Nationale Gedenkfeier in Pirna-Sonnenstein: "Kein Heilsversprechen rechtfertigt die Entscheidung über das Leben anderer"
Das Deutsche Ärzteblatt dokumentiert im Folgenden leicht gekürzt die Rede,
die Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer anlässlich der Gedenkfeier gehalten hat.
Mehr als 60 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, der nicht nur ein Vernichtungskrieg nach außen,
sondern auch ein Krieg nach innen war, haben wir uns heute zur ersten Nationalen Gedenkfeier für die Opfer des
Nationalsozialismus unter den psychisch Kranken und Behinderten versammelt. Dass diese Gedenkveranstaltung
stattfindet, ist richtig und wichtig, aber dass sie erst heute in dieser Form stattfindet, muss uns alle mit Scham
erfüllen. Wir schämen uns dafür, dass psychisch Kranke und Behinderte bis heute zu den häufig vergessenen
Opfergruppen gehören. Lange Jahre des Schweigens haben dieser Opfergruppe in der Nachkriegszeit noch
einmal Unrecht zugefügt. Erst in den 70er-Jahren wurde mit einer kritischen Aufarbeitung der
nationalsozialistischen Untaten im Bereich der Psychiatrie begonnen, zunächst im Westen, in den Jahren nach
der Wende auch in Ostdeutschland, vor allem hier in Sachsen.
Es fällt uns Nachgeborenen noch immer schwer zu verstehen, wie die Tötungsaktionen in Gang gesetzt werden
konnten und dass bei den meisten Tätern kein Unrechtsbewusstsein für ihre Taten bestand. Die
Forschungsarbeiten zur Psychiatrie im Nationalsozialismus haben gezeigt, dass der Medizin
nationalsozialistisches Gedankengut - wie die Selektion des so genannten lebensunwerten Lebens - nicht von
außen aufgezwungen werden musste. Schon in den Jahren davor war ein geistiges Fundament entstanden -
gerade durch die Arbeit jüngerer, reformorientierter Wissenschaftler -, auf dem die Vorstellungen der
Nationalsozialisten aufsetzen konnten. Lange vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten gab es weit
über die Grenzen Deutschlands hinaus einen breit angelegten wissenschaftstheoretischen Diskurs der
Rassenbiologie und der Erblehre, in dem Selektion als etwas Selbstverständliches betrachtet wurde, der in
bedeutendem Maße den gesellschaftlichen Diskurs und Konsens über ethische Grundsätze mitbestimmte.
Die Geschichte der Einrichtung Pirna-Sonnenstein steht stellvertretend für andere psychiatrische Einrichtungen.
Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts wirkten hier Menschen mit progressiven Reformabsichten, die
sächsische Psychiatrie galt insgesamt als vorbildlich. Die Reformvorstellungen trugen jedoch von Anfang an die
Idee der Selektion in sich. Die behandlungs- und arbeitsfähigen Patientinnen und Patienten sollten nach
modernsten Methoden behandelt werden. Hier wollte man Erfolge vorweisen können. Die Kehrseite dieser
Reformüberlegungen war jedoch, dass alle diejenigen, die nicht therapierbar erschienen, beseitigt werden sollten.
Dabei spielten auch - aber nicht nur - finanzielle Überlegungen eine Rolle. Die vorhandenen Mittel für die
Betreuung psychisch Kranker, die im Zuge der Weltwirtschaftskrise stark reduziert worden waren, sollten auf
die Behandlungsfähigen konzentriert werden. Entscheidend ist, dass die reformorientierten Ärzte und Psychiater
für sich in Anspruch nahmen, die Entscheidung treffen zu können, wer behandelbar sein sollte und wer nicht.
Mit der Vorstellung, schweres Leid und Krankheit seien auszurotten, machten sie sich zum Herrn über Leben
und Tod. Und deshalb waren sie offen für, wenn nicht gar aktiv beteiligt an dem industrialisierten
Vernichtungsprogramm.
Die Folgen dieser Ideologie waren grausam: 400 000 gedemütigte, sterilisierte Menschen, 180 000 in den
Gaskammern getötete chronisch kranke und behinderte Menschen, 70 000 ermordete psychisch Kranke in der
berüchtigten ,Aktion T 4', 10 000 ermordete Kinder und Jugendliche und 90 000 durch bewusste so genannte
Hungerkost getötete psychisch Kranke, chronisch Kranke und Behinderte.
Wie war es möglich, die vielen Menschen, die man benötigte, um so etwas durchzuführen, unter dem
medizinischen und pflegerischen Personal zu finden? Wie konnten Menschen, die sich dem Heilen und Helfen
verpflichtet hatten, zu Mördern werden? Antworten auf diese Fragen zu finden ist schwer, trotz aller
Erkenntnisse, die wir inzwischen haben. Dass massiver Zwang gegenüber dem Personal ausgeübt werden
musste, ist inzwischen ebenso widerlegt wie die Vorstellung, dass es sich dabei um besonders aktive Nazis
gehandelt habe. Schon vor Beginn der Aktion T 4 war in verschiedenen Anstalten eine große Anzahl Menschen
getötet worden. Auch dies ein Hinweis darauf, dass der Befehl von oben nicht der entscheidende Auslöser war.
Die offizielle Basis für die Euthanasie war der auf den Kriegsbeginn zurückdatierte Tötungserlass vom Oktober
39 zum so genannten Gnadentod. Der Erlass zeichnete sich dadurch aus, dass er sehr unbestimmt blieb. Die
Ausführung des konkreten Falles wurde in das Ermessen der Ärzte gelegt, ein Befehl zum Töten wurde nicht
erteilt.
Diejenigen, die die Verbrechen ausführen sollten, wurden mit Macht ausgestattet, damit sie das von ihnen
Erwartete aus eigenem Entschluss tun konnten, sei es aus Überzeugung, so dem gesellschaftlichen Fortschritt
dienen zu können, oder sei es aus Gründen der eigenen Karriere. Dieses System bezog die einzelnen Täter
offenbar sehr viel stärker persönlich ein, als dies Befehle allein hätten erreichen können. Sie wurden zu
Komplizen der Macht. Sie erhielten die Legitimation für Handlungen, über die sie selbst zuvor bereits
nachgedacht hatten.
Psychisch Kranken und Menschen mit Behinderungen die Menschenwürde abzusprechen, sofern sie nicht
behandelbar sind, dies bildete die geistige Grundlage für das Morden in den vormaligen Heil- und
Pflegeanstalten. Es kann jedoch alleine die Verbrechen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft
begangen wurden, nicht erklären.
Offenbar war in Deutschland das notwendige ethische Minimum für das Zusammenleben in einer Gesellschaft
nicht mehr vorhanden. Der geplante, auf Effizienz bedachte Vernichtungskrieg gegen Schwache, Behinderte,
psychisch Kranke war in dieser Form Ausdruck der nationalsozialistischen Durchdringung der Gesellschaft mit
ihrer elitären, rassistischen und verrohten Ideologie. Hans Asbeck und Matthias Hamann haben es so formuliert:
,Einfachste Mitmenschlichkeit war als kollektive Selbstverständlichkeit verloren gegangen, sie fehlte als
Bestandteil einer Öffentlichkeit einschließenden republikanischen Kultur.' Widerstand gegen das Morden in den
Heil- und Pflegeanstalten gab es nur sehr vereinzelt. Am wichtigsten waren sicherlich die Predigten von
Kardinal Graf von Galen, die schließlich zum offiziellen Ende der Aktion T 4 führten.
Die wenigsten der Täter in den psychiatrischen Anstalten wurden hart bestraft oder wie Nitsche zum Tode
verurteilt. Die weitaus größte Zahl konnte ihre Tätigkeit in Medizin und Psychiatrie fortsetzen. Schon wenige
Jahre nach dem Krieg wurde in vielen Fällen nur auf Beihilfe zu Mord oder gar nur Totschlag erkannt, mildernde
Umstände wurden geltend gemacht. Auch die Opfer, die zwangssterilisiert worden waren, wurden nicht als
Verfolgte anerkannt. Eine Distanzierung von den Taten erfolgte nicht, die Opfer wurden erneut diskriminiert.
Deshalb ist es aus meiner Sicht die wichtigste Aufgabe für heute und für die Zukunft, sich intensiv mit den
Leitgedanken auseinander zu setzen, die die Basis für das Morden bildeten, und zu prüfen, in welcher
Kontinuität aktuelle Debatten stehen.
Dabei wende ich mich jedoch gegen den Versuch, in der Diskussion allzu schnell Parallelen zum
Nationalsozialismus zu ziehen. Denn es besteht die Gefahr, dass wir durch den Vergleich den Opfern der
nationalsozialistischen Herrschaft nicht gerecht werden. Grundlage für die Vernichtung der jüdischen
Bevölkerung ebenso wie für die Morde an den psychisch Kranken waren politische Entscheidungen. Die
Verfahren waren geplant und organisiert, wir können von einer industriellen Tötungsmaschine sprechen. Diese
Besonderheiten sind bislang beispiellos in der Geschichte. Dies sollten wir nicht vergessen, auch wenn wir uns
mit dem ideologischen Fundament beschäftigen, das hinter dem Morden stand.
Die Ermordung von psychisch Kranken und Behinderten wurde im Namen der Gesundheit des Volkes
durchgeführt. Die nationalsozialistische Ideologie verstand ihre Gesundheitspolitik als Unterstützung der
Starken, die Schwachen zu stärken erschien so als nutzlos. Dieser Punkt gehört für mich zu den schrecklichsten
in der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus. Er zeigt, dass man sich im Namen der
Gesundheit auch zutiefst an menschlichen Werten vergehen kann. Wie schmal der Grat sein kann und wie leicht
es zu einer Verstrickung kommen kann, das sollte uns immer Mahnung sein.
Die Gesundheit der Menschen zu erhalten und wiederherzustellen ist und bleibt ein wichtiges Ziel. Dahinter darf
jedoch nicht das Versprechen einer Gesellschaft stehen, in der es kein Leid mehr gibt. Auch wenn wir immer
besser über die Ursachen von Krankheiten Bescheid wissen, Krankheit, Leid und am Ende der Tod werden
immer zum Leben der Menschen gehören. Gerade in einer Gesellschaft, in der das Leitbild ,jung und gesund'
immer dominanter wird und in der die Möglichkeiten zur Prävention von Krankheiten steigen, müssen wir uns
der Gefahr sehr bewusst sein, die dies für unser Denken hat. Die Idealvorstellung von einer Gesellschaft ohne
Leid führt sehr schnell dazu, dass Kranke und Menschen mit Behinderungen ausgegrenzt werden.
Wir stehen vor schwierigen ethischen Fragen in der Medizin, ich nenne beispielhaft die Auseinandersetzungen
um die Präimplantationsdiagnostik oder die Bioethik-Konvention. Es geht um die Frage: Was darf für andere
entschieden werden? Die Versprechen sind groß. Sie lauten in der Debatte um die Bioethik-Konvention: Wenn
wir nur schnell genug auch an Nichteinwilligungsfähigen forschen dürfen, dann werden wir Demenz und
Alzheimer in absehbarer Zeit besiegen können. Bei der Präimplantationsdiagnostik wird versprochen, dass mit
Erbkrankheiten belastete Eltern gesunde Kinder zur Welt bringen können. Die Frage ist für mich persönlich
nicht, ob diese Versprechungen jemals erfüllt werden können. Die Frage ist vielmehr, was bedeutet dies für eine
Gesellschaft, für das Zusammenleben mit Menschen, die krank oder behindert sind. Meine Lehre aus der
Geschichte ist, dass kein Heilsversprechen die Entscheidung über das Leben eines anderen Menschen
rechtfertigt. Angesichts der neuen Möglichkeiten in der Medizin erfordert dies von uns allen
Selbstbeschränkung. Ob diese Position in unserer Gesellschaft mehrheitsfähig ist, weiß ich nicht, aber ich werde
mich dafür einsetzen.
Wenn wir heute mehr wollen, als mit dem Gedenken einer lange vernachlässigten Pflicht nachzukommen, dann
sollten wir uns selbst auf Grundsätze verständigen, für die wir eintreten. Eine menschliche Gesellschaft ist nur so
stark wie ihre schwächsten Glieder! Lassen Sie uns eintreten für mehr Respekt vor dem Leben in seiner
Unvollkommenheit, für das Recht auf Verschiedenheit und für Respekt vor dem Leben in jeder Form."
Die Rede ist in vollem Wortlaut über das Internet (www.bmgesundheit.de) abrufbar.
»Fast alle psychiatrisch Tätigen waren damals den Weg der Entwertung ihrer Patienten schon so lange
mitgegangen, dass es offenbar schließlich für einen kollektiven und systematischen Widerstand . . . zu spät war.«
Klaus Dörner in: "Medizin im Dritten Reich"