Politik

Krankenkasse: Bekämpfung chronischer Schmerzen sollte nationales Gesundheitsziel werden

Dienstag, 23. Februar 2016

Köln – Die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen muss trotz wichtiger Fortschritte deutlich verbessert werden. Das hat die Barmer GEK heute anlässlich der Vorstellung ihres Arztreports 2016 in Berlin gefordert. „Angesichts von Millionen Betroffenen muss die Bekämpfung des chronischen Schmerzes zu einem nationalen Gesundheitsziel werden“, forderte der Vorstandsvorsitzende der Kranken­kasse, Christoph Straub.

Es müsse eine durchgängige Versorgungskette für die betroffenen Patienten geschaffen werden, um durch interdisziplinäre Zusammenarbeit möglichst oft die Chronifizierung von Schmerzen zu verhindern. Dabei solle der Hausarzt eine Lotsenfunktion über­nehmen. „Er kann einschätzen, welche Therapieschritte zu welchem Zeitpunkt sinnvoll sind“, sagte Straub. „Zur Interdisziplinarität gehört, dass schnell überwiesen wird, dass Schmerz nicht nur als organisches Symptom verstanden wird und somit ein strukturiertes berufsgruppenübergreifendes Behandlungskonzept verfolgt wird.“

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Den Forderungen nach Einführung eines Facharztes für Schmerzmedizin erteilte Straub eine Absage. Eine weitere Subspezialisierung löse die großen Versorgungsprobleme nicht. „Wir brauchen nicht mehr Qualifikation, sondern mehr Koordination und Kommunikation“, so Straub.

3,25 Millionen Betroffene in Deutschland
Dem Arztreport zufolge leiden etwa 3,25 Millionen Menschen in Deutschland an chro­nischen Schmerzen. Die Erkrankung wird jedoch regional sehr unterschiedlich doku­mentiert. Am häufigsten sind mit einem Anteil von 5,79 Prozent Menschen in Branden­burg betroffen. Die geringste Rate weist Bremen mit 2,94 Prozent auf. Seit 2005 nahm die Zahl der Diagnosen dabei stetig zu: 2005 waren 1,59 Prozent der Bevölkerung in Deutschland betroffen, 2014 bereits 4,02 Prozent.

Der Arztreport belegt zudem, dass chronische Schmerzen im Alter häufiger und in allen Altersgruppen deutlich häufiger bei Frauen diagnostiziert werden. In der Gruppe der über 80-Jährigen waren 2014 etwa 13,2 Prozent betroffen, 143.000 Männer (9,3 Prozent) und 444.000 Frauen (15,2 Prozent). Bei den über 90-Jährigen waren etwa zehn Prozent der Männer und knapp 16 Prozent der Frauen betroffen.

Die Daten aus dem Arztreport belegen zudem, dass sich die Zahl der Patienten, die im Krankenhaus mit einer multimodalen Schmerztherapie behandelt wurden, von 2006 bis 2014 mit 61.000 mehr als verdoppelt hat. Das entspricht Barmer GEK-Vorstand Straub zufolge jedoch nur einem Fünftel der Patienten, die potenziell für eine solche Therapie geeignet wären. „Wir unterstützen daher intensiv die Bemühungen seitens der Fachgesell­schaften, verbindliche Qualitätskriterien für die multimodale Schmerztherapie im Krankenhaus zu entwickeln“, erklärte Straub.

Das Göttinger AQUA-Institut analysierte im Auftrag der Barmer GEK für den Arztreport die ambulanten Behandlungsdaten von 8,6 Millionen Versicherten der Krankenkasse im Jahr 2014.

Verband: Hausärzte spielen bei der Therapie eine entscheidende Rolle
Der Deutsche Hausärzteverband sieht durch den Arztreport die entscheidende Rolle, die Hausärzte als Ansprechpartner und Koordinatoren bei der Behandlung von Schmerz­­patienten spielen, bestätigt. „Hausärztinnen und Hausärzte sind für Millionen Schmerzpatienten, gerade auch in Pflegeheimen, die zentralen Ansprechpartner“, erklärte dessen Bundesvorsitzender Ulrich Weigeldt heute in Berlin. „Sie sind diejenigen, die sich gemeinsam mit den Pflegekräften sowie weiteren fachärztlichen Kollegen tagtäglich um die Patientinnen und Patienten vor Ort kümmern.“

Doch auch Weigeldt räumte ein, dass es trotz Fortschritten in den vergangenen Jahren noch in vielen Bereichen Nachholbedarf gibt. Insbesondere müsse die Kooperation von Hausärzten, Pflegekräften und spezialisierten Fachärzten ausgebaut und die „hausärzt­liche Zuwendungsmedizin“ gestärkt werden. Wichtig sei in diesem Zusammenhang, dass die Regressgefahr beseitigt werde, gerade im Zusammenhang von kostspieligen, aber notwendigen Behandlungen.

Weigeldt verwies zudem auf die Versorgungslandschaft Schmerz, die der Hausärzte­verband gemeinsam mit dem Berufsverband der Ärzte und Psychologischen Psycho­therapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland (BVSD) entwickelt hat. Sie ziele auf koordinierte, strukturierte und sektorenübergreifende Behandlungsabläufe für Schmerzpatienten. Darüber hinaus sähen die Hausarztverträge spezielle schmerz­medizinische Fortbildungen vor.

Die aktuellen Daten der Barmer GEK machten den Grad der Unterversorgung in der schmerzmedizinischen Versorgung in Deutschland mehr als deutlich, erklärte der BVSD-Vorsitzende Joachim Nadstawek. Der Verband unterstütze deshalb den Vorschlag der Krankenkasse, die Bekämpfung des chronischen Schmerzes zu einem nationalen Gesundheitsziel zu machen.

„Die schmerzmedizinische Versorgung ist mit einem Wort katastrophal“, sagte Nadstawek. Es gebe zu wenige qualifizierte Schmerzmediziner, schmerzmedizinische Leistungen würden zum großen Teil ungenügend vergütet, und für den Nachwuchs bestehe kein Anreiz, sich schmerzmedizinisch zu engagieren. GKV-Spitzenverband und Kassenärztliche Bundesvereinigung müssten endlich notwendige Schritte zur Verbesserung der Versorgungssituation einleiten. © HK/aerzteblatt.de

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Dr.Bayerl
am Donnerstag, 25. Februar 2016, 11:42

Der Ruf nach einem "Spezialisten" ist beim Thema Schmerz populistische Simplifizierung!

Selbstverständlich bleibt "der Lotse" der Hausarzt! Denn mit Schmerz, ein allgemeines biologisches Allarmsignal muss sich jeder Arzt beschäftigen.
Der "spezialisierte Schmerztherapeut" ist KEINESEFALLS der Generalist, wenn es um die Schmerzursache geht, sondern nicht selten ein Risiko, die Schmerzbehandlung ohne Rücksicht auf die Ursache zu beginnen.
Dieses Risiko wird immer klein geredet, weil Schmerztherapie so populär ist.
Eine typisches Problem sind die zunehmenden (schmerzhalften) Bewegungseinschränkungen im Alter und die Polemik der Kostenträger, wenn hier künstliche Gelenke eingesetzt werden,
obwohl ein Rollstuhl teurer ist als ein künstliches Kniegelenk.
Wobei ich allerdings die problematischen Bandscheibenoperationen ausdrücklich ausnehmen möchte. Das Prinzip bleibt aber, dass die Ursachensuche und wenn möglich Ursachenbehandlung wie bisher die Priorität behalten muss. Und hier ist jede einzelne Fachgruppe gefordert.
Simplifizieren hilft selten in der Krankheitsbehandlung von Menschen,
und nicht selten hilft auch nur ein Therapieversuch (ex juvantibus) um die richtige Diagnose zu treffen.
docheinz
am Mittwoch, 24. Februar 2016, 23:22

Der Lotse im System

Da ist sie wieder-die pauschale Absage an den Facharzt für Schmerzmedizin mit dem immergleichen Argument, man wolle "nicht noch eine Subspezialisierung". Völliger Unfug: der Schmerzmediziner ist eher ein Generalist, der als echter Lotse im System Schmerzbehandlung fungieren kann. Weil Scmerztherapeuten grundsätzlich interdisziplinäres Arbeiten gewohnt und in der Regel gut vernetzt sind. Sie- und eben nicht der immer wieder angeführte hausärztliche Lotse- wissen meist am besten, welche Spezialisten (z.B. Neurologen, Neurochirurgen, Orthopäden etc.) für chronische Schmerzpatienten infrage kommen können. Aber um das einschätzen zu können, braucht es eben zunächst eine gute Qualifikation-und nicht nur die Verbesserung von Koordination und Kommunikation (wiewohl diese unverzichtbar bleibt). Aber für einen Kassenvertreter bedeuten weitere Fachärzte potentiell höhere Kosten.
Susanne Winkler
am Mittwoch, 24. Februar 2016, 09:31

Kostspielig

Ich spreche jetzt einmal als Patientin. An und für sich ist die schmerztherapeutische Behandlung in meinem Umfeld recht gut ausgebaut, wenn auch überfüllt. In schmerztherapeutische Behandlung zu kommen dauert oft lang bzw. ist die Grenze zur Chronifizierung dann oft längst überschritten. Dabei gebe ich aber nicht dem Gesundheitssystem die Schuld. Denn, wer 1 oder 2 Monate lang Schmerzen hat, der will vielleicht abklären was dahinter steckt, denkt aber noch nicht über Schmerztherapie nach. Jeden der seit kurzer Zeit Schmerzen hat in eine Schmerztherapeutische Behandlung zu übergeben ist allerdings auch nicht tragbar.
Was mir aber in der Schmerztherapie häufig begegnet sind Behandlungsprogramme und Eigentherapiepläne, die auf Leute ausgerichtet sind, die wegen hohen Alters nicht mehr arbeiten oder aber wegen der Schmerzen schon gar nicht mehr können. Als Mutter und Vollzeitbeschäftigte hat man dank der Schmerzen weder Zeit noch Kraft, sich täglich mehrfach mit Eigentherapie auseinanderzusetzen. Es müssten gesetzliche Regelungen für Chroniker getroffen werden, die Teil-Krankschreibungen ermöglichen, wie z.B. 10 Stunden wöchentlich. Natürlich ist auch das ein Kostenfaktor, aber für jemanden mit noch 30 abzuleistenden Berufsjahren wäre eine temproräre Teil-Krankschreibung, in der er sich um seine Krankheit "kümmern" kann sicherlich die bessere Alternative, als so lange durchzuhalten bis für eine sehr lange Zeit oder den Rest des Berufslebens nichts mehr geht.
Zudem ist ein chronisches Schmerzsyndrom, abgesehen vom Zeitfaktor, der Einschränkung der Lebensqualität und dem Schmerz selbst, ein teilweise nicht tragbarer Kostenfaktor. Sind die schulmedizinischen Behandlungen ausgeschöpft, geht es an Selbstzahlerleistungen. Und wenn die erste nicht funtkioniert, dann vielleicht die nächste, oder die nächste, oder die nächste. An irgendeinem Punkt wird es nicht mehr finanzierbar.
In der Schmerztherapie sollten die Krankenkassen von der aktuellen Finanzierungssituation absehen und das bezahlen was hilft, nicht das, was in klinischen Studien als erwiesen gilt. Wird doch die multimodale Arbeit und die individuell angepasste Schmerztherapie so sehr gefordert. Ein Beispiel: Physiotherapie bekäme ich noch und nöcher, jedoch erzielt sie keinen Effekt. Schmerztherapie nach Liebscher und Bracht dagegen schon, aber leisten konnte ich mir nur 2 Sitzungen.
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