Es bleiben eine Reihe von Eindrücken während meiner deutschen Krankenhaushospitationszeit hängen; eine davon ist, dass viele Ärzte und besonders Assistenzärzte demotiviert scheinen. Meine US-Kollegen haben nicht so gewirkt. An der recht langen Arbeitszeit in Deutschland könnte das liegen, aber dann wiederum ist sie kürzer als die Arbeitszeit in den USA: Man hat weniger Wochenenddienste, mehr Urlaubs- und Feiertage, eine kürzere Wochenarbeitszeit und ein großzügigeres Dienstsytem in Deutschland.
Weiterhin haben deutsche Assistenzärzte deutlich mehr Autonomie in ihren Entscheidungen – das müsste sich ebenfalls positiv auf die Arbeitsmoral auswirken. Darüberhinaus scheinen Patienten weniger fordernd zu sein und der juristische Druck ist geringer in Deutschland, was auch verminderte Dokumentationspflichten bedeutet – alles doch eigentlich motivierende Aspekte. Dennoch wirken viele Ärzte im deutschen Krankenhaus etwas lustlos. Wieso?
Vier deutliche Nachteile des deutschen Stationsalltages könnten dieses vielleicht erklären: Suboptimale Kommunikationsstruktur Arzt-Pfleger, hoher ärztlicher Arbeitsanteil an Bürokratie auf Station, nur bedingt strukturierte Fortbildung und geringeres Einkommen.
Die täglichen Reibungsverluste in Form von z.B. Widerständen seitens des Pflegepersonals beim Umsetzen bestimmter Therapiemaßnahmen ist ärgerlich. Das habe ich kürzlich thematisiert. Weiterhin sind meine Assistentenkollegen eine Art Mädchen für alles, d.h. sie müssen Rehaanträge stellen, radiologische Untersuchungen und Konsile auf oft umständliche Art und Weise anmelden, bestimmte Sonderanträge für Therapien formulieren und viele andere bürokratische Maßnahmen, die mir in den USA von Sozialarbeitern, Pflegepersonal und Stationssekretären abgenommen werden.
Darüberhinaus ist meine Fortbildung in den USA klar strukturiert mit etwa zehn Wochenstunden an Fortbildung pro Woche, was ich in dieser Form noch nirgends in Deutschland antraf. Der letzte, oben aufgezählte Punkt ist weitestgehend selbsterklärend: Höheres Bruttoeinkommen in den USA bei deutlich niedrigeren Steuer- und Abgabenlasten bedingen ein Nettoeinkommen, das einem Arzt in USA viel größere Konsum- und Freizeitfreiheit gestattet als es meine deutschen Kollegen sich erlauben können. In einer auf Ökonomie getrimmten Gesellschaft ist dieser Aspekt nicht zu vernachlässigen.
Abschließend stellen sich für mich drei Fragen: Welcher der oben aufgezählten Faktoren verursacht die größte Unzufriedenheit bei meinen Kollegen? Wie könnte man das System verbessern? Wieso verbessert die Politik nicht die Rahmenbedingungen?
Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Petrulus über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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