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Politik

Ökonomisierung der Medizin: Die Macht der Manager

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 3/2012: 22

Hibbeler, Birgit

Foto: dpa

Wer hat im Krankenhaus das Sagen? Die Ärzte oder die Geschäftsführung? Viele Menschen haben den Eindruck: Es geht nicht mehr um Medizin, sondern um Geld. Das zeigt auch der Protest gegen die Privatisierung des Universitätsklinikums Gießen und Marburg.

So etwas hatte es in Deutschland noch nie gegeben: Als die Universitätskliniken in Gießen und Marburg 2005 zusammengelegt und dann für mehr als 100 Millionen Euro an die Rhön-Klinikum AG verkauft wurden, war das eine Premiere. Ein Universitätsklinikum im Besitz einer Klinikkette – das war zuvor kaum vorstellbar. Die Privatisierung sahen viele mit Skepsis. Doch es gab auch die Hoffnung, Rhön könne dringend notwendige Investitionen endlich in die Hand nehmen.

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Jetzt, sieben Jahre später, ist das Projekt gescheitert. Zwar hatte Rhön durchaus Geld in das Klinikum gesteckt. Aber ein börsennotiertes Unternehmen muss eben auch Geld verdienen. Das zeigte sich, als im Februar dieses Jahres bekannt wurde, dass aus Kostengründen bis zu 500 Stellen wegfallen sollten. Die Empörung war groß. Die Renditeerwartungen des Klinikkonzerns seien mit einer universitären Hochleistungsmedizin nicht vereinbar, kritisierten die Klinikdirektoren. Auch die Studierenden protestierten. „Das Land soll das Uniklinikum von der Rhön-Kliniken AG zurückkaufen“, fordert Leona Möller, Fachschaft Medizin, Marburg. Viele Studierende und Angestellte des Klinikums seien mit der derzeitigen Situation unzufrieden.

Auch der Medizinische Fakultätentag ist dieser Meinung: Die Hochschulmedizin ist eine öffentliche Aufgabe. Allerdings spricht wenig dafür, dass das Land Hessen das Uniklinikum Gießen und Marburg zurückkauft. Vielmehr sieht es danach aus, dass der Gesundheitskonzern Fresenius der künftige Eigentümer sein wird. Das Unternehmen, zu dem unter anderem die Helios-Kliniken gehören, will Rhön übernehmen und bietet den Aktionären derzeit viel Geld. Es ist ein Milliardendeal.

Im Fall Gießen/Marburg geht es um mehr als ein regionales Problem. Es geht um Grundsätzliches: Muss eine Klinik Gewinn erwirtschaften? Und soll dieser Gewinn an Aktionäre ausgeschüttet werden?

Marktwirtschaftliche Prinzipien sind zunächst einmal nichts Schlechtes. Es ist schön, wenn man gute Medizin macht und damit auch noch Geld verdient. Allerdings darf der Gewinn nicht der einzige Ansporn sein. Die Ökonomisierung der Medizin kann zu Fehlanreizen führen. Ein gutes Beispiel dafür sind Bonuszahlungen an Chefärzte. Immer mehr Krankenhäuser schließen mit ihren Abteilungsleitern Zielvereinbarungen, zum Beispiel zu den OP-Zahlen. Wird das Ziel erreicht, gibt es einen Bonus. Die Gefahr dabei ist, dass die Indikation für eine Hüft- oder Knieprothese schon einmal großzügiger gestellt wird, damit die OP-Zahlen stimmen. Mit einer guten Versorgung hat das nichts mehr zu tun.

Wenn die Medizin allein den Gesetzen des Marktes gehorcht, verändert sie sich. Und die Rolle des Arztes auch. Das beschreibt der Freiburger Medizinethiker Prof. Dr. med. Giovanni Maio in dem Artikel „Ärztliche Hilfe als Geschäftsmodell?“ (Dtsch Arztebl 2012; 109[16]: A 804–7). Die Abläufe im Krankenhaus werden immer effizienter, Zeit für Zuwendung zum Luxus. Gespräche kann man nicht abrechnen. Obwohl jeder Arzt weiß, wie wichtig weiche Faktoren für die Behandlung sind, spielen sie in der Logik der Diagnosis Related Groups (DRG) keine Rolle. An die Begriffe „Gesundheitsbranche“ und „Gesundheitswirtschaft“ haben wir uns längst gewöhnt. Das ist erstaunlich, würde doch niemand von „Bildungswirtschaft“ sprechen oder Lehrer als „Leistungserbringer“ bezeichnen.

Wenn aber der Arzt der rein technische „Leistungserbringer“ ist, wird die ärztliche Arbeit entwertet. Bemerkenswert dabei ist: Die Ärzte bestimmen nicht die Spielregeln im Gesundheitswesen, doch die rechtliche und medizinische Verantwortung bleibt bei ihnen. Geht auf einer aus Kostengründen personell unterbesetzten Station etwas schief, dann wird nicht der Manager zur Verantwortung gezogen, sondern der Arzt.

Die Freiheit, sich allein am Wohl des Patienten zu orientieren, ist gefährdet. Steht der Gewinn im Vordergrund, ist der Arzt nicht mehr der Anwalt des Kranken. Der Patient kann ihm nicht mehr vertrauen. Allerdings stellt sich die Frage, wer sich mit dieser Form des Arztseins noch identifizieren kann. Attraktiver macht das den Arztberuf sicherlich nicht. „Wenn die Medizin dem Geschäftsmodell ganz nachgibt, wird sie am Ende keine Medizin mehr sein“, schreibt der Medizinethiker Maio. Tatsächlich muss man die grundsätzliche Frage stellen: Welchen primären Zweck hat die Medizin – kranken Menschen helfen oder Geld verdienen? Dr. med. Birgit Hibbeler


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