Medizin

Studie: Elektiver Kaiserschnitt könnte Leukämie-Risiko erhöhen

Dienstag, 1. März 2016

Minneapolis - Kinder, die ohne Not per Kaiserschnitt geboren werden, haben einer Studie in Lancet Haematology (2016; doi: 10.1016/S2352-3026(16)00002-8) zufolge ein erhöhtes Risiko, später an einer akuten lymphatischen Leukämie zu erkranken.

Die Ursachen der akuten lymphatischen Leukämie (ALL), der häufigsten Blutkrebsform im Kindesalter, liegen weitgehend im Dunkeln. Die Assoziation mit dem Morbus Down-Syndrom und Ataxia telangiectasia und eine familiäre Häufung legen eine starke genetische Komponente nahe. Es werden jedoch auch Umwelteinflüsse diskutiert.

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Zu ihnen könnten beispielsweise Infektionen gehören, die nach früheren Studien das Infektionsrisiko mindern. Die ALL tritt in den ersten fünf Lebensjahren auf, in denen Kinder viele Infektionen durchmachen und die deshalb auch als Lehrjahre des Immunsystems gelten. Die ALL wird in reicheren Ländern deutlich häufiger diagnostiziert als in Entwicklungsländern und ihre Inzidenz hat parallel zur wirtschaftlichen Entwicklung seit den 1970er zugenommen.

Die adrenale Hyperthese vermutet, dass der mit Infektionen verbundene Stress und die dadurch ausgelöste Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse Kinder vor einer ALL schützen könnte. Und gehören nicht Glukokortikoide zu den wirksamsten Mitteln bei dieser Erkrankung? 

Jetzt fügen Erin Marcotte von der Universität von Minnesota in Minneapolis und Mitarbeiter der Hypothese einen weiteren Aspekt hinzu. Die Forscher haben die Daten von 8.780 Kindern, die an einer ALL erkrankt sind mit 23.459 Kontrollen verglichen. Grundlage waren die Daten des Childhood Leukemia International Consortium, die bereits zuvor in 13 Fall-Kontroll-Studien aus neun Ländern (darunter Deutschland) eingeflossen waren. Marcotte interessierte sich für eine Assoziation mit dem Kaiserschnitt, da diese einen nachweisbaren Einfluss auf die Zusammensetzung der Darmflora hat. Den Kindern fehlen die „Starter“-Bakterien, die bei der vaginalen Geburt nach oraler Aufnahme in den ersten Wochen den Darm besiedeln. 

Tatsächlich erkrankten Kinder, die per Kaiserschnitt entbunden wurden, zu 6 Prozent häufiger an einer ALL. Die Odds Ratio von 1,06 war bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,99-1,13) jedoch statistisch nicht signifikant. Dies änderte sich, als Marcotte die Analyse auf Kinder beschränkte, die vor Eintreten der Wehen per Kaiserschnitt entbunden wurden. Dies ist typischerweise bei dem elektiven Kaiserschnitt der Fall, der immer häufiger nach dem Wunsch der Schwangeren erfolgt, die sich und ihrem Kind den Stress der Geburt ersparen möchte.

Dieser Stress könnte jedoch auch positive Auswirkungen haben, wie die Ergebnisse von Marcotte zeigen. Die elektiven Sectiones caesarea waren nämlich mit einem um 23 Prozent erhöhten Risiko auf eine spätere Leukämie des Kindes assoziiert. Die Odds Rate von 1,23 war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,04-1,47 signifikant, was einen Zufall als Ursache ausschließt. Ein Kaiserschnitt, der nach Einsetzen der Wehen durchgeführt wurde, war dagegen nicht mit einer erhöhten Rate von ALL-Erkrankungen assoziiert.

Die Ergebnisse sind ein weiteres Beweisstück für die adrenale Hypothese, die deswegen aber noch nicht bewiesen ist. Dies wäre nur durch prospektive Untersuchungen möglich, die einige Kinder einem zusätzlichen Stress aussetzen, andere aber nicht. Eine solche Studie wird es vermutlich niemals geben. Selbst wenn die Assoziation kausal sein sollte, sollten sich Frauen, die ihr Kind per Kaiserschnitt zur Welt bringen, keine großen Sorgen machen. Die ALL ist insgesamt sehr selten und das absolute Risiko, dass das Kind später an einer ALL erkrankt, sehr gering (und für den Fall einer Erkrankung wären die Überlebenschancen bei dieser Leukämie-Form heute sehr gut). © rme/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 3. März 2016, 18:16

Insignifikante Interpretation?

In der Publikation "Caesarean delivery and risk of childhood leukaemia: a pooled analysis from the Childhood Leukemia International Consortium (CLIC)" von E. L. Marcotte et al. heißt es vollkommen spekulativ:
Interpretation - Unsere Ergebnisse legen ein erhöhtes Risiko kindlicher akuter lymphatischer Leukämie nach Kaiserschnitt-Entbindungen vor Beginn der Wehen nahe. Unter der (unbelegten) Prämisse, dass dies kausal sei, wird über eine mal-adaptive Immun-Aktivierung in Folge einer Abwesenheit von Stressantwort vor der Geburt spekuliert, der bei Kindern mit Kaiserschnitt vor Einsetzten der Wehen als potenziell auslösender Mechanismus betrachtet werden könne:
["Interpretation - Our results suggest an increased risk of childhood ALL after prelabour caesarean delivery. If this association is causal, maladaptive immune activation due to an absence of stress response before birth in children born by prelabour caesarean delivery could be considered as a potential mechanism."]

Der Hinweis, dass dies nur bei diesem Sonderfall mit Mühe und Not signifikant sei, aber bei der Gesamtbetrachtung aller elektiven Kaiserschnitte, gleich ob mit oder ohne einsetzende Wehentätigkeit, nicht signifikant sei, lässt die Wissenschaftler keinesfalls an ihrer äußerst akademisch formulierten, Spekulativ-Hypothese zweifeln.

Viel nahe liegender wäre, das Alter der Schwangeren mit elektiver Sectio zu betrachten: Diese sind i. d. R. älter und tragen mit deutlich stärkeren Mutationsbelastung ihrer Eizellen von ihrer eigenen Geburt an ein höheres Morbiditätsrisiko für ihre Nachkommen, als die deutlich jüngere Vergleichsgruppe mit wesentlich seltenerer elektiver Sectio caesarea.

Das stimmt mit der bisherigen Studienlage überein.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. Mauterndorf/A)
Gromer
am Mittwoch, 2. März 2016, 18:31

Statistik ...

Der Satz "Die Odds Rate von 1,23 war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,04-1,47 signifikant, was einen Zufall als Ursache ausschließt." sollte nochmals überdacht werden. Ausschließen tut es dass nicht, die Wahrscheinlichkeit dafür liegt jedoch bei <= 5%.
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