Politik

„Es war für mich keine Frage zu helfen“

Dienstag, 22. März 2016

Köln – Seit September 2015 engagieren sich medizinische Teams der humanitären Hilfsor­ganisation humedica aus dem bayerischen Kaufbeuren auf der sogenannten Westbalkanroute für Flüchtlinge. Nach Einsätzen in Ungarn, Serbien und Kroatien, trägt humedica seit Oktober 2015 auch in Presevo, einer Kleinstadt an der serbisch-mazedonischen Grenze, mit einer Gesundheitsstation zur medizinischen Versorgung der Flüchtlinge bei. Der Ort ist eine Art Nadelöhr, da hier  die Registrierung aller Flüchtlinge stattfindet, die über Österreich weiter in den Westen und Norden Europas reisen möchten.

Vom 7. bis 22. Februar dieses Jahres war der Heidelberger Frauenarzt Dr. med. Wolfgang Heide für humedica an der Westbalkanroute im Einsatz. Für ihn war es bereits sein insgesamt 7. ehrenamtlicher humanitärer Einsatz. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt schildert er seine Erfahrungen.

5 Fragen an Wolfgang Heide, Frauenarzt aus Heidelberg und ehrenamtlicher Helfer der internationalen Hilfsorganisation humedica.

DÄ: Was war Ihre Motivation für den Einsatz an der Westbalkanroute?
Heide: Die Schicksale und die Situation der Flüchtlinge, die vor Terror und Krieg aus ihren Heimatländern fliehen, haben mich sehr berührt. Menschen, die nicht zu uns kommen, weil hier der Himmel auf Erden ist, sondern weil bei Ihnen die Hölle los ist. Wenn man Familien mit kleinen Kindern sieht, die den langen Weg über die Berge zwischen Afghanistan und dem Iran angetreten sind, die auf völlig überfüllten Schlauchbooten das Meer zwischen der Türkei und Griechenland überqueren, die völlig unterkühlt im UNHCR Flüchtlingscamp ankommen, mit Erfrierungen an den Füßen, dann muss man, vor allem wenn man einen Beruf hat, der das ermöglicht, helfen. Als dann die Anfrage von humedica kam, war es für mich keine Frage, meinen geplanten Urlaub abzusagen und meine Kollegen zu bitten, mich für eine weitere Woche zu vertreten.

DÄ: Sie sind insgesamt 14 Tage vor Ort gewesen. Wie hat sich die Situation an der Grenze und in der Gesundheitsstation innerhalb dieses Zeitraums entwickelt?
Heide: In der ersten Woche kamen bis zu 2.500 Menschen überwiegend aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, auf der Flucht vor Terror, Krieg und Tod. In der zweiten Woche machten sich die vorübergehenden Grenzschließungen bemerkbar und die Anzahl der Flüchtlinge variierte sehr. Bemerkenswert war in diesem Zusammenhang, dass es den Anschein hatte, als ob diese Menschen immer schneller weiter kommen wollten. Viele nahmen sich trotz durchnässter Kleidung und Übermüdung nicht einmal Zeit für eine warme Tasse Tee.

DÄ: Mit welchen gesundheitlichen Problemen sind Sie in erster Linie konfrontiert worden und welche Art von medizinischer Hilfe konnten Sie leisten?
Heide: Der Hauptanteil der medizinischen Probleme, bedingt durch die schlechten Lebensumstände, waren bronchopulmonale Infekte, zum Teil sehr ausgeprägt, davon betroffen häufig auch Kleinstkinder. Durchfallerkrankungen und Hautinfektionen waren ebenfalls sehr häufig. Allgemeine Erschöpfungszustände und Unterkühlungen waren alltäglich, bis hin zu Erfrierungen ersten bis zweiten Grades vor allem an den Füßen. Wir konnten aufgrund der guten medizinischen Ausstattung von humedica eine breite Grundversorgung leisten, von medikamentösen Therapien über Infusionsbehandlungen bis zu Wundversorgungen.

DÄ: Der Einsatz in Presevo war ihr 7. humanitärer Einsatz. Inwieweit hat er sich von den vorhergehenden Einsätzen unterschieden?
Heide: Alle Einsätze mit humedica sind etwas Besonderes. Da die humanitäre medizinische Hilfe nur im Team möglich ist, ist es immer wieder erfreulich, welche engagierten Menschen man vor Ort im Humedica-Team antrifft. Auch der Support aus dem Humedica-Headquarter in Kaufbeuren um Wolfgang Groß und sein Team ist immer hervorragend und besteht praktisch rund um die Uhr. Insofern sind die Einsätze was die Logistik und das Team angeht oft ähnlich.

Da ich mit humedica schon mehrmals in Refugee-Camps in Uganda an der Grenze zum Kongo war und im November 2015 in einem sehr großen Flüchtlingscamp in Äthiopien, weiß ich, in welcher Not vor Krieg und Tod flüchtende Menschen oft sind. Doch die vielen Familien, Kinder, Alte und chronisch Kranke auf der Flucht, die wir auf der Balkanroute gesehen haben, hatten nochmal eine andere Dimension. Bemerkenswert war die große Dankbarkeit dieser Menschen uns gegenüber, aber auch generell den Deutschen gegenüber für ihre humanitäre Hilfe in größter Not.

DÄ: Haben Sie auch Unterstützung von anderen humanitären Einsatzteams oder von einheimischen Ärzten bekommen?
Heide: Vor Ort waren auch andere NGOs tätig, wie die israelische Organisation „Natan“, die mit uns die medizinische Versorgung durchführt. Auch „Ärzte ohne Grenzen“  war vor Ort und kümmerte sich zum Beispiel um die Menschen, die nicht als Flüchtlinge anerkannt werden und deshalb vor dem Camp bleiben und campieren mussten, bei nächtlichen Minusgraden und zum Teil starken Regen. Neben zahlreichen anderen Organisationen, kümmerte sich zum Beispiel Remar um Nahrungsversorgung und Kleidung. Eine Kooperation mit serbischen Ärzten, die ebenfalls eine kleine Ambulanz vor Ort hatten, funktionierte ebenfalls gut. © ps/aerzteblatt.de

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