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Subkutan

Eckart von Hirschhausen: Meine wichtigsten Lektionen des Medizinstudiums

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, WS 2008/09: 30

Foto: Frank Eidel
Liebe Studierende, für das, was man als Medizinstudent oder Arzt jeden Tag erlebt, müssen andere Menschen ins Kino oder vor die Glotze. Bis heute kenne ich kein aufregenderes Fach, Glückwunsch zum Studienplatz, Deutschland braucht viele engagierte Ärzte für Leib und Seele. Ich bin weiter mit Leib und Seele Arzt, auch wenn ich meinen Wirkungskreis erweitert habe. Und gerne habe ich einmal zusammengeschrieben, was mir bis heute „Merk-Würdig“ vorkommt.

Mythos Nr. 1: Das medizinische Wissen verdoppelt sich alle vier Jahre Stimmt das?

Sind wir alle vier Jahre doppelt so schlau, doppelt so gesund? Der Körper ist ein wunderbarer Lehrer für den Unterschied von Qualität und Quantität. Wer vier Grad über der normalen Körpertemperatur liegt, ist der denn halb so krank wie jemand, der acht Grad darüber liegt? Nein. Nicht halb so krank, sondern doppelt so lebendig. Zwischen 41 und 45 Grad Celsius liegt ein Qualitätssprung – der über die Klinge. Also macht Zuwachs an Wissen nicht gesünder, nur das, was wir davon umsetzen können.

Mythos Nr. 2: Das vorhandene Wissen wird eingesetzt Die Medizin hat tatsächlich ein immenses Kommunikations- und Umsetzungsproblem. Auf jeder Stufe gehen wertvolle Informationen durch die Verklausulierung verloren. Da macht jemand eine Studie, die zeigt, dass ein Medikamententyp namens „Betablocker“ bei einem schlecht pumpenden Herzmuskel (Herzinsuffizienz) das Leben entscheidend verbessert und verlängert. Als Patient würde man denken, dass ab dem nächsten Tag jeder Doktor seinen Herzpatienten ein Rezept für das Mittel in die Hand drückt. Weit gefehlt. In der Realität dauerte es konkret 24 JAHRE, bis von der Entdeckung 1973 endlich 2001 Betablocker als Standard in der Therapie in Deutschland empfohlen wurden. Und immer noch werden mehr als 50 Prozent der Patienten, die das Medikament bräuchten, NICHT damit behandelt.

Mythos Nr. 3: Krankheiten, die man gut behandeln kann, werden gut behandelt Killer Nummer eins ist und bleibt der Bluthochdruck. Aber es werden nicht einmal zehn Prozent der Patienten in Deutschland ausreichend behandelt. Solche Versorgungslücken existieren in vielen Bereichen, bis hin zur Depression und Schizophrenie. Wissenschaft ist immer nur der aktuelle Stand des Irrtums. Aber noch nicht mal auf den aktuellen Stand ist Verlass!

Mythos Nr. 4: Ärzte wissen heute, wie wichtig die Psyche des Patienten ist Bis zu 40 Prozent aller Patienten, die einen Hausarzt aufsuchen, leiden an somatoformen Störungen. Das bedeutet: Der Körper signalisiert Beschwerden, ohne dass eine Ursache zu erkennen wäre. Wenn die Beschwerden der Patienten chronisch werden und sie deswegen immer wieder Ärzte aufsuchen, kommt es im Mittel erst nach fünf bis sechs Jahren zu einer psychosomatischen Abklärung und Behandlung.

Mythos Nr. 5: Untersuchungen beruhigen „Herr Doktor, ich hätte gerne dieses Quartal noch mal ein EKG, das hat mir das letzte Mal so gutgetan!“ Jeder Test kann zu neuen unklaren Entdeckungen führen, die einen neuen Krankheitsverdacht heraufbeschwören. Als UBOs („unidentified bright objects“) bezeichnen Neurologen Signalunterschiede im Kernspin, die dazu verleiten, Bagatellbefunde überzubewerten, erneut abzuklären und Patienten zu verunsichern. Internisten kennen die Bestimmung von sogenannten Tumormarkern und anderen Laborwerten, die wenig aussagen, aber immer neue Kontrolluntersuchungen nach sich ziehen. Durch den ärztlichen Aktionismus bekommen Patienten zudem das Signal, dass sie vielleicht doch Recht haben, wenn sie eine körperliche Ursache ihrer Symptome vermuten. Viele Menschen werden unzufriedener, je mehr sie für ihre Gesundheit tun.

Mythos Nr. 6: Die Arztsprache ist zu irgendetwas gut
Wie genau verläuft die Arztwerdung des Menschen? Was passiert da mit den jungen und meist idealistischen frischgebackenen Studienplatzinhabern, dass ihre Ideale innerhalb der sechs Jahre Ausbildung weg von Woodstock und Birkenstock hin zu Rodenstock und Armani wandern? Das Erste, was ein Medizinstudent lernt, ist das Fach Terminologie. Offensichtlich das Wichtigste, die Schlüsselqualifikation für alles Weitere: sich systematisch unverständlich ausdrücken können. Für alles bis dahin gut auf Deutsch zu Erklärende gibt es plötzlich ein griechisches und ein lateinisches Fremdwort. Das macht viel Sinn, denn ist der Arzt mit seinem Latein am Ende, kann er immerhin noch auf Griechisch weitermachen. Die Studenten lernen 32 000 neue Wörter zweier toter Sprachen, um dem Wunder des Lebens näherzukommen. Und um sich mit anderen Eingeweihten unterhalten zu können, in Gegenwart von Menschen, die nicht wissen sollen, was mit ihnen los ist. Die Bibel der Fachsprache ist der „Psychrembel“ – das klinische Wörterbuch. Kauft sich jeder im ersten Semester. Der Vergleich mit der Bibel trifft es nicht ganz, denn die wurde ja schon ins Deutsche übersetzt.

„Essentielle, vegetative, idiopathische, funktionelle Dystonie“. Was will der Dichter uns damit sagen? Das sind die ungedeckten Blankoschecks der diagnostischen Vernebelung oder noch deutlicher: Jedes einzelne dieser Wörter steht für „keine Ahnung, was da los ist“. Vegetativ heißt – es wird wohl irgendwie mit dem Nervensystem zusammenhängen, und das hat in der Medizin eh eine Außenseiterposition. Funktionell heißt – irgendwie funktioniert der Patient nicht so richtig, aber ich kann es mit keinem Messwert belegen. Zu guter Letzt: Idiopathisch kommt von Krankheit (Pathos) und idiotisch, mit anderen Worten, eine idiotische Geschichte, also nix, was ich kenne. Idiopathisch darf man nicht mit iatrogen verwechseln. Da weiss man genau, woher es kommt. Iatros: der Arzt. Vom Arzt generiert, ein vornehmes Wort für Kunstfehler. Überhaupt: So sehr sich die Patienten aufregen, wenn der Arzt sich nicht verständlich machen kann, so gerne verwenden sie ihrerseits dann die Terminologie gegen Dritte.

Mythos Nr. 7: Das war schon immer so, das bleibt auch so Ihr habt eine einmalige Chance, in einer Zeit Medizin zu studieren, in der das ganze Fach sich im kompletten Umbruch befindet. Vorhersagen sind schwierig, gerade weil sie die Zukunft betreffen. Als ich anfing zu studieren, wurde ein riesiger Ärzteüberschuss geweissagt – von dem heute nichts zu spüren ist – erst recht nicht in Mecklenburg-Vorpommern. Arzt zu sein und zu werden, ist eine Lebensaufgabe und ein Abenteuer, das mit den vor euch liegenden Semestern erst beginnt. Lasst euch von keinen unpädagogischen Universitätsprofessoren, von keinen hierarchieversessenen Chefs und keiner Gesundheitspolitik die Freude verderben, und gegen Anflüge von Unlust hier meine Empfehlungen als PFLICHTLEKTÜRE FÜR DIE ERSTEN SEMESTER:
• Samuel Shem: The House of God
• Werner Bartens: Sprechstunde
• Martin E. P. Seligman: Der Glücks-Faktor: Warum Optimisten länger leben (Taschenbuch)'
• Eckart v. Hirschhausen: Arzt-Deutsch/Deutsch-Arzt (Langenscheidt Wörterbuch); Die Leber wächst mit ihren Aufgaben (Rowohlt Taschenbuch); Glück kommt selten allein (Rowohlt 2009)
• Manfred Lütz: Das Leben kann so leicht sein. Lustvoll genießen statt zwanghaft gesund, Carl-Auer-Verlag

Dr. med. Eckart von Hirschhausen
Geboren 1967 in Frankfurt am Main, wuchs Eckart von Hirschhausen in Berlin auf. Sein Medizinstudium finanzierte er sich unter anderem mit Auftritten als Zauberkünstler – und schloss magna cum laude mit der Promotion ab, ganz ohne Trick. Auch während seiner Tätigkeit als Kinderneurologe an der Berliner Charité trat er regelmäßig im Varieté als Moderator auf, zum kreativen Ausgleich. Als Wissenschaftsjournalist schrieb er dann unter anderem für „Stern“, „Focus“ und den „Berliner Tagesspiegel“. Im Hessen-Fernsehen moderierte er fünf Jahre lang die Sendung „service: gesundheit“. Seit 1997 tourt er mit Kabarettprogrammen
durch Deutschland und wurde mit zahlreichen Kleinkunstpreisen ausgezeichnet. TV-Auftritte in Talkshows, Kabarettsendungen und beim „Quatsch Comedy Club“, „Genial daneben“ und in „W wie Wissen“ folgten. Sein Langenscheidt Wörterbuch „Arzt-Deutsch/ Deutsch-Arzt“ war über Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste auf Nummer 1. „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben – Komisches aus der Medizin“ ist das erfolgreichste Sachtaschenbuch dieses Jahres. Mit der Stiftung „Humor
hilft heilen“ fördert Eckart von Hirschhausen Clowns im Krankenhaus. Infos unter www.hirschhausen.com
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