Politik

Psychotherapeuten widersprechen Einordnung von posttraumatischen Belastungsstörungen als nicht schwerwiegende Erkrankung

Donnerstag, 4. Februar 2016

Berlin - Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) kritisiert das Asylpaket II, das die Bundesregierung am Mittwoch im Kabinett verabschiedet hat. Danach sollen die Asylbehörden davon ausgehen, dass insbesondere posttraumatische Belastungs­störungen (PTBS) nicht zu den „schwerwiegenden Erkrankungen“ gehören, die eine Abschiebung verhindern. Der Gesetzgeber spricht in diesem Zusammenhang von „vermeintlich gesundheitlichen Gründen“.

Damit würden Flüchtlinge unter Generalverdacht gestellt, psychische Leiden nur vorzutäuschen, so die BPtK. In dem Gesetzentwurf heißt es weiter, dass psychische Erkrankungen „schwer diagnostizierbar und überprüfbar“ sind. „Richtig ist, dass für diese Erkrankungen seit langem wissenschaftlich konsentierte Diagnosekriterien beständen, die durchaus überprüfbar sind“, sagt BPtK-Präsident Dietrich Munz.

Anzeige

Die BPtK fordert daher, dass schwerwiegende oder lebensbedrohliche psychische Erkrankungen grundsätzlich als Erkrankungen gelten, die eine Abschiebung nicht möglich machen. „Flüchtlinge, die unter psychischen Beschwerden leiden, haben einen Anspruch auf eine angemessene Begutachtung ihrer Erkrankungen. Dies darf nicht daran scheitern, dass die Begutachtung einer Erkrankung für die Behörden eine ‚große Herausforderung‘ darstellt, wie der Gesetzentwurf beklagt“, kritisiert Munz.

Selbstgefährdung bei Depression und PTBS ist häufig
Nach dem Gesetzentwurf der Bundesregierung sollen nur „lebensbedrohliche oder schwerwiegende Erkrankungen“ eine Abschiebung verhindern. Die Erkrankung müsste sich außerdem durch die Abschiebung „wesentlich verschlechtern“. „Dies kann sowohl bei Depressionen als auch bei posttraumatischen Erkrankungen der Fall sein. Eine Selbstgefährdung ist bei beiden psychischen Erkrankungen sogar häufig“, erklärt BPtK-Präsident Munz. Außerdem sei es sehr wahrscheinlich, dass sich eine PTBS verschlechtert, wenn der Erkrankte wieder an den Ort zurückgeschickt wird, der mit seinen traumatischen Erlebnissen verbunden ist.

Aus Sicht der BPtK sind ferner einzelne Regelungen für ein beschleunigtes Asylverfahren für Flüchtlinge gar nicht umsetzbar. Flüchtlingen sollen innerhalb einer Woche alle Untersuchungen und Gutachten einholen, die belegen, dass ihre psychische Erkrankung so schwer ist, dass sie nicht abgeschoben werden können. „Das ist praktisch unmöglich“, kritisiert BPtK-Präsident Munz. „Ein Flüchtling, der kein Deutsch spricht und sich im deutschen Gesundheitssystem nicht auskennt, kann in so kurzer Zeit seine schwere Erkrankung nicht belegen.“

© pb/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

doc.nemo
am Montag, 8. Februar 2016, 12:59

@Practicus

Danke, Sie sprechen mir aus dem Herzen. Ich vermute mal, hier will sich eine Interessengruppe den Zugang zu den Honigtöpfen sichern. Nahezu alle PTBS-Diagnosen, die über meinen Schreibtisch laufen, sind unzutreffend, aber in ihrem Namen sollen staatliche Leistungen fließen. Und nur einer kleinen Minderheit von Patienten mit einem "echten" PTBS droht akute Lebensgefahr, wenn sie zurückgehen müssen.
Practicus
am Sonntag, 7. Februar 2016, 21:32

Solange Psychotherapeuten

einer Lehrerin in NRW wegen einer Buchstabengrafik in Form einer Pistole auf der Facebooseite eines Schülers eine PTBS attestieren, sehe ich da eine Gespensterdiskussion.
Die Diagnose PTBS erfordert die VOLLSTÄNDIGE Erfüllung eines definierten Merkmalkatalogs, der von willigen PsychologInnen und/oder Dolmetschern in die Patienten hineingefragt werden kann.
Ohne das kommunikative Band der Sprache ist weder die Diagnose einer PTBS noch eine Behandlung möglich.
Psychische Erkrankungen bei den Flüchtlingen können allenfalls vermutet, aber weder sachgerecht diagnostiziert noch behandelt werden - zumindest nicht von Therapeuten, die nicht arabisch sprechen und nicht mit den kulturellen Besonderheiten der Herkunftsländer vertraut sind.
Übrigens blieben die Millionen deutschen Flüchtlinge nach dem WK2 wie auch die Opfer des Bombenterrors ALLE völlig unbehandelt, nicht einmal die "Krankheit" hatte einen Namen... trotzdem haben sie ihr Leben meistern können!

5.000 News Politik

Nachrichten zum Thema

24.08.16
Tübingen – Pflegekräfte wissen nach Ansicht Tübinger Forscher zu wenig über die Kultur älterer, türkischstämmiger Patienten. Soziologen der Universität Tübingen haben im Projekt „CarEMi“ (Care for......
16.08.16
Spezialambulanz hilft traumatisierten Flüchtlingskindern
Münster – Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie am Universitätsklinikum Münster (UKM) hat eine Spezialambulanz für Flüchtlingskinder eingerichtet. Sie bietet......
10.08.16
Soziale und kulturelle Barrieren: Jeder dritte HIV-Neuinfizerte kommt nicht aus Deutschland
Berlin – Migranten haben im Vergleich zur deutschen Bevölkerung noch immer keinen gleichberechtigten Zugang zu Testangeboten für sexuell übertragbare Krankheiten (STI). Das zeigt der Abschlussbericht......
10.08.16
Griechenland: 83 Millionen Euro für medizinische Versorgung von Flüchtlingen
Athen – Die EU-Kommission hat in den vergangenen Monaten insgesamt 83 Millionen Euro als Soforthilfe für die Versorgung von Flüchtlingen in Griechenland zur Verfügung gestellt. Das geht aus......
09.08.16
Berlin – In den vergangenen Monaten ist die Zahl der Masernfälle bei Asylsuchenden deutlich gestiegen, teilte das Robert Koch-Institut (RKI) in seinem aktuellen Epidemiologischen Bulletin Nr. 31 mit.......
03.08.16
Stuttgart – Die Landesärztekammer in Baden-Württemberg pocht entgegen der Pläne der grün-schwarzen Landesregierung auf die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte für Flüchtlinge. Der......
29.07.16
HAW Hamburg: Projekt „KURVE“ identifiziert kultursensible Versorgungs­bedürfnisse
Hamburg – Im Rahmen des Forschungsprojekts KURVE, was für „Kultursensible Versorgungsbedürfnisse identifizieren und Chancen nutzen“ steht, sollen Schulungsangebote für Angehörige und Pflegedienste......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige