Politik

Pflegende Angehörige nutzen Leistungen der Pflegeversicherung kaum

Montag, 7. März 2016

Berlin – Die Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung sind den meisten pflegenden Angehörigen bekannt, zum Beispiel die Tages-, Kurz- oder Verhin­derungspflege. Mit Ausnahme des Pflegedienstes werden sie jedoch nur von weniger als einem Fünftel genutzt. Das geht aus einer Befragung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) unter 1.000 pflegenden Angehörigen hervor, deren Ergebnisse heute bei der Vorstellung des Pflege-Reports 2016 präsentiert wurden.

Als Gründe gaben die Befragten an, dass die Pflegebedürftigen nicht von einer fremden Person gepflegt werden wollten, sowie die hohen Kosten oder die schlechte Erreich­barkeit. „Hier zeigt sich ein tief sitzendes Selbstverständnis von familiärer Pflege, in das Pflichtgefühl und Scham mit hineinspielen“, erklärte Antje Schwinger, Pflegeexpertin des WIdO und Mitherausgeberin des Reports.

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Der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, forderte ange­sichts der Umfrageergebnisse eine Straffung der bestehenden Regelungen: „Die Pflegeversicherung hat sich bewährt. Aber wir müssen ihre Leistungen noch einfacher und flexibler gestalten.“ Zum Beispiel könne man die beiden Leistungen „Verhinderungs­pflege“ und „Kurzzeitpflege“ zusammenlegen. „Statt hier zwei verschiedene Regelungen und Budgets vorzusehen, sprechen wir uns für die Bündelung aus. Es geht um 3.224 Euro für 14 Wochen je Kalenderjahr. Pflegende Angehörige wissen selbst am besten, wie sie während einer Auszeit das Geld am sinnvollsten einsetzen können.“

„Eine Wertschöpfung von 37 Milliarden Euro“
Die Arbeitsleistung von pflegenden Angehörigen veranschaulichte Litsch mit einem Rechenbeispiel. „Wenn man die Stundenzahl, die pflegende Angehörige aufwenden, mit dem heutigen Mindestlohn multipliziert, dann liegt deren Wertschöpfung bei rund 37 Milliarden Euro pro Jahr. Das ist eine gewaltige Summe, wenn man bedenkt, dass die Pflegeversicherung selbst nur ein Einnahmevolumen von rund 26 Milliarden Euro umfasst.“

Die Direktorin des Instituts für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft an der Charité und Mitherausgeberin des Pflege-Reports, Adelheid Kuhlmey, erklärte, dass die Pflegebedürftigkeit in hohem Alter künftig zum Normalfall werde. Der Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen sei in den letzten zehn Jahren allerdings moderater verlaufen, als es damals hochgerechnet worden sei. „Das liegt vor allem daran, dass die Pflegebedürftigkeit im Durchschnitt in einem immer höheren Lebensalter eintritt, das heißt: Wir bleiben länger gesund“, sagte Kuhlmey.

„Ein deutsches Spezifikum“
In Deutschland werde die Betreuung pflegebedürftiger Menschen sowohl von professioneller, als auch von familiärer oder ehrenamtlicher Hilfe übernommen. Das sei ein deutsches Spezifikum. „In Dänemark zum Beispiel ist die staatliche Hilfe umfassend organisiert, in Italien ist eher die familiäre Hilfe traditionell von Bedeutung“, so Kuhlmey. „Die Mischung in Deutschland ist eine gute Basis für die anstehenden Heraus­forderungen.“

Die Pflegewissenschaftlerin meinte, dass „wir uns künftig besser auf unsere eigene Pflegebedürftigkeit vorbereiten können“. Vielleicht werde die Pflege dann einfacher zu organisieren und dadurch auch preisgünstiger werden, „wenn zum Beispiel ein ambulantes Pflegeteam nicht mehr in 40 verstreut liegende Wohnungen fahren muss, sondern nur noch in eine“, in der die Pflegebedürftigen zusammenlebten. „Diese Strukturen werden dazu führen, dass die Pflege künftig effizienter sein wird“, so Kuhlmey. Dazu könne auch ein stärkerer Einsatz von Technik beitragen. © fos/aerzteblatt.de

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kairoprax
am Mittwoch, 9. März 2016, 07:34

Ein Zeichen von humaner Haltung?


Von Anfang an ist nicht nur mir die Pflegeversicherung wie eine Art Alten-Abschiebe-Versicherung vorgekommen. Dieser Bericht, dieser Trend, die Segnungen der Pflege nicht wahrnehmen zu wollen, man kann ihn auch als Aussage der Nächstenliebe ansehen.

Es gibt aber auch andere, finanzielle Gründe.
Trotz hoher Pflegebeiträge geraten die Familien von Pflegebedürftigen finanziell immer wieder unter großen Druck. Nur die Reicheren und nur die, die nichts haben, können rundum mit dem Finanzierungssystem zufrieden sein. Dazwischen steht der kollektive Verzicht über ggf. viele Jahre.

Eine Lösung aus dem Dilemma wäre, wenn man die professionelle Pflege auf das tatsächlich notwendige Maß zurückfahren würde.
Für die Fälle, die in diesem Aretikel beschrieben werden, sollte es dann umgekehrt auch eine Lösung geben, daß die pflegenden Angehörigen geführt werden, als wären sie bei einer imaginären Pflegeeinrichtung angestellt, mit Lohnsteuerkartenpflicht und mit Sozialabgaben, die aus der Pflegekasse gezahlt werden.

Unmöglicher Vorschlag?
Warum?

Wenn jemand ganz oder teilweise seinen Beruf hintanstellt um ein Familienmitglied bis zu dessen Tod zu begleiten, dann ist das doch eine Arbeit und es ist ein Ausfall auf dem Arbeitsmarkt.

Möglicherweise würde die Pflege auf diesem Weg wieder großenteils in den Scho der Familen zurückkehren, natürlich zu Lasten der professionellen Häuser und Sozialdienste.
Widerstand
am Montag, 7. März 2016, 22:57

...nutzen Leistungen nicht

Zum Teil oben schon beschrieben. Was nicht erwähnt wird: Wer Leistung beantragt muss sich erst einmal bis auf die Haut seelisch ausziehen. Dann muss minitiös festgehalten werden, wieviel Minuten für was gebraucht wird. MINUTEN!
Und dann werden dummdreiste Fragen zusätzlich gestellt und nicht nachvollziehbare Leistungsverweigerungen.
Danke schön, wenn ich exibizionistisch veranlagt wäre, dann könnte ich nackt über die Mönckebergstraße laufen und brauche keine Leute, die einfach nur ihre Machtgelüste ausleben.
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