Medizin

Inkretinbasierte Medikamente: Studie sieht kein erhöhtes kardiales Risiko

Dienstag, 29. März 2016

Montreal – Die Behandlung mit DPP-4-Inhibitoren oder GLP-1-Analoga war in sechs Kohorten aus drei Ländern mit fast 1,5 Millionen Patienten nicht häufiger mit Hos­pitalisierungen aufgrund einer Herzinsuffizienz assoziiert als andere Medikamente zur Behandlung  des Typ 2-Diabetes. Die Studie im New England Journal of Medicine (2016; 374: 1145-1154) zeigt, dass das in einer randomisierten Studie zu Saxagliptin aufgetretene Risiko nicht generell auf inkretinbasierte Medikamente übertragen werden kann.

Im letzten Jahrzehnt wurde eine Reihe neuer Wirkstoffe zur Behandlung des Typ 2-Diabetes eingeführt, die wie das Darmhormon GLP-1 (Glucagon-like Peptid 1) die Insulinfreisetzung aus den Beta-Zellen fördern, oder über eine Hemmung des Enzyms Dipeptidyl-Peptidase-4 (DPP-4) die Wirkung des natürlichen „Inkretins“ verstärken. Alle Medikamente haben sich in den Zulassungsstudien kurzfristig als effektiv und sicher erwiesen. Die von der US-Arzneibehörde FDA nach der Debatte um Rosiglitazon – ein anderer Insulin-Sensitizer mit einem anderen Wirkungsmechanismus – angestoßenen Langzeit-Studien ergaben dann, dass einer der Wirkstoffe – der DPP-4-Inhibitor Saxa­gliptin – die Häufigkeit von Hospitalisierungen infolge von Herzinsuffizienzen um 27 Prozent erhöht.

Anzeige

Die Ergebnisse dieser „SAVOR-TIMI 53“-Studie hat die US-amerikanische FDA und die europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) alarmiert. Es blieb allerdings bei Warn­hinweisen, das Mittel kann weiterhin ohne große Einschränkungen eingeschränkt werden. Inzwischen liegen weitere Langzeitstudien zu Alogliptin (EXAMINE) und Sitagliptin (TECOS) vor. Für Alogliptin wurde ein um 76 Prozent erhöhtes Risiko für Menschen ohne Herzinsuffizienz in der Vorgeschichte gefunden. 

Dies legt die Vermutung nahe, dass es sich um einen generelles Risiko von allen inkretinbasierten Wirkstoffen handeln könnte. Kristian Filion, ein Epidemiologe am Lady Davis Institute der McGill Universität in Montreal, hat deshalb die Daten von 1.499.650 Diabetikern aus vier kanadischen Provinzen, den USA und Großbritannien ausgewertet. Von diesen wurden etwa 29.741 Patienten wegen einer Herzinsuffizienz hospitalisiert.

Um herauszufinden, ob inkretinbasierte Medikamente das Risiko auf eine Hospita­lisierung erhöhten, stellte Filion allen 29.741 Patienten jeweils bis zu 20 Kontrollen gegenüber, die mit anderen oralen Antidiabetika behandelt wurden. Dabei wurden 23.205 Patienten mit bekannter früherer Herzinsuffizienz und 6.536 Patienten ohne diese Vorerkrankung getrennt ausgewertet.

Ergebnis: In keiner der beiden Gruppen wurde ein erhöhtes Risiko gefunden. Bei den Patienten mit einer Herzinsuffizienz in der Vorgeschichte ermittelte Filion eine Hazard Ratio von 0,86, die mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,62 bis 1,19 nicht signifikant war und ohnehin bedeutet hätte, dass inkretinbasierte Medikamente eher vor einer Herzinsuffizienz schützen als sie zu begünstigen.

Bei Patienten ohne eine Herzinsuffizienz in der Vorgeschichte betrug die Hazard Ratio 0,82. Ein 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,67 bis 1,00 schließt hier sogar ein erhöh­tes Risiko einer schweren Herzinsuffizienz praktisch aus. Die Ergebnisse waren für DPP-4-Inhibitoren und GLP-1-Analoga ähnlich. Filion fand auch keine Hinweise, dass es bei einer langfristigen Einnahme zu einem Anstieg kommen könnte. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Nachrichten zum Thema

12.01.17
Diabetes: Wie Knochenbrüche besser heilen könnten
Palo Alto – Diabetespatienten, deren Knochen nach einem Bruch schlecht heilen, könnten Ärzte mit einem lokal applizierten Hydrogel helfen. Zumindest bei Mäusen mit Diabetes gelang es Forschern vom......
09.01.17
Berlin – Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat die Praxissoftwarehersteller scharf kritisiert, die niedergelassenen Ärzten Kosten für die Implementierung eines Software-Moduls für......
06.01.17
London/Kopenhagen – Ohne den Schutz der Magensäure können Krankheitserreger in der Nahrung leichter den Darm erreichen. Zwei aktuelle Studien zeigen, dass der Einsatz von Säureblockern das Risiko auf......
05.01.17
Dresden – Bei einem bundesweit einmaligen Modellprojekt zur Früherkennung von Diabetes sind an der Dresdner Uniklinik bisher 615 Neugeborene getestet worden. Von den Untersuchten trugen 3,1 Prozent......
05.01.17
Berlin – Auf eine hohe Dunkelziffer von Diabeteserkrankungen bei Migranten haben die Organisationen DiabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe und Deutsche Diabetes-Hilfe – Menschen mit Diabetes (DDH-M)......
04.01.17
Frankreich nimmt nach Säuglingstod Vitamin-D-Präparat vom Markt
Paris – Nach dem Tod eines zehn Tage alten Säuglings wird in Frankreich ein Vitamin-D-Präparat vorübergehend vom Markt genommen. Die Medikamentenaufsicht ANSM erklärte heute in Paris, es gebe einen......
03.01.17
Paris – In Frankreich ist ein zehn Tage alter Säugling nach Verabreichung eines Vitamin-D-Präparats gestorben. Untersuchungen müssten nun die genaue Todesursache feststellen und klären, ob der Tod auf......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige