Politik

„Mit einem Impfstoff rechne ich erst in einigen Jahren“

Donnerstag, 25. Februar 2016

Köln – Das Zikavirus breitet sich derzeit in Mittel- und Südamerika rasant aus. Mittlerweile ist es in 28 Ländern aufgetreten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den globalen Gesundheitsnotstand ausgerufen und einen internationalen Aktionsplan vorgelegt. Insbesondere in Brasilien gibt es eine Häufung von Mikrozephaliefällen bei Neugeborenen, die vermutlich mit einer Zikavirus-Infektion der Mutter während der Schwangerschaft zusammenhängen.

Das Zikavirus in ein Flavivirus, das vor allem von der Gelbfiebermücke Aedes aegypti übertragen wird. Doch auch eine sexuelle Übertragung von Mensch zu Mensch ist möglich. Die Infektionen selbst verlaufen meist milde. Es sind allerdings Fälle des Guillain-Barré-Syndroms beschrieben. Eine kausale Therapie und einen Impfstoff gibt es nicht.

Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg erläutert im Gespräch, welche Schwierigkeiten es bei der Diagnostik des Zikavirus gibt und warum er mit einem zuverlässigen Impfstoff erst in einigen Jahren rechnet.     

5 Fragen an Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM)

DÄ: Sie sind gerade von einem Aufenthalt in Brasilien zurückgekehrt. Wie ist die Situation dort? In Deutschland kommen vor allem Bilder von Soldaten an, die Insektizide versprühen.

Schmidt-Chanasit: Während meines Aufenthaltes war ich unter anderem im Institut Oswaldo Cruz in Rio, das dem deutschen Robert-Koch-Institut entspricht. Dort ist das nationale Referenzlabor angesiedelt, das derzeit eine Vielzahl von Proben bekommt. Insgesamt ist die Situation im brasilianischen Gesundheitswesen so, dass die finanziellen Ressourcen aufgrund der Wirtschaftskrise sehr eingeschränkt sind. Insofern sind auch die Möglichkeiten zur Testung auf das Zikavirus eingeschränkt, weil es an Material fehlt. Bei beschränkten finanziellen Mitteln ist immer die Frage: Wofür will man das Geld ausgeben. Für Tests und Diagnostik, für Gesundheitsposten in Armenvierteln oder für die Mückenbekämpfung.   

Der Einsatz von Insektiziden zur Mückenbekämpfung ist aus meiner Sicht fragwürdig, weil es schon Resistenzen gegen diese Insektizide gibt. Das heißt, man tötet dadurch in erster Linie andere Insekten und belastet die Menschen. Es gibt sicher bessere und nachhaltigere Maßnahmen, die man zur Bekämpfung von Stechmücken anwenden kann und mehr als symbolische Hau-Ruck-Aktionen sind.

Es gibt gute Beispiele für grüne Technologien. Eine Möglichkeit ist es zum Beispiel, gezielt Stechmückenlarven abzutöten. Eingesetzt wird dafür ein Bakterientoxin, das auch in der Natur vorkommt. Eine andere Möglichkeit ist es, Mücken mit bestimmten Bakterien zu infizieren. Die infizierten Mücken sind dann nicht mehr empfänglich für Viren.

Einen weiteren wichtigen Ansatz verfolgen wir seit 2013 gemeinsam mit Forschern in  Rio. Es geht es darum, „Hot Spots“ zu identifizieren, in denen Stechmücken vorkommen. Das heißt, man fängt im Stadtgebiet Mücken und schaut, mit welchen Erregern sie infiziert sind. Das ist so eine Art Frühwarnsystem.

DÄ: Sind die Zika-Infektionszahlen in den Armenvierteln besonders hoch, weil die Mücken optimale Brutstätten finden, wenn zum Beispiel keine Kanalisation vorhanden ist?
Schmidt-Chanasit: Das ist richtig. Das Zika-Ausbruchsgeschehen hat auf jeden Fall eine soziale Komponente. Viele betroffene Mütter, deren Kinder an Mikrozephalie leiden, kommen aus Armenvierteln. Das liegt auch daran, dass wohlhabende Brasilianerinnen finanziell dazu in der Lage sind, Vorsorgeuntersuchungen zu bezahlen, auch  im Ausland. Sie können eine Abtreibung vornehmen lassen – oder sie haben zumindest die Entscheidungsmöglichkeit. Das alles können sich die Frauen aus den Favelas nicht leisten. Daran sieht man, wie das Gesundheitssystem in Brasilien aufgestellt ist.

Es gibt in Brasilien nach wie vor einen Engpass bei der Zika-Serologie. Das ist der Grund dafür, warum wir im Hamburger Tropeninstitut derzeit eine Vielzahl von Proben aus Brasilien bekommen. Das sind genau die Proben von wohlhabenden Brasilianern. Wenn die Kapazitäten vor Ort nicht ausreichen, weicht man ins Ausland aus, wenn man es sich leisten kann.  

DÄ: Warum ist die Zika-Diagnostik so komplex?
Schmidt-Chanasit: Der Direktnachweis des Virus mittels PCR ist nicht kompliziert. Allerdings ist das Zikavirus im Blut meist nur einige Tage, maximal eine Woche nachweisbar. Im Urin etwas länger, bis zu vier Wochen. Wenn man eine abgelaufene Infektion serologisch nachweisen will, also einen Antikörpernachweis erbringen möchte, wird es schon schwieriger. Denn es besteht eine Kreuzreaktivität mit anderen Flaviviren, zum Beispiel Dengue und Gelbfieber. Deshalb ist es ganz wichtig, dass die serologische Testung einen Neutralisationstest einschließt. Das ist aber aufwendig.      

Es gibt jetzt einen neuen kommerziellen Test, der in den Laboren unkompliziert eingesetzt werden kann. Damit können also viel größere Mengen an Proben bearbeitet werden. Der neue Test kommt in der Zuverlässigkeit zwar nicht an den Neutralisationstest heran, aber bietet eine bessere Spezifität als bisherige Tests auf dem Markt. Es handelt sich um einen ELISA-Test. Eine perfekte Lösung ist es nicht, aber das ist auf die Schnelle auch kaum möglich. Es ist eine deutliche Verbesserung.

Was man wissen muss: Eine absolute Sicherheit gibt es bei der Serologie nicht. Denkbar ist immer auch die Infektion mit einem bisher unbekannten Flavivirus. 

DÄ: Vieles zum Zikavirus ist noch unklar: Wie gesichert ist der Zusammenhang zu Mikrozephalie? Wie wahrscheinlich ist eine sexuelle Übertragung?
Schmidt-Chanasit: Der Zusammenhang zur Mikrozephalie ist aus meiner Sicht bewiesen. Es ist klar, dass das Zika-Virus das Potenzial hat, die Leibesfrucht zu schädigen. Das haben kürzlich Pathologen aus Slowenien gezeigt, die das Virusgenom im Gehirn eines Feten nachgewiesen haben.

Die Frage ist nun, ob der beobachtete Anstieg der Mikrozephaliefälle in Brasilien mit dem Zikavirus-Ausbruchsgeschehen zusammenhängt oder ob es noch andere Faktoren gibt. Die genauen Mechanismen sind noch unklar und auch unter welchen Voraussetzungen und wie häufig das Zika-Virus zu Fehlbildungen führt. Das Institut Oswaldo Cruz in Rio führt derzeit Versuche an trächtigen Affen durch, um diese Fragen zu erforschen.

Eine sexuelle Übertragung von Mensch zu Mensch ist definitiv möglich. Eine aktuelle Studie zeigt, dass das Zikavirus mehrere Monate im Sperma nachweisbar sein kann. Wir empfehlen deshalb auch männlichen Reiserückkehrern mit einer fraglichen Zikavirus-Infektion eine Erkrankung auszuschließen – insbesondere wenn die Sexualpartnerin schwanger ist oder eine Schwangerschaft geplant ist. Bei Unklarheit sollte ein Kondom verwendet werden.    

DÄ: Wie wird sich das Ausbruchsgeschehen entwickeln: Ihre Prognose? 
Schmidt-Chanasit: Das ist sehr schwer zu sagen, weil viele Faktoren eine Rolle spielen, die wir noch nicht verstehen. Wir wissen, dass die Immunität der Menschen eine Rolle spielt, das Vorkommen der Stechmücken und abiotische Faktoren wie Wind, Regen und Temperatur. Prinzipiell gilt: Wenn der Stechmückenvektor in einer bestimmten Dichte vorhanden ist und es empfängliche Personen gibt, wird sich die Erkrankung weiter ausbreiten.

Im Nordosten Brasiliens hat die Erkrankung jetzt gewütet. Man kann sagen: Da werden sich in absehbarer Zeit etwa 80 Prozent der Menschen infiziert haben. Dann kommt es dort in zu einer Herdimmunität und es gibt nur noch Einzelfälle. Im Nordosten Brasiliens könnte das in den nächsten Monaten oder sogar schon Wochen der Fall sein.

Mit einem zuverlässigen Impfstoff gegen das Zikavirus rechne ich erst in einigen Jahren. Wir stehen hier ganz am Anfang. Es gibt noch nicht mal einen brauchbaren Impfstoffkandidaten.

© BH/aerzteblatt.de

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