Ärzteschaft

„Einen besonderen Blick für Bewerberinnen entwickeln“

Dienstag, 8. März 2016

Berlin – Immer mehr junge Frauen studieren in Deutschland Medizin, immer mehr Ärztinnen nehmen an der Versorgung teil. Doch nur wenige schaffen es an die Spitze von Kliniken oder Forschungseinrichtungen. Dr. med. Gunda Leschber ist eine von ihnen – die Fachärztin für Thoraxchirurgie ist seit 2003 Chefärztin der Klinik für Thoraxchirugie an der Evangelischen Lungenklinik in Berlin.

Im Ehrenamt ist sie derzeit die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Thorax­chirurgie, dieses Amt hatten sie auch zwischen 2010 und 2011 auf Europäischer Ebene inne. Kürzlich wurde sie mit der Wolfgang-Müller-Osten-Medaille ausgezeichnet, der höchsten berufsständischen Auszeichnung des Berufsverbandes der Deutschen Chirurgen.

Anlässlich des Weltfrauentages am 8. März erklärt sie im Gespräch, warum es für Ärztinnen nach der Facharztprüfung weiterhin schwierig ist und wie Veränderungen gestaltet werden könnten.

5 Fragen an Dr. med. Gunda Leschber, Chefärztin der Klinik für Thoraxchirugie an der Evangelischen Lungenklinik in Berlin

DÄ: Warum ist es für Frauen weiterhin so schwierig, in der Chirurgie Fuß zu fassen?
Leschber: Es ist gar nicht mehr schwierig für Frauen, in chirurgischen Fachgebieten anzufangen, denn die Einstellung zu Frauen in der Chirurgie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert. Schwieriger ist es dagegen, sich in der weiteren Laufbahn zu behaupten und nach Abschluss der Facharztausbildung auch eine Position als Oberärztin oder gar Chefärztin zu erlangen. Da die Chirurgie auch weiterhin männerdominiert ist, werden bei der Auswahl zur Besetzung von Führungspositionen häufig „männliche Maßstäbe“ angelegt. Darüber hinaus können Frauen ihre Expertise und Fertigkeiten oft nicht so gut darstellen und sind häufig zu zurückhaltend, das heißt, sie „verkaufen“ sich schlecht.

DÄ: Es gibt immer mehr Studentinnen an den Medizinischen Fakultäten – was hält die gut ausgebildeten Frauen später auf, in der Hierarchie von Kliniken und Forschungsinstitutionen aufzusteigen?
Leschber: Solange die Mehrzahl der Berufungskommissionen in Kliniken oder Forschungsinstituten das bedingungslose Engagement für die jeweilige Institution verlangt, werden es gut ausgebildete Frauen, insbesondere, wenn sie sich parallel um eine Familie kümmern müssen, immer schwerer haben, eine entsprechende Position zu besetzen. Auch die Tatsache, dass eine „Kinderpause“ in der Regel einen Karriereknick bedingt, verbaut vielen fähigen Frauen den Weg an die Spitze.

DÄ: Was können Kliniken, Universitäten, aber auch Berufsverbände tun, damit Ärztinnen und speziell Chirurginnen nicht so viele Steine in den Weg gelegt werden?
Leschber: Ich glaube, es ist auch heute noch notwendig, für die Förderung von Frauen einen besonderen Blick für weibliche Bewerberinnen zu entwickeln. Dafür ist auch die Diskussion um Quoten nicht unsinnig. Speziell an großen Kliniken und Universitäten sollten Möglichkeiten geschaffen werden, dass Frauen für eine Zeit in Teilzeitbeschäf­tigung arbeiten können, ohne dass dies zu einem Karriereknick führt.

Die Einrichtung von Kinderbetreuungsplätzen ist hilfreich für Chirurginnen, die gleichzeitig Mütter sind. Meiner Meinung nach sollten sich insbesondere die Berufsverbände aktiv um die Belange von Frauen kümmern, schließlich sind auch hier schon mehr als ein Drittel aller Mitglieder weiblich. Trotzdem ist teilweise eine gegenläufige Entwicklung zu beobachten.

So hat bedauerlicherweise der Berufsverband der Deutschen Chirurgen (BDC) das Referat der Vertreterin der Chirurginnen im Zuge seiner Umstrukturierung abgeschafft. Dabei hatte gerade der BDC schon vor mehr als fünf Jahren erkannt, dass es bei der Werbung um zukünftige Chirurgen insbesondere auch darauf ankommt, Frauen für dieses Fachgebiet zu werben.

DÄ: Sie selbst haben beim Berufsverband der Chirurgen eingeführt, dass es auf Kongressen Kinderbetreuung gibt. Können Sie noch weitere Beispiele nennen, wie mit „kleinen“ Hilfestellungen große Wirkung erreichen kann?

Leschber: Leider gibt es wenig kleine Hilfestellungen, die eine große Wirkung erreichen. Die schon genannte Kinderbetreuung während der Arbeitszeiten ist für viele Chirurginnen ein großes Problem. Ein anderer Aspekt ist die Überlegung, wie schwangere Chirurginnen trotzdem im Operationssaal unter bestimmten Vorsichts­maßnahmen tätig werden können. Hier eignet sich die Anfertigung von sogenannten Positivlisten. Einen hervorragenden Beitrag dazu hat die Initiative der Unfallchirurginnen „Operieren in der Schwangerschaft-OpidS“ (http://www.opids.de/start.html ) geleistet.

Auch Führungsseminare, die sich speziell an Frauen richten, wie zum Beispiel die von mir mit initiierte Führungsseminarreihe des BDC „Chirurginnen auf dem Weg nach oben“, sind ein Baustein, der Frauen ermutigen soll, Führungspositionen anzustreben.

DÄ: Was raten sie jungen Kolleginnen, die selbst das Gefühl haben, an die berühmte gläserne Decke zu stoßen?
Leschber: Ich würde Ihnen raten, sich nicht entmutigen zu lassen, sondern zielstrebig an ihren Zielen festzuhalten. Wichtig ist es, nicht als Einzelkämpferin zu versuchen, diese Decke zu durchstoßen, sondern sich Unterstützer und Unterstützerinnen zu suchen, also Allianzen zu schmieden. Erst wenn eine kritische Masse von Frauen in den Entscheidungsgremien erreicht ist, wird sich der Blick automatisch auch immer in Richtung der Frauen weiten. Dann profitieren endlich alle von den unterschiedlichen Talenten von Männern und Frauen. © bee/aerzteblatt.de

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