Ärzteschaft

Marburger Bund-Umfrage: Studierende gegen PJ-Pflichtabschnitt Allgemeinmedizin

Freitag, 26. Februar 2016

Berlin – Das Interesse an einer Tätigkeit als Allgemeinarzt ist groß, eine stärkere Gewichtung des Faches Allgemeinmedizin im Studium ist nicht notwendig. Zu diesem Fazit kommt eine bundesweite Befragung unter 1.756 Medizinstudierenden des Marburger Bundes (MB), die dieser heute vorstellte.

„Das Fach Allgemeinmedizin genießt bei den Medizinstudierenden einen guten Ruf und gilt vielen von ihnen als persönliche Perspektive. Eine Stärkung des Fachs erwarten sie nicht von weiteren Regulierungen in der ärztlichen Ausbildung, sondern von einer Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Tätigkeit als Allgemeinarzt“, erläuterte Rudolf Henke, 1. Vorsitzender des Marburger Bundes, die Ergebnisse der Online-Umfrage. Diese führte das Institut für Qualitätsmessung und Evaluation (IQME) im Auftrag des MB in der Zeit vom 15. Dezember 2015 bis 24. Januar 2016 durch.

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Konkret gab etwa die Hälfte der Medizinstudierenden (49%) bei der Umfrage an, dass für sie nach dem Studium eine Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin grundsätzlich in Betracht käme. Dafür wünschten sie sich jedoch verbesserte Bedin­gungen, wie geregelte Arbeitszeiten, gute Verdienstmöglichkeiten und ein überschau­bares finanzielles Risiko.

Über die Chancen und Risiken einer Niederlassung höre man während des Studiums nur sehr wenig, bemängelte Stefanie Weber, Vorsitzende des Sprecherrats der Medizinstudierenden im Marburger Bund. Viele ihrer Kommilitonen scheuten deshalb den Weg in die Selbständigkeit. „Ein Einzelkämpferdasein in eigener Praxis mit unsicheren finanziellen Rahmenbedingungen kann sich kaum einer der Medizin­studierenden vorstellen“, sagte Weber.

Das Fach Allgemeinmedizin an sich und insbesondere die Lehre des Faches an den Universitäten habe indes mittlerweile einen guten Ruf, erläuterte die Studentin aus Göttingen. „In dieser Hinsicht können die Medizinstudierenden keinen Reformbedarf erkennen.“ Eine Stärkung des Fachs Allgemeinmedizin, wie sie im „Masterplan Medizinstudium 2020“ der Bundesregierung vorgesehen ist, treffe unter ihren Kommilitonen auf Skepsis.

Der MB-Umfrage zufolge halten drei Viertel (74%) eine stärkere Einbindung der Allgemeinmedizin in das Studium für nicht notwendig. Insbesondere lehnen sie zusätzliche Verpflichtungen, wie die jüngst von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) erhobene Forderung nach einem Pflichtabschnitt Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr (PJ) ab (86 %). Auch der Vorschlag einer obligatorischen Prüfung im Fach Allgemeinmedizin am Ende des Studiums wird von drei Viertel der Befragten (75%) verworfen. © ER/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 27. Februar 2016, 10:49

Medizinstudenten als Versuchskaninchen?

Versuchskaninchen kann man auch nicht zu medizinischer Grundlagen-Forschung befragen.

Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM), findet zwar, dass sich in der Hausarztmedizin vieles zum Besseren verändert hat. http://www.aerzteblatt.de/archiv/172848
Jedoch: „Anfang der 90er Jahre gab es in ganz Deutschland sieben wissenschaftliche Mitarbeiter und eine Professur“. Inzwischen haben 27 von 37 Medizinischen Fakultäten selbstständige Institute oder Abteilungen für Allgemeinmedizin (Stand 2014).

Dann kann eine bundesweite Befragung des Marburger-Bundes (MB) unter 1.756 Medizinstudierenden gar nicht repräsentativ gewesen sein, wenn allein 10 von 37 Medizin-Fakultäten keinerlei Abteilungen für Allgemeinmedizin haben.

Ein weiterer Punkt: Der MB vertritt ausschließlich und exklusiv die Interessen der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte. Freiberuflich tätige, niedergelassene Haus-Ärzte oder Allgemeinmediziner kommen im MB-Foderungs- und Leistungskanon niemals vor.

Letzter Punkt! Medizinstudierende stehen am Anfang ihrer beruflichen Qualifikation, Differenzierung, Verortung, Distribution und Allokation. Regional unterschiedlich decken etwa 30-40% aller Niedergelassenen Vertragsärzte den allgemeinmedizinisch-hausärztlichen Bereich der Humanmedizin ab.

Und genau diese Tatsache wird in der medizinischen Sozialisation dieser Profession von der Schule (Einser-Abi?) über Studium, Weiterbildung, Berufsqualifikation und Lebens-Bedingungen nicht ausreichend abgebildet.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Fsieg
am Freitag, 26. Februar 2016, 23:28

Endlich dringt es durch!

Ich freue mich, dieses Problem endlich einmal auch in dieser Form und von beschriebener Seite beleuchtet zu sehen. Ich selbst befinde mich am Ende des Studium, sodass es mich nicht mehr trifft, aber ich sehe, wie nach mir kommende Studiengänge hier in Berlin mit Pflichtpraktika in der Allgemeinmedizin überhäuft werden. Genau wie hier beschrieben war das Problem nie das Fach selbst, sondern schon immer die Rahmenbedingungen, welche mich wie viele andere vor einer Facharztausbildung in der Allgemeinmedizin zurückschrecken lassen.
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