Ärzteschaft

Ärztekammer Berlin fordert Richtungswechsel bei der Krankenhausvergütung

Dienstag, 15. März 2016

Berlin – 15 Jahre nach Einführung der Fallpauschalen (Diagnosis Related Groups, DRGs) zur Abrechnung von Krankenhausleistungen zieht die Ärztekammer Berlin ein vernichtendes Fazit: „Wären DRGs ein Medikament, müssten sie sofort vom Markt genommen werden. Alle Nebenwirkungen sind eingetreten, fast alle Wirkungen ausgeblieben“, sagte der Kammerpräsident Günther Jonitz heute in Berlin.

Die Ärztekammer Berlin hatte bereits in der Einführungsphase vor den Fallpauschalen gewarnt: „Die Delegiertenversammlung der Ärztekammer Berlin erwartet mit der Einführung von DRGs eine deutliche Verschlechterung der Patientenversorgung durch einen Verlust an Qualität und Humanität. Eine Industrialisierung der Patientenversorgung in deutschen Krankenhäusern ist absehbar“, hieß es in einer Resolution der Kammerversammlung aus dem Jahr 2001. Die Fallpauschalen schafften „Anreizen für wohldotierte, aber fraglich indizierte Maßnahmen und damit zu schlechterer Medizin bei insgesamt höheren Kosten“, so die Delegierten vor 15 Jahren.

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„Dies alles ist in Deutschland flächendeckend eingetroffen“, erklärte Jonitz. Es sei deshalb an der Zeit, das bestehende System grundlegend zu überdenken: „DRGs sollten künftig vor allem als Grundlage für Budgetverhandlungen und nicht zur 100-prozentigen Budgetberechnung genutzt werden. Auch der Missbrauch von DRGs zum Abbau vermeintlich unwirtschaftlicher Krankenhäuser muss beendet werden“, so der Kammerpräsident. Er forderte stattdessen regionale Gesundheitsbudgets analog zum Innovationsfonds einzuführen. Darüber hinaus sollten in Bundesländern mit niedriger Krankenhausbettenzahl die Basisfallwerte angehoben werden.

„Der Abbau der stationären Versorgung in Deutschland ohne Rücksicht auf medizinische Kriterien, Qualität und Humanität der Patientenversorgung ist der falsche Weg“, so Jonitz. Notwendig sei ein werteorientiertes System, das den Nutzen für den Patienten in den Vordergrund stelle. © hil/aerzteblatt.de

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A. Bruns
am Sonntag, 20. März 2016, 21:37

Sehr geehrter Herr Dr. Bayerl,

danke für die Antwort. Es ist nicht mein Anliegen, Ärzte schlecht zu machen. Neben dem internationalen Vergleich sollten wir aber auch die Zuwächse berücksichtigen. "Die Leistung folgt dem Geld" wurde da schon getitelt.

Wie Sie aus meiner Signatur erkennen können, vertrete ich den durch die DRGs geschundensten Bereich, die Geburtshilfe. Der Kellertreppeneffekt ist eingetreten, wirtschaftlich ruiniert. Sinkende Vergütung bei steigender Komplikationsrate. Die Effekte bei den Patentinnen sehen wir deutlich.
Würde man statt der reinen Aktivvergütung die passiven Leistungen dort kalkulieren, wo sie entstehen, wäre schon viel erreicht.
Das Krankenhausstrukturgesetz bestraft nun wieder die Geburtshilfe. Durch die Schließungen kommt es regelmäßig in umliegenden Kliniken zu Mengensteigerungen, die "unnötige Geburt" laut Gesetz.

Wann wird es die Politik schaffen, sinnvolle Reformen auf den Weg zu bringen?

Mit freundlichen Grüßen

Alexandra Bruns
Geburt e.V.
Dr.Bayerl
am Freitag, 18. März 2016, 22:09

Liebe Frau Bruns, bei aller generellen Zustimmung, nicht die Ärzte noch schlecht machen!

Die Indikation zu einem operativen Eingriff bestimmt immer noch der Arzt und hier ist Deutschland NICHT Weltmeister mit einer einzigen Ausnahme, der Hysterektomie der Frau (siehe unten), darüber kann man lange philosophieren, offenbar möchte das auch die Deutsche Frau. Bei allen anderen Operationen NICHT, insbesondere NICHT bei Implantationen von Kniegelenken, wie man immer wieder falsch hört, von Organtransplantationen ganz zu schweigen, das mag offenbar die Presse nicht, hier liegen wir weit zurück. Etwas teurer sind Cardiologen und Onkologen mit sicher zu vielen Coronarographien (Platz 1 weltweit) und auch sehr viel Stammzelltransplantationen (Leukämien).
Bei einigen Erkrankungen würde ich mir etwas mehr und auch frühere Eingriffe wünschen, die das Risiko beim Patient senken und Kosten sparen würden, z.B. beim Gallensteinleiden mit der schonenden endoskopischen Technik. Op´s werden bei uns am schärfsten budgetiert, das ist gefährlich.
Die ÄrzteKammer hat (endlich einmal) Recht.
Internationale Vergleiche sind zudem nur ein sehr eingeschränkter Maßstab für sinnvolle Medizin.
Der Deutsche neigt offenbar dazu, gerade auf operativem Gebiet seine (traditionellen) Qualitäten deutlich zu unterschätzen, sie liegt dagegen ganz sicher NICHT in der Politik, die eher arztfeindlich ist, wie Sie völlig richtig sagen.
Manches kann allerdings auch ambulant von selbständigen Fachärzten geleistet werden, hier ist die Politik merkwürdig INKONSEQUENT.
Medizin ist immer Teamwork, wir müssen zusammenhalten, lesen Sie das:
http://tinyurl.com/jqyxfsk
wer sich hier in die Kosten vertieft, sollte nicht vergessen, dass hier sehr unterschiedliche Systeme und damit auch Leistungen verglichen werden.
A. Bruns
am Donnerstag, 17. März 2016, 21:51

System ohne Menschenwürde

Einem System wohnt immer auch eine Ethik inne. Der Behandlungsfall ist der Wert.
Qualität wird nicht belohnt. Welche Auswirkung hat diese Ethik auf Menschen, die im System arbeiten oder seine Leistungen beziehen?
Vor der Einführung des DRG-Systems wurde ein Patient am Freitag aufgenommen und am Montag entlassen. So witzelte das Volk. Es galt, Pflegetage zu regenerieren und Patienten lange zu halten. Viele Betten, gut belegt.

Das Fallpauschalensystem hingegen fordert, Belegungstage pro Fall zu reduzieren. Ein Fall – eine Pauschale. Da ist es gut, wenn der Patient innerhalb der zugewiesenen Verweildauer entlassen wird, sonst kostet er Geld.
Das Pflegepersonal wurde degradiert vom wertvollen Patientenversorger zum Kostenfaktor. Statt langmütiger Pflege ist nun Akkord gefragt. Rein – raus - nächster Fall – neue Pauschale. Betten und Pflegetage wurden erfolgreich abgebaut, Fälle stiegen stark an. Die Kosten im System stiegen mit. Glatter Rohrkrepierer mit Kollateralschäden beim Personal und beim Patienten.

Kein anderes Land hat so viele operative Eingriffe zu verzeichnen wie wir. In keinem anderen westlichen Staat muss eine Krankenschwester so viele Patienten versorgen wie in Deutschland. Statt vom verlängerten Aufenthalt übers Wochenende spricht das Volk nun von der „blutigen Entlassung“.

Chefärzte gestanden in einer Studie ein, medizinisch notwendige Leistungen vorenthalten zu haben, wenn sie Verluste erbracht hätten. Und dem Patienten droht noch eine ganz andere Gefahr: der unnötige Eingriff.
Herzkatheteruntersuchung, neues Gelenk, Wirbelsäulen-OP – das sind einträgliche und gesuchte Patienten. Das System bedarf sogar einer Mindestzahl an solchen Fällen.

Die Ärzte, einst die unangefochtenen Eminenzen eines Krankenhauses, müssen nun zum Erhalt ihrer Stationen den Vorgaben der Verwaltung gerecht werden. Es müssen Fälle ran und dafür werden die Ärzte missbraucht. Mit ihrem Können Krankheiten zu diagnostizieren und Therapien einzuleiten sind sie zu Treibstoff-Lieferanten des Systems geworden. Ihr Hippokratischer Eid wird sprichwörtlich verheizt. Umso größer der Druck, sei es durch
finanzielle Schieflage oder durch Gewinnerwartung, desto schwieriger die Abwägung von Gewissen und Notwendigkeit.

Seit Einführung kam es zu einer Reduzierung von Pflegepersonal. Der Krankenstand ist hoch, die Unzufriedenheit auch. Der medizinisch-technische Dienst ist ebenfalls betroffen. Prominentestes Beispiel sind die Hebammen. Immer kürzer hält es sie in ihrem Beruf. Die katastrophalen Bedingungen lassen viele aufgeben.
Der terminierbare Patient ist der Goldesel, das Pflegepersonal hingegen ein Kostenfaktor, die Ärzte müssen die Klinik am Laufen halten. Das Produkt all dieser Bedingungen ist nichts weniger als die Verletzung mehrerer Grundgesetze. Würde, Unversehrtheit, Schutz der Schwangeren - dem System fehlt also die Moral, schwierig für eines, welches dem Menschen dienen und ihm Gesundheit bringen soll.

Wir wollen keine unnötigen Fälle und Interventionen, keine verlängerten oder verkürzten Aufenthalte, kein überarbeitetes Personal und keine unterlassene Hilfeleistung. Wir wollen eine Versorgung, die der Gesundheit dient und dem Bürger seine Unversehrtheit und Würde lässt.

Der größte Kosten- und Qualitätsfaktor ist das medizinische Personal. Dies muss den Wert im System darstellen. Es muss frei von Kundeakquise gestellt werden. Deshalb müssten wir zuerst definieren, wie viel Personal wir dem Bürger zur Verfügung stellen
können. Wir müssen festlegen, welche Arbeitsbelastung ein Krankenpfleger, eine Ärztin, eine Hebamme oder ein Physiotherapeut zu bewältigen hat. Nicht absolut festgeschrieben, sondern in einem Korridor.

Ich danke der Ärztekammer Berlin für ihre klare Kritik.

Alexandra Bruns
Geburt e.V.
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