Medizin

Leukämie: Stammzellen aus der Nabelschnur bei Minimal Residual Disease vorteilhaft

Freitag, 9. September 2016

Seattle – Stammzellen aus Nabelschnüren werden zunehmend bei Leukämie-Patienten ohne HLA-identischem Spender in der Verwandtschaft eingesetzt. Ein führendes US-Zentrum berichtet im im New England Journal of Medicine (2016; 375: 944-953) über gute Erfahrungen. Bei Patienten mit Minimal Residual Disease könnten die Stammzellen aus der Nabelschnur sogar die bessere Wahl sein.

Die wenigsten Menschen haben HLA-identische Geschwister. Die Ärzte müssen deshalb bei einer hämatopoetischen Stammzelltherapie häufig auf einen fremden Spender ausweichen. Dieser sollte in möglichst vielen HLA-Eigenschaften übereinstimmen, um Abstoßungsreaktionen zu vermeiden. Ideal ist ein 10/10-Match, das aber nur in etwa der Hälfte der Fälle gefunden wird. Häufig steht nur ein 8/10 oder 9/10-Match zur Verfügung. 

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Bei Stammzellen aus der Nabelschnur kann dagegen auf ein HLA-Matching verzichtet werden. Die Stammzellen sind noch relativ unreif. Die Gefahr einer Abstoßungsreaktion aufgrund eines HLA-Mismatch ist deshalb gering. Immer mehr Zentren greifen auf Stammzellen aus Nabelschnüren zurück. Die anfänglichen Probleme, die sich aus der geringen Stammzellausbeute ergaben, konnten überwunden werden. Die Stammzellen werden vor der Transplantation im Labor vermehrt, oder es werden einfach die Stammzellen aus mehreren Nabelschnüren verwendet.

Das Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle, eine der führenden Krebskliniken in den USA, hat bereits 2006 mit der Transplantation von Stammzellen aus Nabelschnüren begonnen. Zu den Einsatzgebieten gehören Patienten mit akuter Leukämie oder myeloplastischem Syndrom. Bis Ende 2014 wurden 140 Transplan­tationen von Stammzellen aus Nabelschnüren durchgeführt. Die Ergebnisse waren gut.

Die Vierjahresüberlebensrate der Patienten war mit 71 Prozent sogar höher als nach Verwendung von Stammzellen von Fremdspendern mit HLA-Match (63 Prozent) oder mit HLA-Mismatch (49 Prozent). Die Ergebnisse in den drei Gruppen sind jedoch nur bedingt vergleichbar, da sich die Eigenschaften der Patienten und die Aggressivität der Leukämien unterscheiden können. Filippo Milano und Mitarbeiter mussten diese Ungleichgewichte mit statistischen Mitteln bereinigen, wie dies in retrospektiven Studien heute üblich ist.

Dabei fiel auf, dass Stammzellen aus der Nabelschnur immer dann die bessere Wahl sein könnten, wenn nach der vorbereitenden Chemotherapie (und eventuell auch Bestrahlung) noch Tumorzellen im Blut nachweisbar waren, was als Minimal Residual Disease (MRD) bezeichnet wird. Patienten mit MRD, denen Stammzellen von einem Spender mit HLA-Missmatch transplantiert wurden, hatten laut Milano ein fast dreifach höheres Sterberisiko als Empfänger von Nabelschnur-Stammzellen (Hazard Ratio HR 2,96; 1,52-5,63).

Auch das Risiko auf ein Rezidiv der Erkrankung war signifikant erhöht (HR 3,01; 1,22-7,38). Auch nach Spenden mit HLA-Match waren Sterberisiko (HR 1,69; 0,94-3,02) und Rezidivrisiko (HR 2,92; 1,34-6,35) erhöht. Für diese Patienten ist die Nabelschnur­spende deshalb mehr als nur eine Alternative zur Stammzellspende von Erwachsenen, schreibt Milano. Sie könnte durchaus die bessere Wahl sein. Bei Patienten ohne MRD waren die Ergebnisse dagegen vergleichbar.

Die Ergebnisse von retrospektiven Analysen müssen jedoch mit Vorsicht interpretiert werden. Es bleibt immer möglich, dass die statistische Analyse nicht alle Begleitfaktoren erkannt hat. Für eine Beweisführung wäre eine randomisierte klinische Studie notwendig, die laut Milano jedoch in Sicht ist. Die meisten Zentren, die mit Nabelschnur-Stammzellen experimentieren, dürften bereits damit zufrieden sein, dass die Behand­lung eine effektive Alternative ist.

© rme/aerzteblatt.de

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