Politik

DDR-Arzneimittel­forschung für den Westen: Ein Skandal, der keiner war

Dienstag, 15. März 2016

Berlin - Es gibt keine Hinweise darauf, dass ethische Standards bei klinischen Arzneimittelstudien westlicher Pharmafirmen in der DDR verletzt worden sind. Zu diesem Fazit kommt der Abschlussbericht eines Forschungsprojekts des Instituts für Medizingeschichte der Charité, der heute der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Die Vorwürfe, es habe systematische Rechtsverstöße und Unterschreitungen der damals geltenden Regeln gegeben, haben sich den Ergebnissen zufolge nicht bestätigt.  

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Auslöser für die Nachforschungen und das Projekt waren Berichte über die „günstige Medikamenten-Teststrecke DDR", die 2013 durch die Medien gingen. „Der Skandal, der keiner war“ titeln jetzt die Autoren des Berichts Volker Hess, Laura Hottenrott, Peter Steinkamp von der Forschungsgruppe „DDR-Arzneimittelforschung“. Finanziell gefördert wurde ihr rund zweieinhalbjähriges Forschungsvorhaben von der Bundesbeauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer sowie der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur unter Beteiligung der Bundesärztekammer, der Landesärztekammern von Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hamburg, Niedersachsen, Saarland und Sachsen sowie des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (VfA) und des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI).

„Wir mussten durch Berge von Material sichten, um quasi die Nadel im Heuhaufen zu finden“, sagte Studienleiter Hess bei der Präsentation des Abschlussberichts. Die Forscher waren erfolgreich: Insgesamt fanden sie 900 Hinweise auf klinische Studien oder Erprobungen von Arzneimitteln westlicher Hersteller in den Unterlagen der DDR-Behörden für den Zeitraum von 1961 bis 1990. Mehr als 300 Auftragsstudien wurden dem Bericht zufolge  im Rahmen des „Immateriellen Exportprogramms“ der DDR  durchgeführt, also von 1982 bis 1990. Die Forschergruppe wertete dafür  nicht nur die von den DDR-Behörden hinterlassenen Materialien an den Universitätskliniken und den Bezirkskrankenhäusern und die Unterlagen der Staatssicherheit aus, sondern auch Aktenmaterialien der beteiligten pharmazeutischen Unternehmen sowie die Interviews mit Zeitzeugen.

Für die Historiker ist die große Anzahl der klinischen Studien in der DDR im Auftrag von westlichen Pharmafirmen ein Ausdruck der ständigen engen Verbindung von Ost und West, wobei die Asymmetrie der Beziehungen aus der wachsenden Überschuldung der DDR resultierte, der sie mit den sogenannten „immateriellen Exporten“ begegnete. „Das Gesundheitssystem der DDR bot westlichen Pharma-Unternehmen die Möglichkeit, Studien zuverlässig, exakt  und zügig durchführen zu lassen“, erläuterte Hess. Die Prüfärzte seien hochmotiviert und qualifiziert gewesen. Zudem habe eine hohe Anzahl der benötigten Patienten durch das staatlich geführte Gesundheitssystem mit vielen Spezialkliniken zur Verfügung gestanden.

Die Studien seien Teil einer regulären klinischen Forschung und nicht heimlich durchgeführt worden, konstatiert der Bericht. „Das in der DDR geltende normative Regelwerk entsprach den seit den 1970er Jahren zunehmend schärfer gefassten internationalen Standards und war der westdeutschen Entwicklung einer penibleren Arzneimittelgesetzgebung und –kontrolle zunächst sogar um Jahre voraus“, ergänzte Carola Sachse von der Universität Wien und  Sprecherin des Wissenschaftlichen Beirats, der das Forschungsprojekt begleitete. Für beide Seiten habe eine „Win-Situation“ bestanden. 

Längst seien aber nicht alle Fragen beantwortet, sagt Sachse und mahnt weitere Forschung an. Offen bliebe beispielsweise, inwieweit die Probanden tatsächlich immer aufgeklärt wurden und ihre Einwilligung gaben. Dies sei zu dieser Zeit aber keine DDR-spezifische Problematik, betonte sie. Generell hätten sich die Bedingungen für klinische Studien in den letzten Jahren geändert. © ER/aerzteblatt.de

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