Ärzteschaft

Pläne für die Umsetzung der Cannabistherapie noch nicht ausgereift

Dienstag, 9. Februar 2016

Berlin – Die Bundesärztekammer (BÄK) und die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) haben das Vorhaben des Bundesgesundheitsministeriums begrüßt, die Therapie mit cannabinoidhaltigen Arzneimitteln zu erleichtern. Sie mahnen aber noch Änderungen am „Gesetz zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften“ an, das jetzt im Referentenentwurf vorliegt.

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BÄK und AkdÄ betonen in ihrer Stellungnahme, die wissenschaftliche Datenlage reiche aus, damit die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) künftig standardisierte und in kontrollierter Dosis einsetzbare Cannabis-Arzneien für bestimmte Anwendungsgebiete regelhaft übernehme.

Nicht nachvollziehbar sei aber, warum nach dem Referenten­entwurf zunächst die Voraussetzungen der sogenannten Chroniker-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses erfüllt sein sollen, bevor eine Erkrankung von einem Arzt mit Cannabis-Arzneimitteln behandelt werden darf. „In der Praxis würde dies bedeuten, dass ein erkrankter Patient zunächst ein Jahr lang mit anderen verfügbaren Arzneimitteln behandelt werden müsste, bevor ihm eine Therapie mit cannabinoid­haltigen Arzneimitteln erstattet wird“, heißt es in der Stellungnahme.

Mit Medizinhanf keine exakte Dosierung möglich
Auf strikte Ablehnung bei der Ärzteschaft stoßen indes die Pläne, auch die Kosten­übernahme von getrockneten Cannabis-Blüten und Extrakten zu ermöglichen. Für ihren Einsatz fehle es an ausreichender wissenschaftlicher Evidenz. Zudem sei zu berücksichtigen, dass der Gebrauch von Medizinalhanf keine genaue Dosierung der medizinisch wirksamen Komponenten von Cannabis erlaube und zudem dessen Gebrauch als Joint mit den gesundheitlichen Gefahren des Tabakrauchens verbunden sei, so BÄK und AkdÄ in ihrer Stellungnahme.

BÄK und AkdÄ halten es für angebracht, die Anwendung cannabinoidhaltiger Arzneimittel weiterhin wissenschaftlich zu begleiten. Die betroffenen Patienten zur Begleitforschung zu verpflichten, sei hingegen nicht akzeptabel. Kritisch sehen BÄK und AkdÄ auch, die ärztliche Verordnung unter einen Zustimmungsvorbehalt der Krankenkasse zu stellen.

Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat in ihrer Stellungnahme zum Gesetzentwurf Bedenken angemeldet: „Bei Fertigarzneimitteln erfolgt die Überprüfung der Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit im Rahmen der arzneimittelrechtlichen Zulassung“, heißt es dort. Bei Rezepturen fehle diese Überprüfung.

Die KBV sehe den Einsatz entsprechender Produkte daher in Bezug auf ihre Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit kritisch. „Es stellt sich die Frage, warum – im Vergleich zu anderen Wirkstoffen und Leistungen – für Cannabis eine Sonderregelung getroffen werden soll, die hinsichtlich der zu erfüllenden Anforderungen niedriger liegt und ob dies gerechtfertigt ist“, heißt es in der KBV-Stellungnahme. © hil/aerzteblatt.de

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woewe
am Samstag, 13. Februar 2016, 00:50

Wer Blüten als Verordnung ablehnt, bevorzugt den Eigenanbau

BÄK: "Eine Verordnungsfähigkeit von Cannabis in Form von getrockneten Blüten und Extrakten wird jedoch abgelehnt."
So. Dann befürwortet die BÄK also den Eigenanbau von Cannabisblüten durch die Patienten?
Denn dafür wurde das Gesetz entworfen, die Umsetzung des Urteils pro Eigenanbau zu verhindern und da muss die Abgabe von Blüten über die Apotheken mit hinein.
Endlich einmal eine Gesetzes-"Initiative", wo das Dilemma auf Seiten der Bedenkenträger und Verhinderer (einschließlich BMG) liegt und nicht wie sonst so oft auf Seiten der Patienten.
Zenoba
am Mittwoch, 10. Februar 2016, 13:18

Bei der Evidenz beisst sich die Katze in den Schwanz

Die Argumentation der Bundesärztekammer BÄK ist in ihrem zentralen Punkt ("fehlende Evidenz für natürliches Cannabis aufgrund fehlender Studien") löchrig wie ein Schweizer Käse.

Der IACM (Internationale Arbeitsgemeinschaft für Cannabinoid-Medizin) liegen massenhaft Erfahrungen vor, wonach Therapien mit natürlichem Cannabis oft erfolgreicher verlaufen als mit den heute verfügbaren, standardisierten Medikamenten Dronabinol und Sativex, und das bei verschiedensten Erkrankungen.

Das heutige Verschreibungsverbot von natürlichem Cannabis ist "de Facto" auch ein Forschungs- und Studienverbot bzw. ein Evidenz-Verhinderungsgesetz.
Da ist es ja sehr praktisch, wenn man mit einer Fortsetzung des Verschreibungsverbots, wie es die BÄK fordert, auch in Zukunft Evidenz und medizinischen Fortschritt ausbremsen kann, nicht wahr?
Evidenz bei natürlichem Cannabis zu verhindern ist im übrigen auch ein Kernanliegen der Pharmaindustrie, da positive Evidenz deren Umsätze mit herkömmlichen Pillen gefährden würde. Die Bundesärztekammer als verlängerter Arm der Pharmabranche?

Die grundsätzliche Forderung nach Evidenz von Arzneimitteln ist ja richtig, kann aber nicht einfach von herkömmlichen Arzneimittel-Zulassungsverfahren auf natürliches Cannabis übertragen werden, weil bei letzterem die teuren Studien nicht durch anschließenden Patentschutz refinanziert werden können.
Bei natürlichem Cannabis haben sich bislang weder Pharmaindustrie noch der Staat als Evidenztreiber hervorgetan. Man kann nicht fortwährend nach Evidenz schreien, wenn es niemanden gibt der diese finanziert.

Die Patienten jedenfalls, von denen viele ihre persönliche Evidenz längst gemacht haben, wollen nicht länger hinnehmen, dass unerfüllbare Evidenzforderungen auch noch die nächsten 50 Jahre gegen sie verwendet werden sollen.

Im Übrigen wird der Eindruck erweckt, als müsse natürliches Cannabis zwangsläufig geraucht werden, diese Darstellung ist falsch und manipulativ. Die Einnahme kann selbstverständlich auch oral oder als Phyto-Inhalation erfolgen.
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