Ärztliche Tätigkeit ist heute, so scheint es, nur noch mit Leit- und Richtlinien, Scores und Kriterien möglich. Wissenschaftlich fundiert und evidenzbasiert muss es sein, nur so weist man die Qualität seiner Arbeit aus.
Ein Hausarzt ruft mich an und möchte, dass ich mir einen Patienten unbedingt sofort ansehe. Dieser hätte zwar nur einen leichten Husten, aber irgendwie würde ihm der Patient nicht gefallen. Der Patient habe zwar keine Risikofaktoren, die Symptomatik sei auch untypisch, der Auskultationsbefund unauffällig – aber, so gesteht der Kollege, er habe halt so ein schlechtes Gefühl im Bauch.
Ich biete einen sofortigen Untersuchungstermin an und bin gespannt auf die diagnostische Qualität des Abdomens des Kollegen. Und in der Tat , der Patient hat eine höchstgradig eingeschränkte linksventrikuläre Pumpfunktion und wird von mir umgehend stationär eingewiesen. Danach rufe ich den Kollegen an und sage ihm:“Chapeau! Ärztliche Tätigkeit ist doch ein bisschen mehr als eine evidenzbasierte Leitlinie! Und passen Sie gut auf Ihren Bauch auf!“
Mit scharfem Blick und einem Augenzwinkern berichtet Thomas Böhmeke, Kardiologe aus Gladbeck, in seinem Blog von den alltäglichen Begegnungen in der Arztpraxis.
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