Als Facharzt im nun zweiten Arbeitsmonat werde ich allmählich Teil der hiesigen Krankenhauskultur, bzw. man versucht mich Teil von ihr zu machen; wenig überraschend ist man als Facharzt deutlich mehr unter Druck als Assistenzarzt. Die Krankenhausleitung ist ebenfalls ein Teil dieser Druckkulisse.
So wurden wir neuen Fachärzte vor wenigen Tagen zum Krankenhausdirektor gerufen, offiziell vorgestellt und erhielten zudem eine Art Willkommensvortrag. Anwesend waren neben fünf Ärzten die Sozialarbeitsleitung und der Leiter der Finanzabteilung: Man stellte uns Krankenhausstatistiken vor, wobei überraschend war, dass es schon nach vier Wochen Arbeitszeit offensichtlich auch Statistiken in Bezug auf uns fünf anwesenede Ärzte gab – man hatte richtig Tagebuch geführt über die Eckdaten von uns neuen Ärzten. Diese hatte man in Relation zu den der anderen Ärzten gesetzt und stellte die entsprechenden Ergebnisse vor.
Der Krankenhausdirektor legte uns in diesem Kontext dar, wie die durchschnittliche Patientenverweildauer im Verhältnis zu denen anderer Kollegen abschnitt und wo und wie es Verbesserungsbedarf gebe – es wurden solche Vokabeln wie “verpasste Möglichkeitstage” oder “Wachstumspotenzial” für zu lange Liegedauer gebraucht. Etwas peinlich berührt stellten wir Neuärzte fest, dass die meisten von uns schlecht abschnitten im Vergleich zu den anderen Ärzten und dass wir zu lange Verweildauern unserer Patienten aufzuweisen hatten.
Der Krankenhausdirektor rechnete uns zudem vor, was das bezüglich der Morbidität und Mortalität für unsere Patienten zu bedeuten hätte, welcher Einfluss ein einziger Krankenhaustag statistisch auf die Infektionsquote des Patienten besitze und dass jeder Tag im Krankenhaus eine Erhöhung der Mortalität bedeute. Kurz verwies er auch auf das Einsparpotenzial für das Krankenhaus hin.
Dann entließ er uns mit netten und aufmunternden Worten. Aber das mulmige Gefühl, dass man als Arzt von allen Seiten beurteilt und beobachtet wird, blieb doch bestehen und das Gefühl, dass der schnellste Arzt der beste sei.
Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Petrulus über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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