Ausland

Antibiotikaeinsatz bei Tieren soll in der EU stark eingeschränkt werden

Donnerstag, 10. März 2016

Straßburg – Weniger Antibiotika für Schweine, Rinder und andere Nutztiere – darauf zielt eine neue Verordnung ab, die das Europaparlament am Donnerstag in erster Lesung verabschiedet hat. Dank der Neuregelung soll der Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft strenger kontrolliert werden. Dazu ist in allen 28 EU-Staaten eine Verschreibungspflicht für Tier-Antibiotika vorgesehen. Der Handel mit Antibiotika im Internet soll ganz verboten werden.

Zudem sollen alle Abgaben dieser Medikamente an Landwirte und Tierzüchter systematisch erfasst werden. In Deutschland sei dies bereits seit 2013 der Fall, sagte der CDU-Abgeordnete Peter Liese. „Landwirte, die deutlich über dem Durchschnitt liegen, bekommen Besuch vom Amtstierarzt.“ Auch die Niederlande hätten eine strenge Regelung, sagte Liese. In vielen anderen EU-Staaten würden dagegen noch zu viele Antibiotika verfüttert, und die Kontrolle sei oft mangelhaft.

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Der Vorlage zufolge soll der präventive Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung grundsätzlich untersagt werden. Heute würden oft ganze Herden behandelt, wenn ein einziges Tier krank sei, sagte die britische Grüne Molly Scott Cato. Mit diesem „Routine-Einsatz“ müsse Schluss gemacht werden.

25.000 Todesfälle im Jahr, weil Antibiotika nicht mehr wirken
Liese verwies auf Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wonach heute in der EU jährlich rund 25.000 Menschen sterben, weil Antibiotika nicht mehr wirken. Das Problem liege zwar vor allem in der zu häufigen Verschreibung dieser Medikamente in der Humanmedizin, erläuterte der CDU-Abgeordnete, der selbst Arzt ist. Es gebe aber auch antibiotikaresistente Keime bei Tieren, die auf Menschen überspringen und so beispielsweise in Krankenhäuser gelangen könnten.

Das Europaparlament will daher durchsetzen, dass bestimmte Antibiotika, die bei Menschen als letztes Mittel eingesetzt werden, in der Tiermedizin nicht mehr oder nur unter besonders strengen Auflagen verwendet werden dürfen. Dabei handelt es sich um so genannte Reserveantibiotika, die eingesetzt werden, wenn andere nicht mehr wirken.

Die Vorlage geht nun an den Rat, in dem die 28 EU-Staaten vertreten sind. Die EU-Volksvertretung hat in der Frage ein Mitentscheidungsrecht – Rat und Parlament müssen sich also auf einen Kompromiss einigen. Die Verhandlungen dürften nicht vor 2017 beginnen und schwierig werden. In einigen EU-Staaten, die eine besonders intensive Viehzucht betreiben und einen Routine-Einsatz von Antibiotika zulassen, regt sich nach Angaben aus dem Europaparlament heftiger Widerstand gegen die Pläne.  © afp/aerzteblatt.de

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Dr.Bayerl
am Sonntag, 13. März 2016, 14:23

mit der Tierzucht tut man sich (nicht nur in Deutschland) erheblich schwerer als mit der Humanmedizin.

Hier werden sogar "Verbrauchswerte" vom Ministerium geheimgehalten.
In Holland wird ein Bauer (Schweinezucht) der ins Krankenhaus kommt ohne Test sofort isoliert.
Staphylococcus rex
am Sonntag, 13. März 2016, 14:00

Ein erster Schritt in die richtige Richtung

Bei dem Gesetzentwurf aus dem o.g. Link sind einige Details interessant:
1. Verpflichtung der Tierproduzenten, auf eine ausreichende genetische Vielfalt bei ihren Nutztieren zu achten. die Fixierung auf hohen Fleisch- oder Milchertrag geht oft auf Kosten des Immunsystems.
2. Die Verpflichtung große Herden funktionell in kleineren Gruppen zu organisieren, damit bei Erkrankung eines einzelnen Tieres nicht immer die ganze Herde behandelt werden muß.

Was ich vermisse, ist die Nennung der konkreten Antibiotika-Stoffgruppen und eine bessere Trennung der Einsatzgebiete. Aus meiner Sicht sollte man drei große Gruppen bilden: Erstens die Tiere mit einer personalisierten Therapie: seltene Zootiere, Tiere mit Spezialaufgaben (Blindenhunde, Rennpferde etc.), zweitens Haus- und Kleintiere und drittens Tiere in der Lebensmittelindustrie.

Bei der ersten Gruppe würde ich auf Restriktionen verzichten. Bei der zweiten Gruppe würde ich den Verzicht von Cephalosporinen, Chinolonen und Carbapenemen empfehlen und bei der dritten Gruppe zusätzlich den Verzicht von Glykopeptiden und Polymyxinen. Auch sollte man über eine Kennzeichnungspflicht bei Lebensmitteln nachdenken, wenn Grenzwerte an Antibiotikagaben bei Tieren in der Lebensmittelproduktion überschritten werden.

Meist sind es nicht die Keime bei den Tieren selbst, die uns Sorgen bereiten, sondern die Resistenzplasmide, die nach dem Verzehr der Nahrung zwischen den "Tierkeimen" und unserer Darmflora ausgetauscht werden. Und diese Plasmide haben meist Resistenzen gegen ganze Stoffgruppen.
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