© Deutsches Ärzteblatt; Deutscher Ärzte-Verlag GmbH
Dtsch Arztebl 2004; 101(9): A-593 / B-492 / C-484
Kraft, Hartmut
Kunst und Psyche: Wenn die Welt verschwindet
VARIA
„Paesaggio portato via e mutante“, Mischtechnik auf Papier, 35 cm × 50 cm, signiert, betitelt und datiert 28. März 1997 bis 4. Januar 2003 Foto: Eberhard Hahne
Der Traum vom Fliegen ist so alt wie die Menschheit. Er findet sich in alten Sagen (zum Beispiel Dädalus und Ikarus), in der Mythologie (Hermes der fliegende Götterbote) und in der Technik, angefangen bei den Konstruktionszeichnungen von Leonardo da Vinci über Bertlinger, den Schneider von Ulm, bis hin zu Panamarenko (geboren 1940), den belgischen Objektkünstler.
Auf der Schwäbischen Alb wurde dieser Traum von einem chronisch schizophren erkrankten Mann weiter geträumt. Der 1903 geborene Gustav Mesmer hat zeit seines Lebens nicht aufgehört, seinen Traum zu verwirklichen, eines Tages mit seinem „Flugfahrrad“ von Ort zu Ort zu fliegen. Erstmalig am 10. Oktober 1932 heißt es dazu lapidar in der alten Krankenakte: „Hat eine Flugmaschine erfunden, gibt entsprechende Zeichnungen ab.“ Die großen Propeller- und Düsenflugzeuge waren dabei seine Sache nicht: „Die mache doch nur Lärm und stinke tuens.“ Auch die Segelflieger entsprachen nicht seinen Vorstellungen: „Da sagt der Wind, wo es lang geht. Ich will fliegen von Ort zu Ort, wie ein Vogel, mit meinem Fahrrad, wohin ich will!“ Mit großer Energie entwarf Mesmer Flugapparate, stellte sie in Aquarellen dar und baute ganz real Prototypen. Im psychiatrischen Altenheim, in dem er seit 1964 lebte, wurde ihm ein ehemaliger Stall als Werkstatt zur Verfügung gestellt. Unbeeindruckt von allen Misserfolgen bei seinen Selbstversuchen auf dem Flugfahrrad, verfolgte Mesmer seine Pläne. Die Verwirklichung des Traums vom Fliegen aus eigener Muskelkraft war sein Lebensziel jenseits aller Anstaltsmauern. Seine fluguntauglichen Flugobjekte sind faszinierende Symbole für das unablässige Bemühen der Menschen, die von der Wirklichkeit real oder vermeintlich gesetzten Grenzen hinauszuschieben, sich durch Rückschläge nicht beirren zu lassen: „Vielleicht klappt es mal, wenn nicht, habe ich probiert, was möglich ist“, sagte Mesmer einmal. Seine Arbeit war eine höchst kreative Bewältigungsstrategie und Sinnsuche in einer durch Krankheit und Institutionen eingeengten und nur wenig anregenden Umgebung. Hartmut Kraft

Biografie Ferdinando Greco
Geboren 1939 in Rovello, Italien. Studium an der Kunstakademie in Mailand. Die Arbeiten von Greco sind geprägt von einer Malerei, die Fotografie, Collagen, Fundstücke und auch Texte mit einbezieht. Lebt in Saronno, Italien.

Literatur
Greco F: rencontre avec . . ., Musée Cantonal des Beaux-Arts, Lausanne 1981. Greco F: Paesaggio Portato Via. Living Art Gallery, Mailand 1996.
Wunderlich U: Der Tanz in den Tod – Totentänze vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Eulen Verlag, Freiburg 2001.
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