Medizin

SGLT2-Hemmer: EMA erläutert Warnzeichen einer atypischen Ketoazidose

Mittwoch, 17. Februar 2016

London – Nach der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA warnt jetzt auch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) Patienten, die mit SGLT2-Inhibitoren behandelt werden, vor der Gefahr einer diabetischen Ketoazidose.

Bislang wurde die diabetische Ketoazidose, eine lebensgefährliche Stoffwechsel­entgleisung, nur bei Patienten mit Typ 1-Diabetes beobachtet. Ursache ist ein absoluter Insulinmangel, der den Blutzucker deutlich ansteigen lässt. Da die Glukose nicht in die Zellen gelangen kann, muss der Organismus zur Energiegewinnung auf Fette und Ketonkörper ausweichen, was zur Übersäuerung des Blutes führt, die neben dem Acetongeruch der Atemluft für die Ketoazidose typisch ist.

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Die meisten Patienten, die mit SGLT2-Inhibitoren behandelt werden, haben einen Typ 2-Diabetes und das Medikament führt in der Regel zu einem spürbaren Abfall des Blutzuckers, der vermehrt über die Nieren ausgeschieden wird. Gerade dieser Abfall des Blutzuckers, eigentlich ein erwünschter Effekt, könnte bei einigen Patienten mit Typ 2-Diabetes eine Ketoazidose auslösen.

Die FDA hatte zuerst im Mai 2015 auf die Gefahr hingewiesen. Einen Monat später startete die EMA eine Risikobewertung. Die FDA ließ im Dezember ausführliche Warnhinweise in die Fachinformation aufnehmen, jetzt zieht die EMA nach.

Alle Patienten, die mit einem der drei in Europa zugelassenen SGLT2-Inhibitoren (Canagliflozin, Dapagliflozin und Empagliflozin) behandelt werden, sollten auf die Symptome der diabetischen Ketoazidose hingewiesen werden. Verdächtig sind ein schneller Gewichtsverlust, Übelkeit oder Erbrechen, Bauchschmerzen, übermäßiger Durst, schnelle und tiefe Atmung, Verwirrtheit, ungewöhnliche Erschöpfung oder Müdigkeit sowie ein süßer Geruch der Atemluft, ein süßer oder metallischer Geschmack im Mund oder ein abweichender Geruch von Urin oder Schweiß.

Die Patienten werden aufgefordert, bei Auftreten dieser Symptome ihren Arzt zu konsultieren. Die Ärzte sollten in diesem Fall die Behandlung mit dem SGLT2-Inhibitoren sofort abbrechen und erst dann wieder beginnen, wenn eine andere Ursache für die Ketoazidose gefunden wurde.

Zu den Risikofaktoren der atypischen Ketoazidose gehören eine niedrige Reserve von Insulin sezernierenden Zellen, eine beschränkte Nahrungsaufnahme oder schwere Austrocknung, eine plötzliche Reduzierung des Insulins oder ein erhöhter Bedarf an Insulin aufgrund von Krankheit, Operation oder Alkoholmissbrauch.

Darüber hinaus wird empfohlen, die Therapie mit SGLT2-Inhibitoren bei Patienten, die aufgrund einer schweren Krankheit oder größerer chirurgischer Eingriffe stationär behandelt werden, vorübergehend auszusetzen.

Die Komplikation scheint insgesamt selten zu sein. Die erste FDA-Warnung war von 20 Zwischenfällen ausgelöst worden, die EMA bezifferte die Zahl später auf 101 Fälle. Es ist aber abzunehmen, dass diese Fälle nur den Gipfel eines Eisberges darstellen. Dieser Eisberg, sprich die Verordnungszahlen von SGLT2-Inhibitoren könnten in nächster Zeit ansteigen. Die im September letzten Jahres publizierte EMPA-REG Outcome-Studie hatte gezeigt, dass Empagliflozin die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit senkt. Der SGLT2-Inhibitor ist das erste „neuere“ Antidiabetikum, für das dieser Beweis in einer Endpunktstudie erbracht werden könnte.

SGLT2-Inhibitoren gelten deshalb als wichtige Innovation und das insgesamt seltene Auftreten von Ketoazidose dürfte das Nutzen-Risiko-Verhältnis der Substanzen deshalb nicht infrage stellen. Kritisch beurteilt wird jedoch der Einsatz der Mittel bei Patienten mit Typ 1-Diabetes, bei denen SGLT2-Inhibitoren den Blutzucker senken, was angesichts des absoluten Insulinmangels eine gefährliche Strategie sein könnte, die nicht in den Fachinformationen vorgesehen ist. © rme/aerzteblatt.de

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