Medizin

Darmbakterien beeinflussen Hirnschädigung nach Schlaganfall

Mittwoch, 30. März 2016

New York – Die Beseitigung von Darmbakterien durch Antibiotika kann bei Mäusen die Hirnschäden nach einem Schlaganfall begrenzen. Dies zeigen tierexperimentelle Studien in Nature Medicine (2016; doi: 10.1038/nm.4068). Die Forscher bringt die Ergebnisse mit der Wanderung von Immunzellen aus dem Darm in die Hirnhäute in Verbindung.

Es ist bekannt, dass die Bakterien, die nach der Geburt den Darm besiedeln, die Entwicklung des Immunsystems beeinflussen. Da die Darmbakterien für die Verdauung unverzichtbar sind, müssen die Immunzellen lernen, sie zu tolerieren. Diese Aufgabe übernehmen regulatorische T-Zellen, die im Lymphgewebe des Darms ihre immuno­logische Prägung erhalten.

Anzeige

Sie sind danach im ganzen Körper aktiv und verhindern eine unfreundliche Immun­abwehr. Regulatorische T-Zellen werden auch nach einem Schlaganfall aktiv. Dort halten sich auch Gamma-delta T-Zellen auf. Diese Zellen sind Teil der angeborenen Immun­abwehr, die auf Körperflächen Krankheitserreger abwehren, bevor das Immunsystem Antikörper und andere spezifische Zellen bildet. Besonders viele Gamma-delta T-Zellen gibt es auf der Darmoberfläche.

Um den Einfluss der Darmflora auf das Gehirn zu untersuchen, hat ein Team um Josef Anrather vom Weill Cornell Medical College in New York Mäuse über zwei Wochen mit Amoxicillin und Clavulansäure behandelt. Danach erzeugten sie durch Blockade einer Hirnarterien bei den Tieren einen Schlaganfall. Der Hirnschaden war um 60 Prozent geringer als in einer Kontrollgruppe mit intakter Darmflora. Ein Transfer von Darm­bakterien von mit Antibiotika behandelten Tieren auf andere Tiere, bei denen dann ein Schlaganfall erzeugt wurde, hatte eine ähnliche Wirkung.

Dieser Befund verlangt nach einer Erklärung. Die Forscher untersuchten zunähst den Darm. Dort hatte nach der Antibiotikagabe die Zahl der regulatorischen T-Zellen zugenommen, Gamma-delta T-Zellen waren dagegen weniger geworden. Anrather sieht hier einen Zusammenhang. Die regulatorischen T-Zellen scheinen die Zahl der Gamma-delta T-Zellen zu begrenzen.

Diese Veränderungen bleiben nicht auf den Darm beschränkt. Anrather kann zeigen, dass die T-Zellen aus dem Darm bei ihren Patrouillen im Körper auch die weichen Hirnhäute erreichen. Dort beeinflussen sie dann die Entzündungsvorgänge, zu denen es nach einer Ischämie im Gehirn kommt. Dort kommt es ebenfalls zu einer Zunahme von regulatorischen T-Zellen und einer Abnahme von Gamma-delta T-Zellen. Die Folge könnte eine weniger aggressive Immunreaktion und damit ein insgesamt vermindertes Infarktareal sein.

Die Studie wirft laut Anrather ein neues Licht auf die bisher nur teilweise verstandenen immunologischen Reaktionen, zu denen es nach einem Schlaganfall im Gehirn kommt. Die neu entdeckte Achse Darm-Gehirn könnte durchaus Einfluss auf die klinische Medizin haben. Vorstellbar wäre, dass die Darmflora auch beim Menschen die Größe eines Hirninfarktes beeinflusst. Menschen, die nach einem ersten Schlaganfall ein hohes Rezidivrisiko haben, könnten möglicherweise von einer Antibiotikabehandlung profitieren. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Nachrichten zum Thema

21.07.16
Leipzig – Die LGA InterCert Zertifizierungsgesellschaft hat die überregionale Stroke Unit der Klinik und Poliklinik für Neurologie des Universitätsklinikums Leipzig rezertifiziert. Ihr wird......
18.07.16
Die meisten Schlaganfälle weltweit auf unterschiedliche Weise vermeidbar
Hamilton – Zehn modifizierbare, also im Prinzip vermeidbare Risikofaktoren sind weltweit für neun von zehn Schlaganfälle verantwortlich. Die Gewichtung der Risikofaktoren fällt nach den Ergebnissen......
28.06.16
Studie: Kartenspielen kann Schlaganfall-Reha unterstützen
Toronto – Einfache Freizeitaktivitäten wie Karten- oder Ballspielen haben die Rehabilitation von Schlaganfall-Patienten mit Defiziten in den oberen Extremitäten in einer randomisierten Studie in......
12.06.16
Global Burden of Disease: Schlaganfälle zu 90 Prozent vermeidbar - Luftverschmutzung als Risiko
Auckland - Neun von zehn Schlaganfällen sind vermeidbar und fast ein Drittel ist weltweit Folge der Luftverschmutzung. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Analyse der Global Burden of Disease Study in......
09.06.16
Hirnblutung: Intensivierte Blutdrucksenkung in Mega-Studie erneut ohne Vorteile
Minneapolis – Eine rasche intensive Blutdrucksenkung konnte in einer internationalen Studie die Prognose von Patienten mit akuten Hirnblutungen nicht verbessern. Die Ergebnisse der vorzeitig......
03.06.16
Transkranielle Gleichstrom­stimulation: Krankhafte Müdigkeit mit schwachem Strom behandeln
Freiburg – Chronisch müde Patienten könnten ihr erhöhtes Schlafbedürfnis durch eine transkranielle Gleichstromstimulation reduzieren. Das zeigen Freiburger Forscher in einer Studie, die in der......
03.06.16
Dallas – Afro-Amerikaner Mitte 40 sterben häufiger an einem Schlaganfall als Weiße. Die Ursache dafür liegt jedoch nicht in einer schlechteren Versorgung, sagen die Autoren einer Studie, die in der......

Fachgebiet

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige