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Wende im Wettstreit um Masernvirus

Dienstag, 16. Februar 2016

Stuttgart –  Überraschende Wende im skurrilen Wettstreit um die Existenz von Masernviren: Biologe und Impfgegner Stefan Lanka vom Bodensee wird nun doch nicht dazu verpflichtet, dem Mediziner David Bardens aus dem Saarland 100.000 Euro Belohnung für den wissenschaftlichen Nachweis des Masernvirus zu zahlen. Das Oberlandesgericht Stuttgart gab der Berufung des Impfgegners am Dienstag statt. Das Landgericht Ravensburg hatte ihn vor einem Jahr noch zur Zahlung der Wettschuld an den Arzt verpflichtet.

Es habe sich aber eben nicht um eine Wette oder ein Preisausschreiben von Impfgegner Lanka gehandelt, auf die oder das Bardens reagiert hatte, begründete das Oberlandesgericht, sondern um eine Auslobung. Und bei einer Auslobung bestimme alleine der Auslobende die Regeln – und eben auch allein darüber, für welchen Beleg oder Nachweis er gegebenenfalls die Prämie bezahlt. Lanka hatte im Internet 100.000 Euro demjenigen versprochen, der ihm eine wissenschaftliche Arbeit liefere, mit der nicht nur die Existenz, sondern auch die Größe des Virus belegt werde.

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Bardens hatte den Eintrag im Internet gesehen, sich schriftlich vergewissert, dass er ernst gemeint war, und dann sechs wissenschaftliche Arbeiten eingereicht, darunter den Bericht über die Erstisolation des Masernvirus von 1954. Siegesgewiss schickte er gleich auch seine Kontonummer mit. Es war aber eben nicht die eine Publikation, die sowohl Existenz als auch Größe und Gefahr des Virus belege. „Sie hätten aber auch 600 einreichen können, er hätte keine akzeptiert”, sagte der Vorsitzende Richter des Oberlandesgerichts, Karl-Heinz Oleschkewitz. Lanka sei als Impfgegner bekannt und Bardens hätte ahnen können, wie er die Nachweise bewerten würde.

Die Entscheidung sage gar nichts über die Existenz oder Nichtexistenz des Masernvirus aus, betonte Richter Oleschkewitz. Das könne die Kammer ja gar nicht beurteilen. „Es ist eine rein juristische Entscheidung”, sagte er. Knackpunkt sei einzig und allein die Formulierung der Auslobung.

Impfgegner Lanka feierte das Urteil dennoch als Wendepunkt. „Es gibt keine krankmachenden Viren”, sagte der 52-Jährige. Die sechs Publikationen, die Bardens einreichte, fassten viele andere Fachartikel zusammen - und keine könne Existenz, Größe und die krankmachende Wirkung der Viren nachweisen. Das Impfen gegen Masern und Viren generell habe daher keine wissenschaftliche Rechtfertigung.

Zwar sei er mit dieser Meinung in der Minderheit, räumte er ein – „aber das war Einstein auch mit seiner Gravitationstheorie”. Eine Revision ist nicht zugelassen. Allerdings könne Nichtzulassungsbeschwerde zum Bundesgerichtshof gestellt werden, betonte ein Gerichtssprecher.

© dpa/aerzteblatt.de

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Dr.Bayerl
am Dienstag, 23. Februar 2016, 16:20

Die Kernfrage der Auslobung war: gibt es eine Arbeit, die die Existenz des Masernvirus beweist.

Mit der damit verbundenen Behauptung: es existiert kein Masern-Virus.

Darauf hätte das Urteil selbstverständlich eine andere Antwort geben müssen!
Skandolös-arztfeindlich!

Alles andere ist bla bla
Staphylococcus rex
am Dienstag, 23. Februar 2016, 13:32

Kein Zufall

Auf den ersten Blick mag dieses Urteil empörend wirken, auf den zweiten Blick ist es aber konsequent und folgerichtig und es ist nur schade, dass die Möglichkeiten des Richterspruchs nicht ausgeschöpft wurden.

Die Kernfrage der Auslobung war, ob die verschiedenen Aspekte der Existenz des Masern-Virus in EINER Arbeit bewiesen werden. Und diese Formulierung ist kein Zufall sondern offenbart einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt von Herrn Lanka.

Wissenschaft ist im Gegensatz zur Religion oder zu pseudoreligiösen Verlautbarungen eine OFFENE Weltanschauung. Die Elemente des wissenschaftlichen Gedankengebäudes werden in einem harten Ringen Stück für Stück erkämpft. Ein exemplarisches Beispiel ist die Diskussion um Mikrofossilien in Australien:
http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/neue-studie-stellt-angeblich-aelteste-lebensspuren-in-frage-a-1077795.html
Dieser Streit schwelt schon seit über 20 Jahren und ich fürchte zu meinen Lebzeiten kann ich keine endgültige Entscheidung erwarten.

Das bedeutet, die Zusammenfassung ALLER wesentlichen Elemente in EINER Quelle ist Ausdruck eines abgeschlossenen Weltbildes. Nur in einem abgeschlossenen Weltbild besteht kein Bedarf an einer Aktualisierung des Wissens. Seriöse Wissenschaft funktioniert nun einmal anders, kein seriöser Wissenschaftler hat einen brennenden Dornbusch auf dem Schreibtisch, der ihm die fertigen Thesen diktiert. Wenn Herr Lanka sich mit Einstein vergleicht, so ist dies ein Zeichen von Größenwahn. Auf die Spezielle Relativitätstheorie folgte die Allgemeine Relativitätstheorie mit etlichen Jahren Verspätung und die Zeit dazwischen musste auch ein Genie wie Einstein zahlreiche Wege und Irrwege begehen. Es gibt ein aktuelles Spektrum Sonderheft 04/2015 über Einsteins Neue Weltordnung, wo dies sehr schön beschrieben ist.

Wenn der Kläger Herr Bardens sechs wissenschaftliche Arbeiten für diesen Nachweis benötigt, so ist dies typisch dafür, wie Wissenschaft in der Realität funktioniert. Und die Forderung von Herrn Lanka, dies in EINER Arbeit nachzuweisen ist gleichbedeutend mit der Forderung eine wissenschaftliche Tatsache mit unwissenschaftlichen Methoden nachzuweisen. Herr Lanka hat mit diesem Gerichtsentscheid offiziell bewiesen, dass er sich schon lange vom Pfad der Wissenschaft entfernt hat. Und er hat sich damit als pseudoreligiöser Spinner geoutet. Wir sollten ihm für diese Klarstellung dankbar sein.
Dr.Bayerl
am Mittwoch, 17. Februar 2016, 11:34

ich sehe hier auch ein skandalöses Urteil,

egal was der Richter Richter Oleschkewitz hier "versichert", weil der Trend ungestraft lügen zu dürfen damit massiv unterstützt wird.
Hier handelt es sich ja nicht zufällig um jemand der Patienten vorsätzlich falsch behandelt, das kann man nicht einfach unter den Tisch kehren.
doc.nemo
am Mittwoch, 17. Februar 2016, 10:36

Selber schuld?


"Ätsch, Sie sind in eine juristische Falle getappt. Selber schuld!“ Das ist für mich die Quintessenz des schockierenden Urteils, das hier euphemistisch als „überraschende Wende“ bezeichnet wird. Dabei ist es fraglich, ob dieser Spruch nach §§657-660 BGB wirklich zwangsläufig war. Schließlich ging es nicht um eine subjektive Beurteilung (wie bei Architektur- oder Kunstpreisen), sondern um den Nachweis einer Tatsache. Und den hat Bardens erbracht. Nach der Argumentation des Gerichts sollte es also auch möglich sein, Millionen für den Nachweis der Kugelgestalt der Erde auszuloben, ohne jemals Gefahr zu laufen, bezahlen zu müssen. Traurig.
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