Ärzteschaft

Onkologen verweisen auf Schwachstellen der Frühen Nutzenbewertung

Mittwoch, 17. Februar 2016

Berlin – Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) verwies heute auf die zentrale Rolle, die die medizinischen Fachgesellschaften im Verfahren der Frühen Nutzenbewertung haben sollten. Diese wird vom Gemein­samen Bundesausschuss (G-BA) seit Anfang 2011 nach dem Arzneimittelmarkt­neuordnungsgesetz (AMNOG) durchgeführt.

„Die Frühe Nutzenbewertung ist als Instrument der Preisfindung sinnvoll, aber die verwendeten Parameter sind nicht immer für die individuelle Entscheidung über eine Therapie eines Patienten geeignet“, betonte Carsten Bokemeyer, Geschäftsführender Vorsitzender der DGHO. Die alleinige Zulassung eines Medikaments definiere keinen Therapiestandard, das Ergebnis der Frühen Nutzenbewertung sei nicht gleichbedeutend mit einer Therapieleitlinie, und das Wirtschaftlichkeitsgebot ersetze keine individuelle patientenorientierte Behandlung, betonte er. Bei einigen Medikamenten seien beispielsweise erst in der Langzeitbetrachtung Effekte nachweisbar, bei anderen wäre die Wahl anderer Endpunkte relevanter gewesen.  

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Bei jedem neuen Medikament ist die individuelle Sicht auf den Patienten wichtig
„Die Krebsbehandlung befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Uns Hämatologen und Onkologen steht nahezu monatlich ein neues Medikament zur Verfügung“, erklärte der am Universitätsklinikum Hamburg tätige Onkologe. Viele neue Substanzen führten sowohl zu längeren mittleren Überlebenszeiten als auch zu einer höheren Rate von Langzeitüberlebenden.

„Darüber hinaus kommt es aber unter den neuen Medikamenten oft zu einer klinisch relevanten Linderung von krankheitsbedingten Beschwerden und – im Vergleich zur Chemotherapie – oft zu einer signifikanten Verringerung von Nebenwirkungen.“ Bei jeder neuen Substanz müsse man sich deshalb die Fragen stellen, welches Arzneimittel wirklich ein Gewinn sei und welcher Patient von welcher Substanz profitiere.

„Aus Sicht der Fachgesellschaft muss die wissenschaftliche Evidenz die Antwort auf diese Fragen sein“, sagte Diana Lüftner, Mitglied im Vorstand der DGHO und Onkologin an der Berliner Charité. Die Zulassung und die Frühe Nutzenbewertung sowie die aktuellen Behandlungsleitlinien beruhten zwar häufig auf identischen Daten, kämen aber nicht immer zu denselben Schlussfolgerungen.

„Das ist zum einen ein wissenschaftliches Problem, da die jeweiligen methodischen Ansätze differieren. Zum anderen spielt auch die jeweilige Intention der an den verschiedenen Verfahren beteiligten Institutionen und Akteure eine Rolle“, erklärte die Onkologin.

Onkologisches Informationsportal mit Informationen zur Arzneimittelbewertung
Grundsätzlich gehört die Hämatologie und Onkologie zu den Fachgebieten, bei denen seit einigen Jahren die Anzahl verfügbarer Arzneimittel kontinuierlich steigt. Um eine gute Überschaubarkeit zu gewährleisten, hat die Fachgesellschaft deshalb jetzt das Informationsportal Onkopedia um den neuen Bereich "Arzneimittel Bewertung" erweitert.

„In komprimierter Form fasst dieser die aktuellen Informationen zu den neuen Arznei­mitteln mit den Ergebnissen der Zulassungsstudien, der Festlegung des Zusatznutzens und den Empfehlungen der Fachgesellschaften zusammen“, sagte Bernhard Wörmann, Medizinischer Leiter der DGHO. „Der neue Service soll es Ärztinnen und Ärzten ermöglichen, schnell und kompakt auf entsprechende Informationen zuzugreifen.“

Therapiefreiheit in Gefahr
Konsequenzen hätten die Festlegungen des Zusatznutzens durch den G-BA unter anderem auf die Therapiefreiheit der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, betonte Stephan Schmitz, Vorsitzender des Berufsverbands der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland – BNHO. „Mit einiger Besorgnis stellen wir fest, dass die Bewertungen des G-BA im Rahmen von Arzneimittelvereinbarungen der Kostenträger insofern instrumentalisiert werden, als nur Substanzen mit einem festgestellten Zusatznutzen verordnet werden sollen“, sagte er.

Diese Einschränkungen seien ein Eingriff in die Therapiefreiheit und könnten die gesetzliche Verpflichtung, Patientinnen und Patienten jeweils nach dem Stand des medizinischen Wissens zu behandeln, konterkarieren. © ER/aerzteblatt.de

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