum Tod betreut und nach dem Tod die Gehirne untersucht.

Die Teilnehmer waren im Mittel im Alter von 90 Jahren gestorben. Im Mittel 4,5 Jahre vor ihrem Tod hatten die Teilnehmer einen Fragebogen zum Verzehr von Meeres­früchten ausgefüllt. Morris setzt den Fischverzehr mit den Ergebnissen der postmortalen Untersuchung der Gehirne in Verbindung. Tatsächlich hatten Teilnehmer, die häufiger Fisch aßen, erhöhte Quecksilberkonzentrationen im Gehirn.

Die Mengen waren jedoch so gering, dass sie keinen Schaden anrichteten, oder aber der Nutzen der regelmäßigen Fischmahlzeiten hatte diesen Nachteil mehr als aufgewogen. Der häufige Verzehr von Meerestieren war jedenfalls mit einer niedrigeren Konzentration von Beta-Amyloid-Proteinen und Tau-Proteinen assoziiert, den beiden wichtigsten hirnorganischen Veränderungen der Alzheimer-Demenz.

Auch die Zahl der Makro- und Mikroinfarkte, die neben dem Morbus Alzheimer ein wichtiger Auslöser für Demenzen sind, war in den stärker mit Quecksilber belasteten Gehirnen eher vermindert. Diese protektive Wirkung von häufigen Fischmahlzeiten war merkwürdigerweise auf die Träger des Risikogens APOE epsilon 4 beschränkt, die häufiger als andere Menschen an einem Morbus Alzheimer erkranken. Warum bei den anderen Personen keine Korrelation gefunden wurde, ist unklar. Der häufige Fischkonsum scheint aber auch ihnen nicht geschadet zu haben.

Die Einnahme von Fischöl-Supplementen, die wegen ihrer protektiven Wirkung auf die Hirnfunktion beworben werden, war übrigens nicht mit einer günstigen Hirnmorphologie assoziiert. Das gleiche gilt für eine hohe Zufuhr von Linolensäure, einer mehrfach ungesättigten Fettsäure aus Pflanzen, die den Omega-3-Fettsäuren oftmals gleichgestellt werden.

Die Beweiskraft der Querschnittstudie ist ingesamt gering. Dass Fischmahlzeiten vor einer Demenz schützen, kann aus den Ergebnissen nicht zwingend abgeleitet werden (die Evidenz von prospektiven Beobachtungsstudien und idealer von randomisierten Ernährungsstudien wäre wesentlich höher).

Zu bedenken ist auch, dass sich die Ernährungsgewohnheiten in den USA von denen in Deutschland vermutlich unterscheiden. Die Studie zeigt jedoch, dass das Quecksilber aus den Meeresfrüchten im Prinzip den Weg in das Gehirn der Konsumenten findet. Ab welcher Menge der Schaden größer ist als der Nutzen, ist nicht bekannt.

© rme/aerzteblatt.de

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