Politik

Wasem: „Wildwuchs“ gesetzlicher Regelungen muss geordnet werden

Montag, 29. Februar 2016

Berlin – Der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem hat den Gesetzgeber aufgefordert, den „Wildwuchs“ an Regelungen bei der Öffnung des stationären Sektors für ambulante Leistungen zu beenden und in der nächsten Legislaturperiode einen „gemeinsamen Ordnungsplan“ aufzustellen. „Bei jeder Gesundheitsreform seit 1989 sind neue Regelungen in diesem Bereich hinzugekommen, von den psychiatrischen Instituts­ambulanzen über das ambulante Operieren im Krankenhaus bis hin zur ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung“, sagte Wasem heute bei der Vorstellung des AOK Krankenhaus-Reports 2016 in Berlin.

Die Regelungen ebenso wie die vorgesehene Vergütung seien jedoch sehr heterogen ausgestaltet. So würden die Leistungen teilweise über Einzelleistungen vergütet, teilweise über Pauschalen, teilweise über das DRG-System. „Man kann nicht sagen, dass das einer bestimmten Logik folgt“, kritisierte Wasem. „Zum Teil werden identische Leistungen sehr unterschiedlich bezahlt.“ Dasselbe gelte für die Bedarfsplanung oder für Wirtschaftlichkeitsprüfungen. „Da hat sich Vieles zufällig so entwickelt. Es scheint mir notwendig, das stärker zu ordnen“, so Wasem.

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Gerlach: „Die Mauer muss weg“
Der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Ferdinand Gerlach, forderte, die Mauer zwischen den Sektoren einzureißen. „Diese Mauer ist für die Patienten zu gefährlich und für uns alle zu teuer“, sagte er. Beidseits der Mauer gebe es ganz unterschiedliche Spielregeln, bei der Arzneimittelversorgung, bei der Pflege, bei der Qualitätssicherung oder bei der Zulassung von neuen Verfahren. Die Arbeitsbedingungen seien unterschiedlich und die Anreize für die Ärzte ebenfalls.

„Deshalb ist natürlich auch kein Qualitätswettbewerb zwischen den einzelnen Sektoren möglich“, kritisierte Gerlach. „Es gibt auch keine Anreize zu kooperieren, dafür aber starke Anreize zu konkurrieren. Es gibt Informationsbrüche, unabgestimmte Therapien, Mehrfachdiagnostik. Wir haben hohe Eingriffszahlen, wir haben eine unangemessene Mengenausweitung und eine Konzentration der Leistungserbringer in den Ballungs­zentren.“

Trotz aller Maßnahmen der Politik sei man in Deutschland von einem verzahnten, sinnvoll gestuften Versorgungskonzept noch weit entfernt. „Wir haben eher ein ungesteuertes Miteinander. Es fehlt die Koordination aus einer Hand“, sagte Gerlach.

AOK will ambulante Versorgung mit Selektivverträgen neu ausrichten
Auch der Vorstand des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, forderte grundlegende Änderungen im System: „Um aus dem Patchwork von Einzellösungen eine neue Struktur zu schaffen, brauchen wir eine grundlegende Neuausrichtung für die fachärztlich-ambulante Versorgung.“

Damit dies gelinge, müssten zunächst die fachärztlich-ambulanten Leistungen einheitlich dokumentiert werden. „Diese Transparenz ist notwendig, um beispielsweise Doppel­strukturen oder Qualitätseinbußen sichtbar zu machen und um Vergleichbarkeit zwischen den Leistungserbringern herzustellen“, so Litsch. Zudem müssten alle Fachärzte bei der Bedarfsplanung berücksichtigt werden.

In einem zweiten Schritt müssten dann die Bedingungen für alle Teilenehmer der fachärztlich-ambulanten Versorgung vereinheitlicht werden. „Die Krankenkassen könnten dann die fachärztlich-ambulante Versorgung mit Hilfe von Selektivverträgen neu ausrichten“, meinte Litsch. © fos/aerzteblatt.de

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