Medizin

Stillen könnte Mittelohr­entzündungen vorbeugen

Dienstag, 29. März 2016

Galveston – Die Häufigkeit der Otitis media im ersten Lebensjahr ist in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen. Eine Studie in Pediatrics (Online) führt dies unter anderem auf eine geringere Empfänglichkeit für respiratorische Infektionen zurück, wobei ein längeres Stillen der Säuglinge eine protektive Wirkung haben könnte.

Schmerzhafte Mittelohrentzündungen gehören zu den häufigsten Erkrankungen im ersten Lebensjahr. Auch in der Gruppe von 367 Säuglingen, die Tasnee Chonmaitree von der Universität von Texas in Galveston seit der Geburt begleitet, erkrankten 46 Prozent der Kinder im ersten Lebensjahr an einer Otitis media. In den 1980er und 1990er Jahren seien jedoch noch 60 Prozent oder mehr Kinder im ersten Jahr an der schmerzhaften Mittelohrentzündung erkrankt, berichtet die Forscherin, die in ihrer Studie nach den Ursachen für die Anfälligkeit der Säuglinge suchte.

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Dazu sammelte sie Informationen zu Familienanamnese und mögliche Risikofaktoren wie Tabakrauchexposition durch die Eltern und die Dauer des Stillens. Alle Kinder der Kohorte wurden im Alter von einem, sechs und zwölf Monaten untersucht. Dabei wurden jeweils Rachenabstriche entnommen und dort mittels bakterieller Kultur oder Polymera­se­kettenreaktion nach häufigen Bakterien oder Viren gesucht. Eine Abstrichunter­suchung wurde auch bei allen Arztbesuchen wegen oberer oder unterer Atemwegs­infektionen durchgeführt.

Wie erwartet, waren Atemwegsinfektionen häufig. Chonmaitree erfasste 887 obere Atemwegserkrankungen bei 305 Säuglingen. An einer Mittelohrentzündung erkrankten 143 Säuglinge, einige sogar mehrfach. Es bestand eine Assoziation zu oberen Atem­wegs­infektionen. Kinder mit Mittelohrentzündung erkrankten im Durchschnitt 4,7 mal im ersten Lebensjahr, Säuglinge ohne Mittelohrentzündung jedoch nur 2,3 mal. Säuglinge mit Mittelohrentzündung waren außerdem häufiger mit pathogenen Bakterien besiedelt, auch wenn sie nicht erkrankt waren.

Säuglinge, die nicht über drei Monate gestillt wurden, hatten häufiger einen positiven Rachenabstrich. Gestillte Kinder erkrankten dagegen zu 60 Prozent seltener in den ersten sechs Monaten an einer Mittelohrentzündung. Ein weiterer Risikofaktor war eine Passivrauch-Exposition über die Eltern. Die Assoziation zwischen der Rachenbesiedlung und der Mittelohrentzündung lässt Chonmaitree vermuten, dass die Einführung der Pneumokokken-Impfung eine protektive Wirkung entfalten könnte. Die drei Faktoren Stillen, Impfung und weniger Passivrauchen sind für sie eine plausible Erklärung für den Rückgang der Otitis media in den letzten Jahrzehnten. © rme/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 31. März 2016, 16:00

DÄ-Titel ist irreführend!

Um "Stillen könnte Mittelohr­-Entzündungen vorbeugen" ging es in der Publikation von T. Chonmaitree et al. mit dem Titel "Acute Otitis Media and Other Complications of Viral Respiratory Infection" primär überhaupt nicht. Im Gegenteil ist in den Schlussfolgerungen „CONCLUSIONS: Almost half of infants experienced AOM [acute otitis media] by age 1. Important AOM risk factors included frequent viral URI [upper respiratory infection], pathogenic bacterial colonization, and lack of breastfeeding. Bacterial-viral interactions may play a significant role in AOM pathogenesis and deserve further investigation” nur von “lack of breastfeeding” als einem von mehreren Risikofaktoren die Rede.

Dass die Häufigkeit der Otitis media im ersten Lebensjahr in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen ist, kann aus allgemein- und HNO-ärztlicher bzw. pädiatrischer Sicht nur bestätigt werden. Die Studie in Pediatrics (Online) führt dies unter anderem auf eine geringere Empfänglichkeit für respiratorische Infektionen zurück. Und damit gerade n i c h t auf die in allen Industrieländern rückläufige Still-Inzidenz und –Frequenz.

Verursachend werden bisher unbekannte bakteriell-virale Interaktionen und ein „Shift“ der pathogen-bakteriellen Kolonisation im Bereich der oberen Atemwege postuliert. Dass die jahrelang viel häufiger praktizierte Antibiotika-Therapie entgegen dem derzeitigen wissenschaftlichen „Mainstream“ zu einem Rückgang schwerwiegender Otits-Fälle geführt haben könnte, wird sicherheitshalber erst gar nicht andiskutiert.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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