Medizin

Alzheimermedikament könnte beim Rauchstopp helfen

Freitag, 19. Februar 2016

Philadelphia – Die Antidementiva Donepezil und Galantamin, die im Gehirn den gleichen Neurotransmitter beeinflussen wie Nikotin, haben in tierexperimentellen Studien in Translational Psychiatry (2016; 6: e713) Ratten den Geschmack auf das Suchtmittel verdorben. Galantamin hat in einer ersten klinischen Studie die Zahl der gerauchten Zigaretten gesenkt.

Die Cholinesterase-Inhibitoren Donepezil und Galantamin hemmen im Gehirn das Enzym Acetylcholinesterase, das für den Abbau von Acetylcholin zuständig ist. Die Folge ist ein Anstieg des Neurotransmitters. Dieser Neurotransmitter aktiviert im Gehirn teilweise die gleichen Rezeptoren wie Nikotin.

Anzeige

Die Idee, Cholinesterase-Inhibitoren zur Raucherentwöhnung einzusetzen, ist deshalb nicht ganz neu. Die bisherigen Studien wurden jedoch an Patienten durchgeführt, die auch Alkohol oder methamphetaminabhängig waren oder unter einer Schizophrenie litten. Zudem waren die Ergebnisse nicht eindeutig. Ein Team um Heath Schmidt von der Perelman School of Medicine in Philadelphia hat deshalb noch einmal tierexperimentelle Untersuchungen durchgeführt, um der Wirkung auf den Grund zu gehen.

Ratten erhielten in ihrem Käfig freien Zugriff auf Nikotin. Wurden sie mit Donepezil oder Galantamin vorbehandelt, zeigten sie deutlich weniger Interesse als in einer Kontroll­gruppe. Dies lag, wie Schmidt schreibt, nicht etwa daran, dass sich die Tiere den Magen verdorben hatten. Denn ihr Interesse an Kaolin-Lehm, das im Magen eine schützende Schicht bildet, nahm nicht zu. Auch die Nahrungszufuhr und die Gewichtsentwicklung wurden durch die Behandlung mit Donepezil oder Galantamin nicht beeinflusst. Schmidt geht deshalb davon aus, dass die Tiere die Wirkstoffe gut tolerierten.

Auch die 33 Raucher, die das Team zu einem Abstinenzversuch mit Unterstützung eines Antidementivums einlud, vertrugen die Behandlung gut. Nur zwei Teilnehmer in der Galantamin-Gruppe beklagten eine mittelstarke Übelkeit und einer litt vorübergehend unter Kopfschmerzen. In der Galantamin-Gruppe rauchten die Teilnehmer am Ende um 2,3 Zigaretten pro Tag weniger.

Das entspräche einem Rückgang um 12 Prozent. Allerdings rauchten auch die Teilnehmer in der Kontrollgruppe 1,3 Zigaretten pro Tag weniger (minus 7 Prozent). Aufgrund der geringen Teilnehmerzahl ist die Aussagekraft insgesamt begrenzt. Es bleibt abzuwarten, ob die von Schmidt angeregte größere klinische Studie zustande kommt.

Donepezil erzielte übrigens in der klinischen Studie keine Wirkung. Schmidt vermutet, dass eine zusätzliche „allosterische Modulation“ von Galantamin am nikotinischen Acetylcholinrezeptor den Ausschlag geben könnte. Die beiden Antidementiva wirken vor allem in den kognitiven Zentren des Gehirns. Eine weitere Spekulation von Schmidt ist, dass Galantamin und vielleicht auch Donepezil hier die „exekutiven Funktionen“, sprich die Willenskraft der Raucher zur Abstinenz, steigern könnte. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

heliggx
am Sonntag, 21. Februar 2016, 17:05

Welchen Wert hat die Meldung?

... wenn die Daten aus der klinischen Studie nicht signifikant sind. Das ist in meinen Augen Berichterstattung auf Niveau der BILD-Zeitung. Von einer ärztlichen Standeszeitung erwarte ich, daß sie nicht jede Sau mit durchs Dorf treibt. Seriös wäre, nicht bei der ersten Pressemitteilung (so wirkt der Beitrag) sondern erst dann, wenn BELASTBARE Fakten vorliegen zu berichten. Das DÄ und sein online-Auftritt sollten sich unbedingt von der Recherche-Qualität von der "Ärztezeitung" und der "Medical Tribune" unterscheiden - als ein weiteres Käseblatt wie die beiden genannten brauchen wir das DÄ nun wirklich nicht!

MfG, Dr. Ch. Schnegg
5.000 News Medizin

Nachrichten zum Thema

03.05.16
Keine psychiatrischen Nebenwirkungen durch Medikamente zur Rauchentwöhnung
Sand Diego – Patienten, die zur Rauchentwöhnung Medikamente einnehmen, müssen in der Regel keine psychiatrischen Nebenwirkungen befürchten. Dies geht aus einer randomisierten klinischen Studie der......
28.04.16
Britischer Ärzteverband für E-Zigaretten zur Raucherentwöhnung
London – Das Royal College of Physicians, ein Verband britischer Ärzte, spricht sich in einem Report für den Einsatz von E-Zigaretten zur Unterstützung des Rauchstopps aus. Die Begründung liefert der......
21.04.16
Berlin – Die Bundesärztekammer (BÄK) hat die Entscheidung des Bundeskabinetts begrüßt, die Tabakwerbung in Deutschland deutlich einzuschränken. Gleichzeitig kritisierte der BÄK-Präsident Frank Ulrich......
20.04.16
Kabinett beschließt Tabakwerbeverbot
Berlin – Zigarettenwerbung auf Plakaten, Litfaßsäulen und im Kino soll von Juli 2020 an verboten werden. Nach dem vom Bundeskabinett beschlossenen Gesetzentwurf von Ernährungsminister Christian......
08.04.16
Raucherparadox: Mortalität von Rauchern bei Herzinfarkt geringer
Mannheim – Die Sterblichkeitsrate von Rauchern nach einem Herzinfarkt ist niedriger als die von Nichtrauchern. Dieses unter Kardiologen als das „Raucherparadox“ bekannte Phänomen gilt offenbar auch,......
03.03.16
Bundeszentrale warnt vor Gefahren des Rauchens für Frauen
Köln – Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat vor den besonderen Gefahren des Rauchens für Frauen gewarnt. Studien zeigten, dass Frauen sensibler auf die giftigen Substanzen des......
12.02.16
Leipzig – Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) hat neue Regeln begrüßt, die den Verkauf von E-Zigaretten und E-Shishas an Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren......

Fachgebiet

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige