An die Politiker aller Parteien: Bitte stoppen sie die "Ambulanten Kodierrichtlinien", wie sie von den gesetzlichen Krankenkassen und der "Kassenärztliche Bundesvereinigung" unter Inkaufnahme großer zeitlicher Belastungen für ambulant tätige Ärzte, aber ohne sachliche Notwendigkeit für die Patientenversorgung durchgedrückt werden. Begründung
Ich schreibe diese Petition als Hausarzt einer ländlich strukturierten Region. Gerne hätte ich einen 48-Stunden-Tag um meinen Patienten die Zeit zu widmen, die für eine gute ambulante Versorgung notwendig ist. Mit der für 2011 geplanten Einführung der "Ambulanten Kodierrichtlinien" (AKR) wird die sowieso schon knappe Zeit im Ambulanten Bereich noch weiter gekürzt und gefährdet damit die Qualität in der Medizin. Auch schreckt dieses Mehr an Bürokratie die dringend in Deutschland benötigten jungen Ärzte ab hier zu bleiben, anstatt scharenweise in die Schweiz zu gehen.
Warum sind diese Kodierrichtlinien so katastrophal? Hierzu nur drei Beispiele: Es wird verlangt, dass über fünf (!) Stellen kodiert wird und damit schon für eine einzige Diagnose ein zusätzlicher Zeitbedarf von bis zu 10 min notwendig werden kann. Weiterhin müssen die Diagnosen chronisch kranker Patienten jedes Quartal neu begründet werden – jedes Quartal von Neuem unsinnige Arbeit. Kodes werden hinzugefügt, wenn der Patient ein Rezept holt und werden wieder gelöscht wenn er in die Sprechstunde kommt. Und so weiter... . Anhand eines Versuches mit einhundert Praxen in Bayern sowie minuziös dokumentierter Einzeltests wurde festgestellt: Dieser Aufwand kostet uns ambulant tätige Haus- und Fachärzte zwischen einer und zwei Stunden an zusätzlicher Büromedizin pro Tag!
Dabei dient diese "Kodiererei" in keinster Weise einer besseren Patientenversorgung! Die KBV schreibt hierzu bezeichnenderweise selber: "anamnestische Diagnosen ohne Leistungsbezug sind nicht zu übermitteln". Es interessiert offensichtlich gar nicht, was für den Patienten wichtig ist! Der einzige Sinn der AKR besteht vielmehr in der Erfassung von statistischen Daten zur Häufigkeit von Erkrankungen (Morbidität). Diese Information lassen sich aber auch anders und mit viel weniger Aufwand erfassen. Völlig absurd ist die Aussage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die Ärzte hätten dieses System ja selber gewünscht um endlich gerechter abrechnen zu können.
Durch politische Vorgaben in 2008 wurden Kassenvertreter, Statistiker und andere Theoretiker in die Lage versetzt dieses Kodiersystem zu entwickeln. Nicht beteiligt waren Patienten und ambulant tätige Ärzte. Diese sollen jetzt ohne Rücksicht auf die immensen zeitlichen Belastungen ein Verfahren umsetzten, das in dieser Form völlig unnötig ist und gleichzeitig dem Arzt 10 bis 20% seiner Arbeitskraft entzieht. Dieses Vorgehen stiehlt dem kranken Menschen die so notwendige Zuwendung und Aufmerksamkeit durch seine Ärzte und reduziert damit die Qualität in der Medizin. Auch ein in letzter Zeit häufig versprochener Bürokratieabbau sieht anders aus.
Deshalb soll diese Petition ein Appell an unsere Gesundheitspolitiker sein, sich diese bürokratischen Fehlentwicklungen im Gesundheitswesen bewusst zu machen und Abhilfe zu schaffen!
Es ist zum Auswachsen. Die Hausärzte werden mehr und mehr zu Bürokraten entwickelt- ob sie wollen oder nicht. Was ist das Ergebnis? Der Arzt bewältigt Papier, arbeitet viele Stunden ohne Honorar, weil der tatsächlich notwendige Aufwand nicht bezahlt wird. Er ist gefrustet und..... schließt wochenlang die Praxis. Das Bestellsystem, nach dem der Patient seine Krankheiten planen muss, ist katastrophal. Arbeitende Patienten haben kaum noch eine Gelegenheit, eine geöffnete Hausarztpraxis zu finden- zumindest im Raum Bitterfeld. Für die Fachärzte brauche ich auch als chronisch Kranker immer wieder für jedes Quartal eine neue Überweisung oder ich bezahle bei jedem Facharzt meine "Strafgebühr". Zeit für wirkliche Behandlung hat doch wohl ein Hausarzt kaum noch. Er verkommt zum Rezept- und Überweisungsschreiber und zum Buchhalter. Es war wohl so gedacht, dass der Hausarzt der "Lotse" für den Patienten sein soll. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Hausarzt nur noch macht, worauf ich als Pateint selber komme. Hätte ich eine Zulassung, könnte ich mir meine Medikamente und Behandlungen auch gleich selber verordnen. Ob das aber auch immer richtig oder überhaupt notwendig ist, bleibt hier die Frage. Jedenfalls weiß ich nicht mehr, wo in meiner Umgebung ein Arzt ist, der überhaupt noch zuverlässig seine Praxis öffnet. Leider bin ich nicht mehr ganz frisch und habe diverse Abnutzungen (trotz gesunder Lebensweise). Aber arbeiten soll ich bis 67. In meinem Alter schafft es kaum noch jemand ohne Medizin.
Nach den Klinikärzten gehen nun auch die Niedergelassenen auf die Straße: Kassenärzte protestieren gegen Honorarverluste, Arzneiregresse, Bürokratie und politische Gängelung.