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Amygdala: Das Jazz-Zentrum im Gehirn

Mittwoch, 4. Mai 2011

Geübte Jazzfans erkennen, ob ein unbekanntes Stück, das sie gerade zum ersten Mal hören, improvisiert oder eingeübt ist. Diese Fähigkeit verdanken sie vermutliche den Corpora amygdalae. Eigentlich sind die beiden mandelförmigen Amygdalae das Angstzentrum im Gehirn.

Reize der Sinnesorgane werden hier mit gespeicherten Informationen aus dem Gedächtnis abgeglichen, noch bevor sie bewusst wahrgenommen werden. In der Evolution des Menschen war dies sehr hilfreich, um drohenden Gefahren schnell zu entgehen.

Beim Hören von Musik werden die gleichen Neurone benutzt, um bekannte von unbekannten Mustern zu unterscheiden. Bei improvisierter Jazzmusik liegt der Reiz gerade in den Abweichungen vom Normalen. Jazzmusiker entwickeln ein feines Gespür dafür, ob ein Stück improvisiert oder eingeübt ist, wenn sie eine neue Melodie hören.

Sie erkennen die leichten Schwankungen in Lautstärke und Rhythmik, die sich aus den Unsicherheiten in der Kraftkontrolle und Handlungsplanung ergeben, wenn ein Jazzer die Tonfolge erst während des Musizierens festlegt, vermutet der Musiker und Psychologe Peter Keller vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig.

Zusammen mit seiner Kollegin Annerose Engel, einer Klavierlehrerin im Nebenberuf, untersuchte Keller die Hirnaktivität von 22 Jazzmusikern, während diese entscheiden sollten, ob sie gerade improvisierte oder imitierte Musik hörten. Die Jazzer schlugen sich mehr schlecht als recht. Die Trefferquote lag mit 55 Prozent gerade über dem Zufallsergebnis.

In ihren Gehirnen waren die Signale eindeutiger. Immer wenn die Musiker den improvisierten Stücken zuhörten, kam es zu einer vermehrten Aktivität in den Amygdalae. Außerdem registrierten die Forscher eine erhöhte Aktivierung im frontalen Operkulum, im prä-supplementär motorischen Areal und in der anterioren Inselrinde.

Hier befindet sich nach Auskunft der Forscher ein Netzwerk, das an der inneren Simulation von Handlungen beteiligt ist. Jazzmusiker müssen, vor allem wenn sie in einer Gruppe spielen, sich sehr gut in ihre Mitspieler hineinversetzen können. Das Netzwerk helfe ihnen, schnell eine Erwartungshaltung darüber zu formen, was ihr Mitspieler als nächstes tun könnte. Wenn eine Melodie als schwer vorhersagbar wahrgenommen wird, beispielsweise aufgrund von Schwankungen in der Lautstärke und Rhythmik, dann löse das eine verstärkte Aktivität in diesem spezialisierten Netzwerk aus.

Neben langjähriger Erfahrung braucht ein Jazzmusiker ein gutes Einfühlungsvermögen. Musiker, die häufiger mit anderen Kollegen in Bands musizierten und in einem Fragebogen angegeben hatten, dass sie oft versuchen, sich in andere Menschen hinein zu versetzen, konnten am besten improvisierte von geübten Melodien unterscheiden, berichten die Forscher.

Über eine Trefferquote von 65 Prozent kamen aber auch geübte Jazzer nicht hinaus – was sich allerdings auch dahingehend deuten lässt, dass die Musik für sie den Reiz des Unerwarteten noch nicht verloren hat.

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